„Manche Dinge haben keine erste Sekunde.“
Wittenmoos – das klingt nach einem recht überschaubaren Ort, in diesem Namen liegt auch ein bestimmter Duft: nach Wald, Wasser, nach Natur. In Wittenmoos leben drei Frauen, die nicht unterschiedlicher, aber auch nicht ähnlicher sein können: Liese, Cora und Eva. Das sind Großmutter, Mutter und Tochter, drei Generationen. Und über die erzählt Hannah Häffner in ihrem Roman „Die Riesinnen“, dem ein ganz besonderer Zauber innewohnt.
Trotzen dem Gegenwind
Riesinnen – der Titel passt wie kein zweiter zu dieser Geschichte, die in den Schwarzwald führt und mehrere Jahrzehnte umfasst. Liese, Cora und Eva sind großgewachsen oder werden es im Laufe des Geschehens sein. Und wenn man riesig auch mit dem Wörtchen stark beschreiben kann, sind sie es auch. Sie verlieren viel, trotzen dem Gegenwind im Dorf, müssen Abschiede verschmerzen, und doch bleiben sie sich treu und behaupten sich.

Liese wird früh Witwe. Sie übernimmt die Fleischerei ihres Mannes Bernhard, das Leben, die Welt ist in den 50ern/60ern noch eine andere. Als Cora auf die Welt kommt, muss ihr Vater seinen Wunsch nach einem männlichen Erben begraben und ihre Mutter ihren Traum, in die Ferne zu ziehen. Cora wird hingegen diesen Traum ausleben – bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Als sie ungewollt schwanger wird auf ihren Reisen durch Europa, nach Paris und Italien, kehrt sie zurück nach Wittenmoos. Die Heimat wird ihr Halt geben, ihr wie später ihrer Tochter Eva eine Perspektive schenken, auch wenn sie dann und wann hadert. Liese und ihre Tochter eröffnen schließlich ein gutgehendes Gasthaus, Eva wird nach einem „Ausflug“ in die große Stadt zum Studium dem Ruf des Waldes folgen.
Klein, aber vertraut
So vergehen die Jahre und Jahrzehnte. Der Leser begleitet die drei Frauen, ist immer nah dran – an ihnen, an ihren Erlebnissen, ihrem Alltag. Nicht immer sind sie sich dabei grün. Doch das Band, das sie verbindet, ist stets stark. Und auch jenes Band zum Ort der Herkunft, der klein, aber so vertraut ist. Der nur ein ganz normales Leben zulässt, aber wer sagt, dass dieses nicht schön und besonders sein kann. Es kommt immer auf dem Blickwinkel an.
„Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde, und man muss damit leben.“
Genau das macht diesen Zauber von Häffners Roman aus. Er beschreibt die kleine Welt in der großen, erzählt von der Kraft der Heimat, ohne jemals kitschig zu wirken. Eitel Sonnenschein gibt es nicht, vielmehr kracht es oft gewältig. Denn dieses Landleben ist keineswegs eine Idylle. In dem Dorf kann es rau zugehen, davon kann Franz, Luises heimliche Liebe, wohl ein Lied singen, der ausgegrenzt wird und bei den Einwohnern keinen leichten Stand hat. Jeder kennt jeden, jeder spricht über jeden, und nicht immer gut, wenngleich manch Geheimnis erst am Ende aufgelöst wird.
„Die Menschen beklagen die Toten, die Lücken, die sie lassen, und ziehen nicht in Betracht, dass vielleicht gerade diese eine Lücke so gedacht und gewollt war, dass die Welt erst mit dieser Lücke wieder ganz ist.“
Häffner ist der Schauplatz ihres Romans vertraut. Das merkt man ihrem Buch deutlich an. 1985 in Heidelberg geboren, lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Werbetexterin. Vor den „Riesinnen“ schrieb sie Krimis. Dieser Roman landete bereits auf der Spiegel-Bestsellerliste, erntete unzählige lobende Kritiken von Leserinnen und Lesern. Ein wenig kann man schon ahnen, dass er sich womöglich am Jahresende als Liebling der unabhängigen Buchhandlungen 2026 erweisen wird.
Selbstbehauptung und Suche nach dem Lebensweg
Seine Sprache ist von der ersten Seite an einnehmend und poetisch, schwingt in einer ganz eigenen Frequenz und verleiht den Orten eine spezielle Atmosphäre. Die Wirkung lässt sich nur schwer beschreiben. Der Roman, der den Frauen bewusst den Vortritt lässt und Männer in die Riege der Nebenfiguren stellt, nimmt einen ein, umfängt einen, berührt. Es geht um den Ort zum Leben, der manchmal näher ist, als man denkt, es geht um Selbstbehauptung sowie Kraft und Ausdauer auf der Suche nach dem eigenen Weg. Der steinig sein kann, aber letztlich Erfolg verspricht. Wie Häffner ihre Protagonistinnen beschreibt, ihr Scheitern und ihr Siegen, darin steckt ganz viel Menschlichkeit und Empathie. Eine Haltung, die heute kostbar ist wie keine andere.
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Hannah Häffner: „Die Riesinnen“, erschienen im Penguin Verlag; 416 Seiten, 24 Euro
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