Liebesschmerz – Ulrich Schacht „Notre Dame“

„Die Seele ist schwach, wenn sie um Stärke bittet, und es ist keine Schande, schwach zu sein, wie Stärke kein Verdienst ist.“

Hinter der Mauer existierten viele Träume, Sehnsüchte. Auch Reisen in fremde Länder und ferne Orte waren für viele nur ein Traum und blieben es auch. Als die Mauer in der DDR 1989 bröckelte und schließlich fiel, galt die Freude der nun gewonnenen Freiheit. Jeder konnte reisen, geteilte Familien im geteilten Land konnten wieder zueinander finden, jeder konnte Menschen kennenlernen, die mit dem geteilten Deutschland wohl nie zusammengekommen wären. Eine dieser Geschichten erzählt Ulrich Schacht in seinem neuen Roman „Notre Dame“. Es ist die Geschichte einer großen, aber kurzen Liebe in den ersten Jahren der Nachwendezeit. 

Friedliche Wende herbeigesehnt

Torben Berg, ein anerkannter Journalist und Autor, lernt die Studentin Henrike Stein, kurz Rike genannt, in einer Nacht in Leipzig wenige Wochen nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze kennen. Nach dem ersten Herantasten entbrennt ihre Leidenschaft zueinander. Obwohl Torben verheiratet ist, eine Tochter hat, Rike ebenfalls in einer Beziehung lebt und zudem ein nicht unerheblicher Altersunterschied besteht. Torben nutzt die Gutmütigkeit des Chefredakteurs und Recherche-Reisen in den „wilden Osten“ aus, um mehrfach nach Leipzig zu fliegen, um Rike nah zu sein und zugleich die Stimmung dieses Umbruchs einzufangen. Der Kultur-Reporter einer großen Zeitung hat das Ende der DDR lange Zeit herbeigesehnt. Während seines Theologie-Studiums war er als Dissident verhaftet worden. Nach einigen Jahren im Stasi-Gefängnis  wurde er von der Bundesrepublik freigekauft. Seine Frau war ebenfalls inhaftiert – wegen Vorbereitung einer Republikflucht.

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Schacht gelingt es, beide inhaltlichen Ebenen sowohl in Bergs Person als auch in dessen Beziehungen zu Rike, seiner Familie und seinen Freunden zu verschränken. Große Geschichte trifft auf Privatheit. Während Rike nur die DDR kennt, ist Torben beide deutschen Staaten vertraut. Nach dem Fall der Mauer fließen seine Erfahrungen und Erlebnisse nicht nur in seine journalistische Arbeit ein. Er wird ein gern zu Rate gezogener Zeitzeuge, dessen Lebenslauf erzählt werden soll, muss. So widmet sich eine Dokumentation, die kurz nach der politischen Wende gedreht wird, seiner Kindheit und Jugend sowie den Erlebnissen als Gefangener. In Großbritannien wird er prominenter Gast von hochrangigen Diskussionsrunden. An seiner Seite: Rike, seine junge Geliebte. Doch nach Reisen nach Paris, Schottland und England sowie den ersten Wochen in einer gemeinsamen Wohnung in Hamburg kühlt sich die Leidenschaft schnell ab, werden gegenseitige Vorwürfe geäußert, leidet Torben zeitweilig unter einer kranken Eifersucht.

„Es war so einfach, glücklich zu sein. Nicht zu fragen, wer bist du; es zu wissen. Einfach zu wissen.“

Wer Schachts wundervolle Novelle „Grimsey“ gelesen hat, wird manches Mal ein Déjà-vu erleben. Wie der namenlose Held des schmalen, 2015 erschienenen Bandes, der auf die vor Schottland gelagerte Insel Grimsey reist, ist auch Torben ein „Inselsammler“, mit der Weite des Meeres verbunden, und ein Viel-Reisender selbst in entlegene Weltgegenden. In einer Hafenstadt an der Ostsee aufgewachsen, vermutlich Wismar, viele Orte und Personen werden nicht benannt, sondern nur angedeutet, hat er schon viele Eilande mit Freunden besucht. Eine Tour führt ihn im August 1990 auf die Färöer, eine karge Inselgruppe im Nordatlantik zwischen Island und Norwegen gelegen. Auf dieser Reise begleitet ihn Rike jedoch nicht. Er schreibt ihr ein Tagebuch, den „längsten Liebesbrief der Welt“, um seine Erlebnisse und seine Gefühle zu ihr, vor allem die schmerzvolle Sehnsucht zu beschreiben. Wie dieses Innen und Außen klar und detailliert, dicht und poetisch beschrieben wird, ist große Kunst. Dem mehrfach preisgekrönten Schriftsteller gelingt es mit seinen eindringlichen Beschreibungen dieser kargen wie wunderlichen Landschaft, den Leser zu animieren, seinen Koffer zu backen und ein Flugticket nach Torshavn, der Hauptstadt der Inselgruppe, zu buchen. Gleichzeitig kommt er dem Protagonisten nah und wird Zeuge von dessen aus der Bahn geratenen Gefühlswelt, seiner Euphorie sowie seinen Ängsten. Diese überfallartige Liebe und Leidenschaft zu einer jüngeren Frau ist kein Teufelswerk, auch wenn der Höllenfürst an einigen Stellen Erwähnung findet, sondern vielmehr entstanden aus gegenseitiger Anziehungskraft, einer gefühlten Seelenverwandtschaft und dem Reiz des Neuen, Unbekannten.

Von Grenzen und neuer Freiheit

Wie die Menschen in der DDR die 1989 Grenzen überschritten haben, überwinden Torben und Rike ebenfalls Grenzen – die ihrer bestehenden Bindungen und eines vermeintlich in der Gesellschaft tradierten Anstandes. Auch die neue Freiheit spiegelt sich sowohl in den historischen Ereignisse als auch in der gemeinsamen Zeit des Liebespaares wider. „Notre Dame“ ist ein herausragender Roman, der Worte findet für die Wucht der geschichtlichen Ereignisse sowie für die Zartheit einer besonders intensiven Beziehung. Es würde mir sehr gefallen, Schacht und sein neuestes Werk auf der Longlist, vielleicht sogar der Shortlist zum Deutschen Buchpreis zu sehen. Denn preisverdächtig ist dieses Roman ohne Frage.


Ulrich Schacht: „Notre Dame“, erschienen im Aufbau Verlag, 431 Seiten, 22 Euro