„Man hat aufgehört, die Leben zu zählen.“
In nur wenigen Momenten nimmt ihre unbeschwerte Jugend ein bitteres Ende. Nach dem Einmarsch deutscher Soldaten 1941 wird Nelkas Vater an einem Julitag in Lemberg auf offener Straße erschossen. Sie selbst wird wenige Tage später auf dem Weg zur Bäckerei „einkassiert“ und mit nur 16 Jahren und zahlreichen weiteren Mädchen nach Norddeutschland verschleppt, wo sie fortan als Zwangsarbeiterin auf einem Gutshof schuften muss. Svenja Leiber erzählt in ihrem neuen Roman am Beispiel ihrer Protagonistin von der Ausbeutung und dem Leid unzähliger Frauen während des Zweiten Weltkriegs.
Ein Brief und ein Apfelbaum
Leiber, 1975 in Hamburg geboren, ist in Norddeutschland aufgewachsen. Den Anstoß für ihr nun jüngstes Werk gaben mehrere Geschehnisse, wie sie im Nachwort ihres Romans schildert: ein Brief einer ukrainischen Frau, die im Haus der Nachbarn einst als Jugendliche gearbeitet hatte, viele Reisen nach Osteuropa – und ein Apfelbaum, um den sich ein Gespräch mit älteren Einwohnern ihres Heimatortes kreiste. All das fügt sich zu einer berührenden Geschichte zusammen, die in Lemberg, dem heutigen Lwiw, ihren Anfang nahm und – mittels Zeitsprüngen erzählt – mehrere Jahrzehnte umfasst.

Denn Nelka, Tochter des Pomologen Wendelin Lechner, der sein reiches Wissen an sein Kind weitergegeben hat, kehrt nach einem halben Leben und als alte Frau auf jenen Gutshof zurück und damit in jenes Land, das sie nie mehr sehen wollte, dessen Sprache sie nie mehr hören wollte. Es ist eine Wiederbegegnung mit Marten, der einst das Anwesen als Verwalter des Gutsbesitzers Freiherr von Kretz geführt hatte, und ein Abtasten zwischen zwei Menschen, umgeben von einer düsteren Vergangenheit. Zahlreiche Frauen und Männer leisteten hier schwere körperliche Zwangsarbeit – in den Ställen und auf den Felden, in der Mühle, in der Schlachterei.
Ausbeutung und Erniedrigung
Dass Nelka, ihrem bekannten Leben, ihrer Heimat und ihrer Zukunft beraubt, diese grausame Zeit überlebt hat, womöglich damit als Tochter einer Jüdin dem Holocaust entkommen konnte, bringt kein Licht und keinen Trost in diese Geschichte. Mit der Verschleppung nimmt ihr noch junges Leben eine unvorhergesehene wie unheilvolle Wendung. Die aufkeimende Liebe zu dem ein Jahr älteren Yasha wird abrupt beendet. Nelka erfährt Ausbeutung, Erniedrigung auf Grundlage des faschistischen Menschenbildes und den Tod einer befreundeten Zwangsarbeiterin.
Marten holt Nelka, für die er Gefühle hegt, schließlich als Haushälterin ins Gutshaus. Nicht nur um sie vor der harten Feldarbeit zu bewahren und ihr nah zu sein, sondern vor allem um ihr umfangreiches Wissen zum Apfelanbau auszunutzen. Er plant, eine Obstplantage anzulegen und zählt letztlich zu den Gewinnern des verheerenden wie menschenfressenden Krieges, als später sein Plan dank Nelkas Wissen reiche Früchte trägt. Ein Wohlstand, der auf Unrecht, Leid und Schmerz basiert.
„Dieses Entsetzen über all das. Über alles, was hier die alte Welt zerreißt wie die Mutter einst alten Stoff, der verschlissen war, mit einem einzigen Ratsch. Das Entsetzen darüber ist verblasst, und auch das Lächeln ist verschwunden.“
Nach ihrem Roman „Kazmira“, 2021 erschienen, über zwei Familien und den Bernstein-Tagebau an der Ostsee wendet sich die Autorin erneut dem Schicksal von Frauen zu und rückt ein bisher wenig beachtetes Thema in den Fokus: das Leid speziell der Zwangsarbeiterinnen aus den besetzten Ost-Gebieten. Rund 20 Millionen Menschen wurden einst von den Nationalsozialisten verschleppt, um in Unternehmen, im Bergbau und in der Landwirtschaft gegen ihren Willen und unter widrigen wie unwürdigen Bedingungen schwere körperliche und oft auch lebensgefährliche Arbeit zu leisten. „Große Teile des Reichtums von Industriellen-Familien und Unternehmen beruhen auf einst geleisteter Zwangsarbeit“, erinnert Leiber mit Nachdruck am Ende des Buches. Sie könne speziell die norddeutsche Landschaft nicht mehr betrachten, ohne an die Frauen zu denken.
„Jeva hielt inne, sah ihre Tochter verwundert an und sagte schließlich, das sei vielleicht, was die Menschen lernen sollten: in einer Welt der Zähne nicht zu beißen.“
Mit „Nelka“ bringt Svenja Leiber ein besonderes Kapitel deutscher Geschichte in die Wahrnehmung und in das Gedächtnis zurück. Ihr neuer Roman, in einer glanzvollen sprachlichen Schönheit verfasst, findet die richtigen Wörter und Wendungen sowohl für das Grauen als auch für die Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten und eine nie endende Bejahung des Lebens – trotz allem.
Die Vergangenheit lässt die Menschen nicht los, das erfährt auch Nelka, die später ein einfaches und zugleich beeindruckendes Leben führt – als Mutter, Großmutter und Lehrerin in einem Waisenhaus. Eine literarische Heldin, die in Erinnerung bleiben wird. Ein eindrücklicher Roman gegen das Vergessen.
Svenja Leiber: „Nelka“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 200 Seiten, 24 Euro
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