Zwei Welten – Catalin Dorian Florescu „Der Mann, der das Glück bringt“

„Nach dem großen Lachen kam immer das große Schweigen, denn jeder hoffte. Jeder befand sich unterwegs zu irgendeinem Amerika.“

Wo ist das Glück zu finden, wenn nicht dort, wo andere ihr Glück suchen und finden. Wenn wir auch nicht alle unbedingt im Strom schwimmen wollen, sind es doch die anderen Lebensgeschichten, Wünsche und Hoffnungen, die uns oftmals leiten. Amerika war und ist so ein Ziel für viele. Über dessen Geschichte als legendäres Einwanderer-Land, das von den einen erreicht wurde, von anderen unerreicht bliebt, schreibt der gebürtige Rumäne Catalin  Dorian Florescu in seinem neuen Roman „Der Mann, der das Glück bringt“.

9783406691126_largeDoch dieses Buch ist noch viel mehr. Es beweist die Kraft des Erzählens auf eine berührende wie erschütternde Weise. Ray und Elena sind zwei Erzähler, die auf das Leben ihrer Vorfahren zurückblicken und auch ihr eigenes schildern. Dafür dreht Florescu auch ein ganzes Stück an der Zeitschraube. Bis zurück an das Ende des 19. Jahrhunderts. Wir begegnen einem Jungen, der keinen Namen hat, keine Familie, nicht weiß, woher er stammt und wie alt er ist. Hunger und Gewalt prägen seinen Alltag. Den Tod anderer Menschen erfährt er früh: Er entdeckt seinen Freund, der erfroren ist, oft sieht er das Schiff, das die Toten aus dem Ghetto auf die Hart-Insel bringt. Der Junge arbeitet in New York mal als Zeitungsjunge, mal als Schuhputzer. Manchmal singt er auch. Er lebt auf der Straße, übernachtet mal hier mal dort. Ab und an begegnet er hilfsbereiten Menschen, die ihn aufnehmen. Sein großer Wunsch, ein Star in einem der zahlreichen Vaudeville-Theatern zu werden, erfüllt sich nicht. Bereits als Jugendlicher nimmt er eine große Schuld auf sich, als junger Mann verliert er seine große Liebe.

Zwischen den kleinen Erfolgen und großen tragischen Ereignissen in der Jugend von Rays Großvater, erhebt sich schließlich die Stimme von Elena, die die Geschichte ihrer Großmutter und ihrer Mutter erzählt. Es ist eine ganz andere Zeit, ein ganz anderer Ort. Elena lebt in Rumänien, im landschaftlich-idyllischen wie von Armut geprägten Delta der Donau. Ihre Mutter kennt sie nicht. Sie wächst auf im Kinderheim und in Pflegefamilien. Bereits eine erwachsene Frau, als Textilarbeiterin tätig, erhält sie einen Brief von Tanti-Maria, eine Vertrauter ihrer Mutter. Beide leben in der von der Öffentlichkeit abgeschotteten Lepra-Kolonie. Elena wird der letzte Wunsch ihrer Mutter herangetragen: Ihre Asche soll in New York verstreut werden. Dort trifft sie schließlich Ray, der unter  dem Namen „Der Mann, der das Glück bringt“ in einem kleinen Theater mit seinen Stücken an die großen Namen der Varieté- und Stummfilm-Ära erinnert.

„Weißt du, es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern nur, wer du vorgibst zu sein. Wenn du ganz davon überzeugt bist, sind es die anderen bald auch.“

Beide Erzählfäden weisen trotz ihrer Verschiedenheit der Zeit und des Ortes Gemeinsamkeiten auf. Die Rolle von Nachrichten ist solch ein verbindendes Element. Rays Großvater arbeitet als Zeitungsjunge. In Rumänien, abseits der Weltpolitik, sehnen sich die Menschen nach Nachrichten aus der Welt. Es wird von großen geschichtlichen Ereignissen und Prozessen erzählt, berichtet wird vom riesigen Strom der Menschen nach Amerika, das viele Völker vereint und in der Entwicklung vielen Ländern voraus ist, sowie von den dem Krieg. Rays Großvater und den Vorfahren von Elena stehen in der Zeit des Elends hilfsbereite und großherzige Menschen zur Seite. Und dann ist noch dieses Gefühl, das mich beim Lesen immer wieder beschlichen hat: ein Gefühl der Beklemmung. Denn Florescu mag zu schocken, mit teils unheimlichen Ereignissen. Das sind die furchtbaren Taten, die Rays Großvater bereits als Jugendlicher und als Handlanger im „Beerdigungsgeschäft“ begangen hat. Das sind die verheerenden Zustände, in die Elenas Mutter hineingeboren wird und die sie in der Kolonie für Aussätzige durchleiden muss. Für sie bleibt Amerika nur ein allzu ferner Traum.

Der in Rumänien geborene und heute in Zürich beheimatete Autor erweist sich als großer Erzähler, der seine beiden Hauptfiguren mit Herz und Leidenschaft führt. Doch ein Ereignis in diesem Buch wirkt dann doch etwas konstruiert. Er lässt Elena zur falschen Zeit am falschen Ort sein, um die Asche ihrer Mutter zu verstreuen. Just als sie plant, ihr Vorhaben auf den Twin Towers des World Trade Centers umzusetzen, geschieht der Terror-Anschlag, der in die Geschichte eingehen soll, an dem ein Loch in die eindrucksvolle Skyline Manhattans gerissen und das Wahrzeichen der Metropole in Schutt und Asche gelegt wird. Sie hat Glück, dass sie den 11. September überlebt. Womit Florescu wiederum überzeugt: Er ist ein Maler, der Orte und Szenen farbenreich und anschaulich entstehen lässt. Auch bei dem beklemmenden Geschehen nahe der Twin Towers. Doch dieses reale Szenario sollte nicht nur Kulisse bieten. Zumal das Leben von „einfachen, leisen“ Menschen wie Elena auch ohne Paukenschlag auskommt und trotzdem interessant sein kann.

Wenngleich mich die Wahl dieses Ereignisses nicht ganz überzeugt, schätze ich diesen Roman sehr. Er ist ein kontrastreiches Lehrstück, wie Menschen, deren Schicksal es nicht gut mit ihnen meint, die geprüft werden von Leid und Elend, ihr Dasein meistern. Allein oder mit der Unterstützung anderer, die oft dann auftauchen, wenn man am wenigsten mit ihnen gerechnet hat. Man sollte allerdings als Leser nicht allzu sensibel sein. Der Tod ist ein stetiger Begleiter, der sich nimmt, was er bekommt, auch die Kleinen und Unschuldigen. Dass Ray und Elena zueinanderfinden, überhaupt leben, ist ein großes Glück. Nicht Glück, sondern Freude empfindet man mit Blick auf das wunderschöne Cover, das beide Orte, Amerika und Rumänien, auf magische Weise vereint.

Der Roman „Der Mann, der das Glück bringt“ von Catalin Dorian Florescu erschien im Verlag C.H. Beck; 327 Seiten, 19,95 Euro