„Die Welt kreist nämlich um die Sonne, und von der Erde sind wir nur geliehen.“
Welche Tiere und Pflanzen sind es, die heute, an diesem Tag und während ich diese Zeilen schreibe für immer von der Erde verschwinden, die aussterben, die es nie mehr geben wird? Vielleicht sind es Fische oder Frösche, Blumen oder Korallen. Vielleicht haben sie noch gar keinen Namen, weil sie noch nicht entdeckt worden sind. Schätzungsweise 150 bis 200 Arten sterben an jedem Tag aus. Und nur ein Teil der Flora und Fauna auf dem Planeten sind bisher erfasst worden.
Sechstes Massensterben
Der Artenschwund ist eine der großen Bedrohungen unserer Zeit, gleichrangig mit dem Klimawandel und zu einem großen Teil auch von ihm bedingt. Und er hat einen Namen erhalten: das sechste große Massensterben – verursacht von uns Menschen. Die US-amerikanische Journalistin Elisabeth Kolbert hat in ihrem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten gleichnamigen Buch darüber geschrieben. In den kommenden Jahren könnten rund eine Million Arten vom Erdball verschwinden, schätzt die Umweltorganisation WWF ein. Ein Viertel der Säugetierarten, jede achte Vogelart, mehr als 30 Prozent der Haie und Rochen sowie 40 Prozent der Amphibienarten sind bedroht. Laut dem Naturschutzbund steht ein Drittel der heimischen Wildpflanzen-Arten in Deutschland auf der Roten Liste.
Viele Wissenschaftler und auch Autoren beschäftigten sich in den vergangenen Jahren damit. Der Stapel der bisher zahlreich erschienenen Bücher wird nun um einen besonderen Band ergänzt – und bereichert. Der Leipziger Schriftsteller Matthias Jügler, von dem zuletzt der Roman „Maifliegenzeit“ erschienen ist, bat Kolleginnen und Kollegen, über je eine ausgestorbene Tier- und Pflanzenarzt zu schreiben. Entstanden ist eine eindrückliche und faszinierend vielfältige Anthologie mit 19 Porträts von Spezies aus Flora und Fauna, die es nicht mehr gibt.

Die Liste der namhaften SchriftstellerInnen, die bisher mal mehr mal weniger über Tiere und Pflanzen geschrieben haben, liest sich wie das Who is Who der deutschsprachigen und internationalen Literatur. Mit dabei sind: T.C. Boyle, Alex Capus, Daniela Dröscher, Kim de l’Horizont, Helen Macdonald, Melanie Raabe, Julia Schoch, Clemens J. Setz, Caroline Wahl, Iris Wolff, John Burnside, Elena Fischer, Charlotte Gneuß, John Ironmonger, Katerina Poladjan, Henning Fritsch, Katrin Schumacher, Antje Rávik Strubel, Jackie Thomae und Iida Turpeinen.
Wunderbar vielfältig
So verschieden die literarischen Stimmen so mannigfaltig sind die beschriebenen Arten, die auf verschiedenen Kontinenten gelebt haben, unterschiedliche Größen und Formen besaßen. Einige sind bekannter als andere. Die Tierarten sind indes in der Überzahl. Wir begegnen unter anderem dem Auerochsen, dem Hawaiianischen Berghibiskus und dem Beutelwolf, dem Riesenvampir, dem Schuppenkehlmoho und dem Kaspischen Tiger.
„“(…) und plötzlich kommt alles zum Stehen (…) und ein kurzes Stocken des Atems, und dann geht der Satz weiter, aber einen Moment lang ist sie da, die alles verschlingende zarte Trauer, wenn wir dieses Tíer betrachten, groß und sanft, für immer fort.““ (Iida Turpeinen: „Das Wesen des Lebens“ in: Daniela Dröscher: „Der Leopard in den Wolken“)
Jede/r Schriftsteller/in hat ihre/seine eigene Art, sich dem Tier oder der Pflanze und der Geschichte ihres Verschwindens anzunähern. Mal eher sachlich, mal historisch oder in die heutige Zeit verpflanzt, mal melancholisch, mal eher heiter oder gar irrwitzig und grotesk, beispielsweise als die Stellersche Seekuh bei einem Empfang auftaucht (Katerina Poladjan & Henning Fritsch) oder der Beutelwolf als Mitglied der Gruppe „Last Animals“ durch das heutige Berlin streift (Caroline Wahl).
In der Literatur angekommen
Jeder wird wohl seine Lieblingsgeschichte finden, sich später näher mit einer oder mehreren Arten beschäftigen wollen; womöglich auch durch weitere Literatur. Jüglers Band brachte mich dazu, mich an die wunderbaren Romane „Der Letzte seiner Art“ der Französin Sibylle Grimbert über den Riesenalk sowie „Das Wesen des Lebens“ der Finnin Iida Turpeinen über die Stellersche Seekuh zu erinnern und an dieser Stelle noch einmal eine Empfehlung auszusprechen.
Der Band ist in erster Linie eine Reise in die Vergangenheit. Er lehrt uns vieles, zeigt, welche Arten es gegeben hat, welche Arten durch unser Verhalten nicht mehr existieren. Die Anthologie hält uns deshalb auch einen Spiegel vor. Viele der Arten wurden aufgrund der Gier des Menschen und seines Unwissens ausgelöscht, in riesiger Zahl abgeschlachtet wie die Wandertaube, die in riesigen Schwärmen in Nordamerika heimisch war. In anderen Fällen war das Verschwinden des Lebensraums Grund für das Aussterben oder wie im Fall der Laysan-Ralle eine vom Menschen eingeschleppte Art. In einigen Texten wird die Hoffnung beschrieben, dass es vielleicht doch noch irgendwo ein Exemplar jener bedrohten Art gibt. Eine oft trügerische Hoffnung. Oft war das Aussterben eine Sache von nur wenigen Jahrzehnten.
Liebevolle GEstaltung
„Wir dachten, wir könnten fliegen“ ist wegen der Vielfalt seiner Texte, aber auch wegen der liebevollen Gestaltung im Allgemeinen und speziell dank der wunderbaren Illustrationen der Illustratorin Barbara Dziadosz ein Geschenk für jeden Naturfreund, für jeden von uns, der noch immer staunen kann über das Leben, seine Kraft, seine Vielfalt, die es gilt zu bewahren.
Vielleicht kann Literatur nicht die Welt ad hoc verändern. Manchmal reicht jedoch ein klein Anstoß, um etwas Großes zu bewirken. Und wenn es nur etwas mehr Wissen, etwas mehr Empathie oder der demutsvolle Gedanke ist, nur ein winziger Teil des großen Ganzen zu sein. In seinem Vorwort schreibt Matthias Jügler: „Ich bin der festen Überzeugung, dass die bloße Beschreibung einer Art nicht ausreicht, um sie von den Toten zu erwecken. Für diesen Zauber brauchen wir die Literatur.“
Matthias Jügler (Hrsg.): „Wir dachten, wir könnten fliegen. 19. Geschichten über den Verlust der Arten und die Kraft der Literatur“, erschienen im Penguin Verlag, mit Illustrationen von Barbara Dziadosz; 256 Seiten, 32 Euro
Foto von Arnaud STECKLE auf Unsplash

