John Horne Burns – „Galleria Umberto“

„Die Bar war wie ein Zirkus mit tausend verschiedenen Manegen, die alle gleichzeitig bespielt wurden.“

Hier treffen sich die Fremden und die Einheimischen, die Sieger und Besiegten, die Soldaten und die Zivilisten, die Offiziere und die Prostituierten. Die prächtige Galleria Umberto in Neapels Altstadt ist ein turbulenter Magnet und zugleich ein Mikrokosmos der Gesellschaft. In John Horne Burns‘ (1916-1953) gleichnamigen Debüt ist sie als Schauplatz zugleich eine besondere Heldin, vom Krieg versehrt.

Selbst Soldat in Neapel

Nicht nur die Stadt zeigt sich im August 1944 zerbombt, die majestätische Glaskuppel der Galleria ist zerstört. Ein Dreivierteljahr nachdem die amerikanischen Soldaten Neapel eingenommen haben. Auch Burns zählte als Soldat des Militärgeheimdienstes damals zur Schar der Besatzer. Seine Erlebnisse verarbeitete er in seinem 1947 erschienenen Roman, der weit entfernt ist, den Krieg zu verherrlichen.

Im Mittelpunkt stehen der Ich-Erzähler, ein Leutnant, der einst wie Burns mit den Truppen über Nordafrika nach Italien gekommen ist. Seine Erfahrungen und Erlebnissen in Casablanca und Algier und später in Neapel sowie seine Gedanken ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman. Dem gegenüber stellt Burns neun Porträts ganz verschiedener Protagonisten: alliierte Soldaten, aber auch Einwohner. Wir lernen Michael kennen, ein 27-jähriger GI mit Fußleiden, der sich an der Bar betrinkt, von einem Mädchen träumt, aber bald wieder an die Front muss. Louella ist eine Rot-Kreuz-Schwester, die sich um das Wohl der Soldaten kümmern soll. Pater Donovan und Kaplan Bascom sind Militärseelsorger und diskutieren über Religion. Die Barchefin, von allen nur Mamma genannt, zählt zu den reichsten Frauen Neapels. Ein namenloser Sergeant steckt sich mit Syphilis an und muss sich einer mehrtägigen Penicillin-Behandlung in einem Lazarett unterziehen.

Alle sind Versehrte

Burns zeigt das Leben in der Stadt, in und um die Galleria Umberto in all seinen drastischen Zügen. Die einen betrinken sich, die anderen suchen Liebe oder einfach nur Sex. Die meisten sind versehrt – und wenn es nur das Heimweh ist, das sie plagt. Tausende Meilen vom Zuhause entfernt, in einem Land, dessen Sprache, die meisten Soldaten kaum sprechen können, stellt sich auch beim Ich-Erzähler ein Gefühl der Verlassenheit ein. Einige werden ihre Heimat indes nicht mehr wiedersehen. Die Einheimischen, nach der Kapitulation im September 1943 zugleich Verlierer des Krieges, arrangieren sich, um zu überleben. Manche überschreiten moralische Grenzen, wie Giuilas Bruder Gennaro, der betrunkene Soldaten bestiehlt, später in einer Offiziersbar kellnert. Ihr Vater war Beamter und Duce-Anhänger. Nun heißt es für sie und viele, sich neu auszurichten.

„Was für ein großartiger Ort diese Galleria ist“, sagte Kaplan Bascom. Man könnte einen Roman darüber schreiben. So ähnlich stelle ich mir den Marktplatz im Tempel vor, aus dem Jesus die Geldwechsler und Taubenhändler vertrieben hat. Nur Jesus fehlt.“

Denn das Leben in Neapel ist kein leichtes. Die Vorräte sind verschwindend gering, ganze Straßenzüge sind zerstört. Der Schwarzmarkt und die Prostitution blühen auf. Typhus und Geschlechtskrankheiten grassieren. Burns Roman zeigt ein vielschichtiges Panorama der Stadt am Vesuv, deren Treiben wie durch ein Brennglas im Treiben in der Galleria Umberto, die von 1887 bis 1890 im Zuge der Stadterneuerung nach der Cholera-Epidemie errichtet worden war, gebündelt wird.

„Er wusste nicht, ob dieser Eindruck stimmte, aber die Stadt hatte etwas Tröstliches für ihn. Ihr Dreck war wie ein warmer Wickel, in ihrem Lärm lag echte Menschlichkeit.“

Burns, 1916 in Andover, Massachusetts, geboren, wuchs in der Nähe von Boston als Sohn eines irischen Rechtsanwalts in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Er studierte Literatur an der renommierten Harvard Universität, war später als Lehrer an einer Internatsschule tätig. Nach dem Überfall auf Pearl Habor erhielt er den Einberufungsbescheid. Als Angehöriger des Militärgeheimdienstes war es seine Aufgabe, die Briefe amerikanischer Soldaten und von Kriegsgefangenen zu lesen. Nach dem Kriegsende blieb Burns eine Weile in Italien und kehrte später auch wieder dorthin zurück, wo er dem Alkohol verfiel. Er starb in der Toskana – im Alter von nur 36 Jahren an den Folgen einer Hirnblutung,

Mehrere Romane in einem

Für seinen Roman erhielt Burns nach dessen Erscheinen sehr viel Lob, von Kritikern, aber unter anderem auch von keinem Geringeren als Ernest Hemingway, auch dessen Ex-Frau Martha Gellhorn würdigte das Werk, das 110 Jahre nach der Geburt seines Verfassers nun in einer deutschen Neuübersetzung und in einer wunderschönen Ausgabe erschienen ist. In seinem Nachwort verweist Übersetzer Gregor Hens auf die besondere Form des Romans, der in seiner Montage- wie Mosaikform aus verschiedenen Protagonisten und Stimmen an John Dos Passos Klassiker „Manhattan Transfer“ erinnert. So lässt sich „Galleria Umberto“ auch auf verschiedene Weise lesen: in einem „Stück“ oder auch durchaus mit Pausen Story für Story, die für sich schon kleine Romane enthalten, wie Hens weiter schreibt.

Heute wird Burns‘ Erstling in eine Reihe mit weiteren Meisterwerken aus dem US-amerikanischen Kanon gestellt und als Beispiel queerer Literatur genannt. Burns war selbst homosexuell und deutet die gleichgeschlechtliche Liebe in verschiedenen Passagen an. Man sollte diese Neuausgabe nunmehr nicht hoch genug schätzen, weil sich dieses große weil vielschichtige und gedankenschwere Werk in seinem Kern vor allem mit einer immer wiederkehrenden und noch immer aktuellen Frage beschäftigt: Was macht Krieg mit einem Menschen, letztlich aber mit der ganzen Menschheit.


John Horne Burns: „Galleria Umberto“, erschienen in der Anderen Bibliothek (Band 491) des Aufbau Verlags, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort versehen von Gregor Hens; 491 Seiten, 48 Euro

Foto von derek braithwaite auf Unsplash

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