Das Ende vom Anfang – Paul Auster "Sunset Park"

„Man nimmt kein Geld dafür, dass man sich wie ein Mensch verhält.“ 

 Ein verlassenes, vergessenes Haus in Nachbarschaft des Green-Wood Friedhofes in Brooklyn wird ihr neues Domizil und Zuflucht zugleich. Bing, Alice, Ellen und Miles sind Hausbesetzer, immer in Furcht, eines Tages von der Polizei ertappt und rausgeworfen zu werden. Gut, das Haus ist eine reine Bruchbude, aber unterschiedliche Gründe treiben sie unter ein gemeinsames Dach, unterschiedlich wie ihre Lebensläufe und Schicksale sind. Bing hat einen Laden, in dem er kaputte Dinge repariert, von der Schreibmaschine bis zum Bilderrahmen. Alice schreibt an ihrer Doktorarbeit über den Film „Die besten Jahre ihres Lebens“, Ellen arbeitet in einem Maklerbüro und malt erotische Bilder. Miles, der Spross eines Verlegers und einer Schauspieler, ist nach New York geflohen, damit die Beziehung zu seiner noch minderjährigen Freundin Pilar nicht auffliegt.

Alle vier haben indes eines gemeinsam. Alle haben etwas zu verbergen, einen dunklen Fleck in der Vergangenheit. Und sie leben in schwierigen Zeiten. Die Wirtschaftskrise hat das Land erfasst. Nichts ist wirklich sicher. Ein positiver Blick gen Zukunft ist pure Blauäugigkeit. Paul Auster, einer der bekanntesten Autoren Amerikas, ist es in seinem neuen Roman „Sunset Park“ wieder einmal gelungen, besondere und vergessliche Figuren in eine besondere Zeit zu stellen. Sein Erzählen konzentriert sich ganz auf die Charaktere, die er in all ihren Facetten, ihren Zweifeln und Ängsten, ihren Hoffnungen und ihrem Glauben zeichnet. Allen voran Miles, den Verlegerssohn, der über sieben Jahre lang keinen Kontakt zu seinen Eltern hatte, die schon seit seiner frühesten Kindheit getrennt leben. Sein düsteres Geheimnis: Er glaubt, als Jugendlicher den Unfall seines älteren Stiefbruders Bobby herbeigeführt zu haben. Er brach das Studium ab, zog von Stadt zu Stadt, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über dem Wasser. Nun kommt er zurück nach New York und kann nicht ahnen, dass sein Highschool-Freund Bing, seine Eltern über all diese Jahre über sein Leben auf dem Laufenden gehalten hat. In New York kommt es zum Wiedersehen zwischen Miles seinem Vater Morris, dessen Verlag um seine Existenz ringt, und seiner Mutter Mary Lee, die am Broadway ein Zwischenhoch ihrer Karriere feiert.

Große Romane sind besondere Bücher, die existenzielle Fragen der Menschheit oder einer Generation mit dem Alltagsleben der Menschen verbinden. Auster ist bekannt dafür, große Themen in lebendigen Geschichten mit lebendigen Charakteren zu behandeln. So auch hier. Traumwandlerisch verknüpft er alle Schicksale zu einem Abbild der Gesellschaft wenige Jahre nach der Jahrtausendwende, als die Wirtschafts- und Finanzwelt aus dem Ruder läuft, in denen erfolgreiche Unternehmen den Bach hinuntergehen und jeder, egal welche Bildung oder welches Einkommensniveau er hat, betroffen ist. Auster lässt immer wieder teils beängstigende Szenen entstehen – so der Selbstmord einer jungen Frau und Künstlerin, Tochter eines Autors, dessen Werke Morris in seinem Verlag veröffentlichte, der rote Zahlen schreibt.

Die Verlierer sind in der Überzahl und irren orientierungslos wie Miles durch ihr eigentlich noch junges Leben. Er scheint mit seiner Rückkehr nach New York, der neuen Liebe und dem Wiedersehen mit seinem Eltern wieder in die richtige Bahn zurückgekehrt zu sein. Doch der Scheint trügt, das aufkeimende Glück ist nur von kurzer Dauer. Die Polizei rückt in das Haus im Sunset Park ein. Miles beantwortet Gewalt mit Gewalt. Seine mögliche Entscheidung – Auster lässt das Ende ein wenig offen – kippt die Geschichte zur Tragödie. Das Ende des Anfangs schmerzt und lässt den Leser konsterniert zurück. Wer sollte aus einer Krise nicht mit eigenem Willen sich herauskämpfen, wenn nicht die Jugend. Was bleibt ist ein recht  bedrückendes Gefühl.

Der Roman „Sunset Park“ von Paul Auster erschien im Rowohlt Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Werner Schmitz
320 Seiten, 19,95 Euro