Anne Stern – „Die weiße Nacht“

„Ab und zu versuchen wir, aus dem Loch zu klettern, in das wir gefallen sind. Aber die Toten ziehen uns zurück.“

Berlin, 1946. Die einst stolze Stadt eine Trümmerwüste, die Menschen versehrte Überlebende, der Winter erbarmungslos. Auf der Suche nach Motiven stößt Marielouise „Lou“ Faber in den Ruinen von Berlin-Kreuzberg wenige Tage vor Weihnachten auf eine weibliche Leiche, deren Hände gefaltet sind. Noch kann die junge Frau mit der Leica nicht ahnen, dass sie Teil der Ermittlungen von Kommissar Alfred König wird, der sich auf die Suche nach dem Täter begibt. „Die weiße Nacht“ ist der mehr als vielversprechende Auftakt einer neuen historischen Krimireihe aus der Feder von Anne Stern um ein ungleiches Ermittler-Paar.

Stunde Null für alle

Bei nur einer Leiche bleibt es indes nicht. Eine zweite tote Frau ähnlich drapiert wie die erste wurde wenige Wochen zuvor in Neukölln entdeckt, was König später erfährt. Was verbindet die beiden Opfer – und was hat die dritte Leiche, ein junger Mann am Flughafen Tempelhof, mit diesem Fall zu tun? Keine leichte Aufgabe für den Kommissar, der anderthalb Jahre nach dem Kriegsende ebenfalls vor einem Neuanfang steht. Der einstige Jurist hatte an der Front gekämpft und sich später den Befehlen verweigert, worauf er ins Zuchthaus gesteckt wurde. Mit körperlichen wie seelischen Folgen.

Nun leitet er eine wenn auch überschaubare Ermittlungseinheit der Berliner Polizei, der es nicht nur an geeignetem Personal, sondern auch an der grundlegenden Ausstattung mangelt. Und mehr noch. Wichtige Akten sind in den letzten Kriegstagen zerstört worden. König und sein Kollege Inspektor Trautwein fahren S-Bahn anstatt eines schnittigen Polizeiwagens. Ein Schreibfräulein nimmt mit einer Kofferschreibmaschine die wichtigsten Informationen auf. Es gilt zu improvisieren, mit dem auszukommen, was vorhanden ist. Und wenn es nur das Nötigste ist. Lou ist der Polizei mit ihrer Intuition oftmals einige Schritte voraus.

Als die Bilder des Tatort-Fotografen unbrauchbar sind, sucht König den Kontakt zu Lou, um an ihre Aufnahmen zu gelangen. Eine zunächst eher unfreiwillige Zusammenarbeit nimmt ihren Lauf, die sich zunehmend zu einer gegenseitigen Faszination entwickelt. Beide sind Versehrte. Denn Lou, die mit ihrer Kamera und in den Stiefeln eines erhängten Deserteurs durch die Stadt streift, hat wie König eine traurige Vergangenheit und viel Leid erlebt. Der Polizei misstraut sie. Den beiden markanten Hauptfiguren stellt Stern weitere Protagonisten mit ihren jeweiligen Geschichten zur Seite. Da ist Justus, ein Flüchtling aus den Ostgebieten, der im Berliner Schwarzmarkthandel mitmischt, da ist Gregor, der sich Tausende Kilometer entfernt in russischer Gefangenschaft in einem Lager befindet und in späteren Bänden wohl eine nicht unwesentliche Rolle spielen wird, wie einige Andeutungen schon erahnen lassen.

„Berlin war nicht länger der Mittelpunkt der Welt, wenn das überhaupt je der Fall gewesen war. Aus der einstigen Königin war eine zerlumpte Bettlerin geworden, die für ihre Sünden büßen musste.“

Anne Stern, 1982 in Berlin geboren, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Ihre bisher acht Romane, in den 20er- und 30er-Jahren angesiedelt, über die Berliner Hebamme „Fräulein Gold“ (Rowohlt) haben auf den Beststellerlisten gestanden. Im vergangenen Jahr erschien ihr Roman “Wenn die Tage länger werden” (Aufbau). Mit ihrer neuen Reihe führt sie nun die Lesenden in das zerbombte Berlin der Stunde Null, in den Hungerwinter 1946, dem in Deutschland etwa Hunderttausende Menschen durch Kälte, Unterernährung und Krankheiten zum Opfer fielen.

Mit „Die weiße Nacht“ ist man mittendrin und erfährt eine spannende Lektüre, die betroffen macht. Stern schreibt atmosphärisch, bringt anhand ihrer Figuren und bildhafter Szenen diese ebenfalls düstere und herausfordernde Nachkriegszeit, das Leid und den Überlebenskampf, aber auch die Menschen in ihrer ganz persönlichen Stunde Null vor Augen. Es mangelt an allem – an Essen, geeigneter Kleidung, Brennstoff, sicherem Wohnraum. Freude bereiten die kleinsten, alltäglichen Dinge: eine Tasse mit richtigem Kaffee, der Duft von frisch gebackenen Brötchen.

Die Folgen für die Menschen

Stern beschreibt die verschiedenen Menschen: die Täter, die Mitläufer, die Opfer. Und auch jene, die dem Dritten Reich hinterhertrauern. Ein Land muss sich neu finden nach einer grausamen Zeit. Immer wieder stellt sich der Roman die Frage, was haben diese Jahre der Diktatur und des Krieges mit all seiner unfassbaren Gewalt und Zerstörung mit den Menschen gemacht, welche Verluste sind zu beklagen – ob es Angehörige und Freunde, die eigene Gesundheit oder eigene Ansichten und Lebensträume sind. Der Roman ist ein eindrücklicher Krimi und zugleich ein großartiges Panorama dieser Zeit, das eine Kriminalgeschichte, die von einem grausamen Kapitel der Nazi-Zeit erzählt, in sich trägt.

Letztlich steuern die Ermittlungen auf ein Ende zu, das Stück für Stück aufgebaut wird und nicht wirklich überrascht, aber einmal mehr zeigt, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind – vor allem gegenüber den Schwächsten.

 


Anne Stern: „Die weiße Nacht“, erschienen im Piper Verlag; 400 Seiten, 25 Euro

Foto: Bundesarchiv/Erich O. Krüger

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