Inselsammler – Ulrich Schacht „Grimsey“

„Erinnere dich, sagte die Stimme: Eine Insel, nur von Gras überzogen, und ein Haus darauf, in das ich gehen kann oder aus dem ich komme, um vor dem Meer zu stehen. Das war doch dein erster großer Traum.“

Mit fünf Quadratkilometern ist sie nur ein Viertel so groß wie Hiddensee. Zahlreiche Vogelarten bestimmen die Fauna der Insel, deren Namen wohl den wenigsten bekannt sein wird. Obwohl Grimsey eine besondere Eigenschaft besitzt: Der Polarkreis verläuft über das nördlich von Island gelegene Eiland. Auf das es einen Mann verschlägt, der die knapp bemessene Zeit aus wenigen Stunden zwischen An- und Abreise für einen Rundgang nutzt, der indes von besonderen Erinnerungen begleitet wird. 

Schacht_Grimsey_rzU1.inddDer Name des Mannes ist unbekannt. Sein Leben und seine besondere Leidenschaft für Inseln stehen im Mittelpunkt der Novelle von Ulrich Schacht, die nach dem Eiland im Polarmeer benannt ist. Ausgerüstet ist der Besucher aus Deutschland mit nur wenigen Dingen. Neben Schokolade hat er eine Kamera und einige Filme mitgebracht.  Denn er erkundet die Insel mit dem Blick durch die Linse. Bilder entstehen von der Landschaft, dem Meer und den Klippen, markanten Gebäuden wie der Kirche und dem Leuchtturm. Auch Begegnungen wie mit einer Verkäuferin oder einem Jungen, der am Abend mit der Fähre nach Island übersetzt, wo er die Schule besucht, werden erzählt. Spezielle Augenblicke, Beobachtungen, Objekte geben schließlich Anlass für den Blick zurück in die eigene Vergangenheit, der weit reicht bis in die Kindheit. Damals pflegte der Junge, aufgewachsen in einer Hafenstadt, am Strand statt Sandburgen kleine Inseln zu bauen. Er liebte Schiffe und Möwen. Später als Erwachsener und Journalist ziehen ihn vor allem die Eilande hoch im Norden immer wieder an – so Spitzbergen oder die Färöer Inseln.

Dabei berichtet der auktoriale Erzähler nicht nur von geografischen Inseln, Land, das vom Meer umgeben ist. Eine von einem Ehepaar geführte Wetterstation auf einem sibirischen Archipel, eine Exklave in Israel oder auch das Gefängnis, in dem der Besucher als junger Mann in der DDR-Zeit inhaftiert war, oder die „toten Winkel“ entlang der deutsch-deutschen Grenze erweisen sich als Beispiele für nahezu von der Außenwelt abgegrenzte Bereiche. Die Einsamkeit scheint dem Mann eine treue Gefährtin. Er genießt die Abgeschiedenheit der Insel, die dortige Stille, die übersichtliche Anzahl an Menschen. All jene Landschaftsbeschreibungen und geschilderten Erlebnisse auf Grimsey gehen in die unchronologisch erzählten Rückblicke über – auf eine weiche faszinierende Art und Weise ohne harte Schnitte. Dies lässt sehr an die Überblendtechnik von Multivisions-Shows erinnern. Was allerdings den Leser vor einer gewissen Herausforderung stellt, der angesichts langer Sätze diesen Übergang erkennen muss.

„Noch jedesmal, wenn er das kleine hellerleuchtete Haus inmitten der weitflächigen Dunkelheit betrat, überkam ihn das Gefühl, auf einer Insel von Freien außerhalb von Raum und Zeit gelandet zu sein. Es waren nicht viele Nächte gewesen, die er auf dieser Insel verbracht hatte; die Stunden dort hatten sich ihm dennoch eingeprägt, wie kontrastscharfe Fotografien, ohne jeden Gilb, die trotzdem ein uraltes Geheimnis offenbaren.“

Ulrich Schacht hat sein Buch der literarischen Gattung der Novelle zugewiesen, die als kürzere Prosaform ein besonderes Merkmal besitzt: Eine Novelle enthält ein „unerhörtes“ Ereignis.  In „Grimsey“ ist es eine Entdeckung, die den Mann wundern lässt. Er sieht an mehreren Stellen weiße Flecken, die sich später als tote Möwen erweisen. Wie sie gestorben sind und warum dieser Anblick ihn besonders berührt, wird nachfolgend erzählt. Wer die Geschichte des Mannes und die Biografie des Autors Ulrich Schacht nebeneinanderstellt, wird einige Parallelen erkennen.  Geboren 1951 im Frauengefängnis Hoheneck im erzgebirgischen Stollberg, wächst er wie der Protagonist in Wismar an der Ostsee auf. Er studiert Religionspädagogik sowie Theologie und wird später als „Staatsfeind“ inhaftiert, um später in die BRD entlassen zu werden. Heute lebt der mit zahlreichen Preisen geehrte Autor und Publizist in Hamburg und Schweden.

Sein neuestes Werk ist Erinnerungsbuch und zugleich Huldigung des hohen Nordens, der sich zwar mit einer auf den ersten Blick karg erscheinenden Landschaft und unwirtlichen Bedingungen zeigt. Doch die Freundlichkeit der Menschen, die sich dort eingerichtet und angepasst haben, machen dies mehr als wett. Wer den Norden mag, wird sich gedanklich womöglich schon auf eine nächste Reise einstellen, vielleicht auch Island/Grimsey in seine Pläne aufnehmen und diese literarische Tour umso mehr genießen. Wer bisher eher den Süden bevorzugt hat, wird vielleicht ein klein wenig die Auswirkungen des Virus spüren, von dem Skandinavien-Arktis-Fans erzählen. Wen einmal der Norden gepackt hat, wird so schnell nicht losgelassen. Denn er lehrt uns trotz seiner Kargheit eine besondere Lektion, die auch dieses wundervolle Buch vermittelt: „Grimsey“ ist gezieltes Aufmerksamkeitstraining. Der Leser wird aufgefordert, jeden Moment, jedes Detail wahrzunehmen; in hektischen Zeiten ein pures Geschenk, das in seiner Buchform von einer schlichten wie liebevollen Gestaltung gekrönt wird.

Über den Autor und sein neues Buch berichten NDR, ZEIT online sowie mdr figaro.

Die Novelle „Grimsey“ von Ulrich Schacht erschien im Aufbau Verlag; 189 Seiten, 19,95 Euro