Sophie Van der Linden – „Im Licht der Lofoten“

„Nach und nach begann diese Landschaft in mir zu wirken. Ich musste sie malen. Dringend.“

Immer wieder zieht es sie in den hohen Norden. Ihr Domizil eine Hütte, ihre Zeit der arktische Winter. Nun reist die schwedische Malerin Anna Boberg ein letztes Mal auf die Lofoten, um die raue Landschaft, das unverwechselbare Licht in einem besonderen Werk einzufangen. Welche Bedeutung der Ort für die Künstlerin hatte, was ihre Kunst und ihr Selbstverständnis prägte, darüber hat die französische Autorin Sophie Van der Linden ein sinnliches wie eindrückliches Buch geschrieben.

Gemälde heute im Nationalmuseum

In den vergangenen Jahren gab es mehrere Entdeckungen und Erinnerungen an große skandinavische Künstlerinnen, die fast in Vergessenheit geraten sind. Man denke an Hilma af Klint (1862-1944) und die Biografie von Julia Voss, an Helene Schjerfbeck (1862-1946) und das Buch von Barbara Beuys. Nun also Anna Boberg (1864-1935). Als Tochter des Architekten Friedrich Wilhelm Scholander in Stockholm geboren, studierte sie Französisch sowie kurze Zeit Kunst in Paris, worin sie sich später vor allem autodidaktisch weiterbildete. Sie war als Porzellanmalerin und Textilgestalterin tätig. Ihre Arbeiten wurden zu den Weltausstellungen in Chicago und Paris gezeigt. Ihre Gemälde befinden sich heute im Nationalmuseum in Stockholm.

Ihre Faszination für das norwegische baumlose Archipel, die sie fast ein ganzes Leben begleitet und in sich trug, beginnt nach einer ersten Reise mit ihrem Mann, dem Architekten und Designer Ferdinand Boberg, der als einer der bekanntesten seiner Zunft große Aufträge verwirklicht, aber auch die Hütte als Atelier für seine Frau auf den Lofoten entwirft. Ihr dortiger regelmäßiger Aufenthalt bedeutet eine bewusst in Kauf genommene Einsamkeit und eine monatelange Trennung von ihrem Mann, den sie indes schmerzlich vermisst.

Ein anderes Reisen damals

Van der Lindens Werk ist mit seinen nicht mehr als 120 Seiten von schmalem Umfang, aber vermag es dennoch viel über die Künstlerin und ihre Zeit zu vermitteln und vor allem die Besonderheiten des Ortes, den Boberg anzog wie kein zweiter, zu beschreiben. Eine Inselgruppe allerdings, die heute vom Massentourismus gezeichnet ist, wo rund 24.000 Einwohner jedes Jahr auf Hunderttausende Touristen aus aller Herren Länder treffen.

Anna Boberg, Foto aus dem Jahr 1910, aus Stockholm Stadsmuseum
Anna Boberg, Foto aus dem Jahr 1910, Stockholm Stadsmuseum

Da erscheint Bobergs Zeit fast wie ein Idylle, in der das Reisen noch langsam und sehr bewusst geschieht. Sie nimmt den Zug, das Postschiff, ein Fischerboot. Einen großen Teil ihrer ersten Tour mit Start in Schweden an der Seite ihres Mannes erwandert sie. Die Malerin scheint eine freiheitsliebende Vielreisende gewesen zu sein, die mit Ferdinand indes einen verständnisvollen Partner gefunden hat. Van der Lindens Roman, der Boberg zur Erzählerin werden lässt, schildert markante Kapitel und Wendepunkte ihres Lebens: die Flucht aus dem Schweizer Mädchen-Internat nach Paris, ein Aufenthalt in Andalusien, wo sie zum Malen kommt, auch Indien ist eines ihrer Ziele, an das sie zurückdenkt.

Auch dem künstlerischen Selbstverständnis der Schwedin widmet sich die Autorin. Boberg bricht eine Lanze für die Landschaftsmalerei und zugleich für die Anerkennung der Frau in der Kunst, nach der sie selbst strebt und diese auch vehement einfordert. Letztlich verändert die Malerei ihren Blick auf die Welt.

„Um mein unermessliches Verlangen zu stillen, etwas zu erschaffen, muss ich mir selbst gehören.“

Sophie Van der Linden wurde 1973 in Paris geboren. Ihr Debütroman „La Fabrique du Monde“ (2013) erhielt zahlreiche Preise und war für den Prix des Libraires sowie für den Prix du Premier Roman nominiert. Ihr Roman „Eine Nacht, ein Leben“ erschien 2018 im mare Verlag. „Im Licht der Lofoten“ stand auf der Shortlist für den Prix Orange du Livre.

Das Gemälde „Fjäll, Studie från Nordlandet“, das das Bergmassiv auf der Insel Stormolla zeigt, inspirierte die Autorin zu ihrem Buch, wie sie in den Anmerkungen am Ende schreibt. Bobergs Werk gehört zu den Sammlungen des Nationalmuseums Stockholm und war im Sommer 2021 im Pariser Musée d‘ Art zu sehen. Das Bild ist auf der Rückseite des Buchumschlags zu sehen, die Vorderseite ziert das Gemälde „Ein arktischer Frühlingstag“.

„Draußen malte ich dann wie automatisiert. Mein Pinsel folgte der Farbenflut. Ich suchte nur ein Gefühl, kein Ergebnis.“

„Im Licht der Lofoten“ ist ein eindrückliches Porträt einer faszinierenden Frau und eines ganz speziellen Ortes, der schon damals die Menschen begeisterte und im Roman sinnlich wie bildreich eingefangen wird. Man möchte noch mehr lesen von Anna Boberg und ihrer Leidenschaft fürs Malen – und den Norden. Doch die Freude über diese Wiederentdeckung einer Künstlerin und die inhaltlich wie sprachliche Gestaltung kann die Wehmut über die Kürze des Buches durchaus mehr als lindern.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „literaturleuchtet“ und „Petras Bücher-Apotheke“


Sophie Van der Linden: „Im Licht der Lofoten“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Valerie Schneider; 128 Seiten, 20 Euro

Foto von David Becker auf Unsplash

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