Entwurzelt – Lars Mytting „Die Birken wissen’s noch“

„Antwortlose Fragen. Zeugenlose Verwandlungen. So war es mit unserer Geschichte, immer wieder und wieder.“

Unsere Herkunft ist Teil unserer Identität und Selbstwahrnehmung. In der Familiengeschichte von Edvard klaffen indes Lücken. Als Waise wächst er bei seinem Großvater auf dem Hof in Gudbrandsdalen auf. Beide gelten im Dorf als Sonderlinge. Weil der Großvater im Krieg auf der Seite der Deutschen gekämpft hat, weil die Eltern von Edvard durch einen tragischen Unfall in Frankreich ums Leben gekommen sind, als der Junge gerade mal drei Jahre alt war.

MyttingAls der alte Sverre stirbt, stößt sein 21-jähriger Enkel auf mysteriöse Spuren aus der Vergangenheit und viele Ungereimtheiten. Was hat es mit dem einzigartigen Sarg aus Flammbirke auf sich, den Sverres Bruder Einar Jahre voraus für dessen Beerdigung gebaut hat, wenn er selbst doch schon längst tot war? Warum trägt Edvards Mutter einen französischen Namen? Der Norweger Lars Mytting erzählt in seinem neuen Roman „Die Birken wissen’s noch“ eine wechselvolle Familiengeschichte, in der schicksalhafte Lebensläufe und die große  Geschichte eindrucksvoll verwoben werden. Dabei begibt sich der Leser auf eine literarische Schnitzeljagd. Wie im bekannten grimmschen Märchen „Hänsel und Gretel“ streut der Autor Hinweise Brotkrumen gleich aus. Am Ende setzt sich die Historie wie ein Puzzle zusammen. Doch bis jede Frage gelöst und jede Lücke gefüllt ist, braucht es Zeit und gut 500 Seiten, in der der Leser gemeinsam mit Edvard auf eine faszinierende Tour geht – von Norwegen über die kargen Shetland Inseln nach Frankreich sowie auf eine Reise durch mehrere  Jahrzehnte.

Dabei berichtet der Protagonist als Ich-Erzähler nicht nur von seinen Erlebnissen und den Gefühlen, die ihm bei der Suche nach seinen Wurzeln, nach seiner Identität begleiten. Eingebettet sind die Kapitel der Familienhistorie in die des 20. Jahrhunderts, vor allem in eine Reihe düsterer Jahre. So erfährt Edvard, dass seine Mutter Nicole im Konzentrationslager Ravensbrück zur Welt gekommen war, dass der Bruder seines Großvaters nicht nur als ein begnadeter Möbeltischler galt. Durch seine geschickten Hände entstanden Särge und Boote, wurden nach dem Krieg zerstörte Kirchenaltäre wieder errichtet.  Einars Tod war nur vorgetäuscht. Er hatte vielmehr auf den Shetland Inseln Zuflucht gesucht und stand wegen eines speziellen Geschäftes nicht nur in Kontakt mit Duncan Winterfinch, einem reichen Holzhändler und Veteran des Ersten Weltkriegs, sondern auch mit seinem Bruder Sverre, der jedoch jegliche Kontaktversuche Einars vor Edvard verheimlicht hatte. Von den Briefen und Geschenken, die Einar nach Norwegen geschickt hatte, ja sogar von dessen Besuchen erfährt Edvard erst bei seinen Nachforschungen, für die er erstmals in seinem Leben den heimatlichen Hof Hirifjell verlässt, sein Leben als Kartoffelbauer kurzzeitig hinter sich lässt und auf Reisen geht. Dabei macht er nicht nur die Bekanntschaft mit Gwen, einer toughen und geheimnisvollen jungen Frau, in die sich Edvard verliebt. Er stößt auf die Friseurin Agnes, von der Einar einst wertvolle Hilfe bekam, sowie eine ehemalige französische Polizistin, die das Geschehen im Jahr 1971, als Edvards Eltern starben und der Junge daraufhin sogar kurzzeitig verschwand, nie vergessen konnte.

