Drei Brüder – Favel Parrett "Jenseits der Untiefen"

„Er lebte dafür, für diese Augenblicke, wenn alles stillstand außer dem eigenen Herz und die Zeit sich ausdehnte und wogte – sich Bild für Bild vor das innere Auge schob und man jenseits der Zeit und vor der Zeit war und einem niemand etwas anhaben konnte.“ 

Das Leben der Currens wird vom Meer bestimmt. Es liegt nahezu vor der Haustür – jene riesige Wasserfläche, die manchmal platt erscheint, sich oft jedoch aufbäumt, in der sich unzählige Lebewesen regen.  Der Vater verdient sein Geld mit dem Fischen und Muschelsuchen, wenn auch illegal. Auch Miles muss auf dem Kutter mithelfen und harte Arbeit leisten anstatt zur Schule zu gehen. Der kleine Bruder Harry fürchtet indes das große Wasser. Und Joe, der ältere der Drei, will einfach nur weg – mit dem selbst gebauten Boot. Die australische Autorin Favel Parrett, 1974 geboren, hat ihre Heimat, die Küste Tasmaniens, zum Schauplatz ihres Debütromans „Jenseits der Untiefen“ gemacht. Hier ist nur wenig idyllisch. Doch daran hat nicht das Meer Schuld, sondern vielmehr einige Menschen. 

Joe, Miles und Harry wachsen ohne Mutter auf, die während einer Autofahrt einem Herzinfarkt erlag. Auch der geliebte Großvater ist vor einigen Jahren gestorben. Die Brüder sind nahezu auf sich allein gestellt. Zuneigung ist in der Familie ein Fremdwort, nur die Brüder halten zueinander. Der Vater ist ein zähzorniger und verbitterter Trinker, der seinen Söhnen auch dann nicht zur Seite steht, wenn ihnen Gewalt und Gefahren drohen. Das Haus der Currens ist ein einziges Dreckloch und Geld für Lebensmittel und Kleidung Mangelware. Die einzige weibliche Instanz, Tante Jean, hält Abstand. Während Joe sein Heil in der baldigen Reise sieht, genießt Miles die Stunden am Strand beim Surfen und befreit sich dabei von allen Sorgen und Ängsten. Der kleine Harry macht hingegen eines Tages die Bekanntschaft mit dem alten George, einem Einsiedler, der gemeinsam mit seinem Hund Jake abseits vom Ort in einer kleinen Hütte wohnt und von den Einwohnern gefürchtet und gemieden wird. Der Junge und der Alte freunden sich an. Als der Vater allerdings eines Tages von dieser Verbindung erfährt, geschieht wenig später die Tragödie, die das Leben aller für immer verändert.

Doch was bedeutet das Leben für jeden der drei Brüder? Denn Lichtblicke und schöne Momente sind rar. Nur ihr Zusammenhalt gibt ihnen ein wenig Sicherheit. Vor allem Miles hält die Hand schützend über den kleinen Harry. Was sie an schrecklicher Gewalt und Schicksalsschlägen in der nun zerrütteten Familie erleben, ist nichts für eine Kinderseele. Immer wieder erinnern sie sich an ihre Mutter, auch an den schrecklichen und mysteriösen Unfall mit ihrem Tod, an den sich Miles und Harry nur schemenhaft erinnern können. Das Meer bildet schließlich die großartige Kulisse, die eindringlich und anschaulich beschrieben wird. Seine ständigen Bewegungen und Veränderungen, diese unbeschreibliche Kraft, diese Vielfalt an Leben, aber auch Gefahren.

Weder bekommen die Personen eine Vergangenheit, noch finden sich Anmerkungen zur Zeit. Bis auf wenige Rückblicke an schöne und harmonische Begebenheiten, als die Mutter und der Großvater noch lebten, lenkt die Autorin den Blick nur auf das aktuelle Geschehen, das sie in Form einzelner Szenen zusammenbringt. Und gerade dadurch entfaltet sich ein Sog, der gewaltig ist. Der Leser wird unweigerlich in diese Geschichte mit allen ihren Tiefen hineingezogen und zu einem stillen Beobachter. Parrett, die für dieses Werk mehrfach mit Preisen geehrt wurde,  „malt“ in ihrer einfachen, aber ausdrucksvollen wie poetischen Sprache grandiose Bilder, die nicht nur die Schönheit der Landschaft, sondern auch das entsetzliche Leid der Brüder zeigen. Am Ende erlebt man einen Schock, der nicht größer sein kann. Auch an diesem Buch wird wieder eines recht deutlich: Der Umfang des Romans ist nie ein Beweis für seine Qualität. Dieser hier ist großartig, eine literarische Perle, die für eine lange Zeit nachwirkt in der Leserseele.

Der Roman „Jenseits der Untiefen“ von Favel Parrett erschien als Taschenbuch im Piper-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Antje Rávic-Strubel. Originaltitel: „Past the shallows“.
224 Seiten, 8,99 Euro