Leben als Roman – Karl Ove Knausgård "Sterben"

„Der Tag kam immer mit mehr als bloßem Licht. So nieder- geschlagen man auch sein mochte, es war unmöglich, völlig unbeeindruckt davon zu bleiben, was er an Anfängen brachte.“

Das Leben als Roman, leben, lieben, leiden als Inhalt?! Es braucht keine Fiktion, kein Fantasie, um herausragende Literatur zu schreiben. Wer „Sterben“ des Norwegers Karl Ove Knausgård liest, wird beide vorherige Sätze ohne Zögern zustimmen können. Der Autor hat in seinem Heimatland mit seinem auf sechs Büchern angelegten autobiografischen Romanprojekt für Furore gesorgt und selbst für ein Vielleser-Land wie Norwegen traumhafte Verkaufszahlen erreicht. In Deutschland wird im Juni nach den Bänden „Sterben“, „Lieben“ und „Spielen“ der vierte mit dem Titel „Leben“ erscheinen. In Norwegen heißt das umfassende Werk „Min Kamp“ („Mein Kampf“), ein Titel den man hierzulande aus bekannten Gründen aus dem Weg geht.

In „Sterben“ erzählt Knausgård vor allem von der schwierigen, auf emotionaler Distanz beruhenden Beziehung zu seinem Vater. Dabei geht er beim Erzählen nicht chronologisch vor. Er springt zwischen den Zeiten, hängt Erlebnisse aus verschiedenen Zeiten aneinander. Der Rahmen des Ganzen bildet der Tod seines Vaters, der als Alkoholiker ein schreckliches Ende nimmt. Die letzten Monate verbringt er bei seiner Mutter und verwandelt deren Haus in eine schrecklich stinkende Mühlkippe. Zugegeben, dieses authentische Erzählen ist nichts für sensible Seelen. Vor allem, wenn der Autor sehr aufs Detail achtend erzählt, wie er gemeinsam mit seinem Bruder Yngve das Haus putzt und den Müll beseitigt.

Während dieser Bericht eher den Tagesablauf und den einzelnen Handlungen in den Mittelpunkt stellt, sind die vorherigen Seiten vor allem der Kindheit und Jugend sowie des Werden und Lebens als Autors gewidmet. Erzählte Erlebnisse werden durchbrochen von Reflexionen: Knausgård spricht über das Leben und den Tod, die Kindheit und das Erwachsenwerden, über Musik und Partys, über das Schreiben und die Literatur. Eine Schlüsselstelle spricht genau die Frage an, wie die Literatur zu Fiktion und Utopie steht, welche Rolle Fiktion und Utopie spielen. An einer Stelle heißt es: „Woran ich mich abarbeitete und woran sich vielleicht jeder Schriftsteller abarbeitet, war die Bekämpfung der Fiktion mit Fiktion.“

„Sterben“ liest sich dabei nicht wie eine typische Autobiografie, und nicht nur, weil sie sich nicht der Chronologie verschrieben hat. Das Buch erinnert an einen typischen Roman in der Ich-Perspektive.  Eigentlich verliert sich der Leser nahezu in dem Glauben, ein fiktives Buch zu lesen. Wenn nicht immer Verweise auf den Autor und dessen Namen wären. Das Werk entwickelt einen fast magischen Sog, wenn man sich einmal auf dessen Erzählweise eingelassen hat, legt man den knapp 600-seitigen Band so schnell nicht aus der Hand und bleibt nahezu an den vielen großen und kleinen Geschichten, den weisen und nachdenklich stimmenden Worten, an diesem herausragenden Erzählen von kräftigen Stimmungen und leisen Gefühlen kleben – obwohl das Thema „sehr schwer im Kopf liegt“, weil der Tod in der Gesellschaft bekanntlich ausgeblendet, das Thema Alkoholismus nicht wirklich ernst genommen wird. Sicherlich schreckt schon allein der Titel „Sterben“ viele Leser ab. Doch dieses Buch als Meilenstein zu bezeichnen, ist keine Überschätzung. Wer sich auf das Romanprojekt einlässt und sich von der Schwere der Themen nicht abschrecken lässt, wird belohnt: Ja, das Buch tut weh, es beißt und zwickt, kratzt und schlägt. Aber nur so hinterlässt es wirklich tiefe Spuren.

„Sterben“ von Karl Ove Knausgård erschien bereits als Taschenbuch im btb-Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Paul Berf
576 Seiten, 10,99 Seiten