„Erst hier im Halbdunkeln sah ich, dass das Holz fast selbstleuchtend war, wie Uhrenzeiger, de nachts das Licht abgeben, das sie tagsüber aufgenommen haben. Dieses Muster bewahrte in sich, was die Bäume im Laufe ihrer vier Jahrhunderte erlebt hatten. Aber es erlaubte auch den Blick auf etwas viel tiefer Liegendes, auf Farbenspiele, so vielfältig, dass sie nicht von dieser Welt zu sein schienen.“

Die  Zeugen und Zeugnisse der Familiengeschichte, die Brotkrumen also, sind vielgestaltig: Das sind Fotos und Briefe, auf die Edvard stößt. Agnes, der Pfarrer Thalhaug und die französische Polizistin berichten dem jungen Mann. Im Mittelpunkt stehen allerdings auch die Holzarbeiten Einars, als Beweis seiner einmaligen Begabung: ein Boot, ein Spielzeug-Hund, ein Gewehr mit kunstvoll gestaltetem Schaft aus wertvollem Walnuss-Holz. „Die Birken wissen’s noch“ ist deshalb vor allem ein Buch über das Holz, dessen Bedeutung und die  Faszination, die von diesem Naturstoff ausgeht. Mytting – wer sonst, wenn nicht ein Skandinavier – hat dabei bereits mit seinem Buch „Der Mann und das Holz. Vom Fällen, Hacken und Feuermachen“ dem Holz ein literarisches Denkmal gesetzt.

In den vergangenen Jahren erschienen in Norwegen mehrere Romane, in denen brisante Kapitel aus der Geschichte des skandinavischen Landes neu aufgearbeitet wurden.  So erzählt beispielsweise Edvard Hoems Roman „Die Geschichte von Mutter und Vater“ (Suhrkamp/Insel Verlag) von der „unmöglichen“ Liebe zwischen einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten; von einer Verbindung, die während und nach dem Krieg in der Öffentlichkeit nicht nur nicht geduldet wurde, sondern als verpönt galt. Mytting nun verarbeitet in seinem Roman gleich zwei historische und damit authentische Gegebenheiten: Sverre steht für einen jener norwegischen Freiwilligen, die für die deutsche Waffen-SS in den Russland-Feldzug gezogen waren, während das Gros der Landsmänner gegen die feindlichen Besatzer Widerstand leistete. Zudem existierte zwischen der Westküste Norwegens und den Shetland Inseln, die im Mittelalter sogar für einige Zeit zu Norwegen gehört hatten, während des Zweiten Weltkrieges eine Verbindung über das Meer. Mit Beginn der deutschen Besatzungszeit wurden  Tausende Menschen in Booten über das Meer in Sicherheit gebracht.

Der facettenreiche Blick in die Vergangenheit und die Beschäftigung mit dem Holz-Thema bilden nicht den einzigen Wert des Buches. Myttings Roman lebt vor allem von der lebendigen und spannenden, melancholischen wie leicht humorvollen Erzählweise, mit der die verschiedenen Handlungsorte und spezielle Szenen geschildert werden. Besonders berührend die Passagen, als sich Edvard von seinem Großvater verabschiedet, er in Frankreich die dramatischen Auswirkungen der beiden großen Kriege, die sich in das Land gegraben und millionenfaches Leid mit sich gebracht haben, selbst erlebt. Während der Autor seine Konzentration auf die Konstruktion der Familiengeschichte, die Erlebnisse und die Person von Edvard, seine Liebe zu Gwen sowie das Schicksal von Einar legt, bleiben einige Protagonisten indes etwas unfertig in der Gestaltung: Da ist die frühere Freundin Edvards, die nach dessen Rückkehr auf den Hof plötzlich die Geschichte verlässt. Und auch zur Motivation Sverres, der SS beizutreten, hätte sich der eine oder andere womöglich noch ein paar Anhaltspunkte mehr gewünscht und im Gegenzug etwas weniger von der Berg-und-Tal-Fahrt in der Beziehung Edvards zu Gwen.

„Die Birken wissen’s noch“ ist ein Roman über die spannende und herausfordernde Suche nach den eigenen Wurzeln, der sehr viel Wärme verströmt und  eine dramatische Familiengeschichte auf eine kluge wie liebevolle Weise erzählt.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem auf „Leseschatz“, auf „Steffis Bücherkiste“ und „Sarahs Bücherregal“.

Der Roman „Die Birken wissen’s noch“ von Lars Mytting erschien im Insel Verlag, aus der Übersetzung aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel; 516 Seiten, 24,95 Euro

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