Schatten – Connie Palmen „Du sagst es“

„Alles, was man nicht wahrhaben will und verdrängt, jeder Konflikt, der geleugnet und nicht offen ausgesprochen wird – in einer Kultur genauso wie im Leben jedes Einzelnen -, sucht sich ein Ventil und kehrt sich schließlich in teuflischer Verkleidung gegen das Leben, gewaltsam und vernichtend.“

Die Literaturszene hat bekannte Paare zusammengeführt. Doch nicht immer ist eine Beziehung zwischen kreativen, begabten und sensiblen Menschen von Glück und einem langen gemeinsamen Leben gesegnet. Die Liebe und spätere Ehe zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes zählt zu den tragischen Beziehungen. Die amerikanische Autorin schied am 11. Februar 1963 freiwillig aus dem Leben. Nach ihrem Freitod war Hughes Schmähungen und Anfeindungen, gleich eines heutigen Shitstorms, ausgesetzt. Connie Palmen gibt in ihrem neuen Roman „Du sagst es“ Hughes nun eine Stimme. 

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Die Niederländerin lässt also den Mann erzählen, denn dessen Frau kann nicht mehr berichten. Doch auch ihre Sicht auf die gemeinsamen sieben Jahre findet sich teilweise in diesem sehr persönlichen und intimen Bericht. Denn Hughes hat nach dem Tod deren Tagebücher gelesen. Einige der persönlichen Einträge haben ihn schockiert, da er viele der Gedanken, Gefühle und Geheimnisse seiner Partnerin nicht kannte. Palmen hat für ihren Roman verschiedene Quellen genutzt: sowohl Sekundärliteratur wie Studien und Biografien als auch Werke der beiden Autoren. Dazu gehören auch Schriften, die in dem erst im Jahr 2000 öffentlich zugänglich gemachten Archiv von Hughes gefunden wurden. Eine weitere Kiste aus dem Nachlass mit Dokumenten soll erst 2023 geöffnet werden.

Die Handlung beginnt mit der ersten Begegnung der beiden, die sich am 25. Februar 1956 in Cambridge während der Präsentation einer Literaturzeitschrift, die Hughes mitgegründet hat, ereignet. Der Funken springt sofort über, der Engländer ist fasziniert von der Erscheinung, der Präsenz und dem Charisma der Amerikanerin, die ihm noch am selben Abend ihre Verrücktheit und auch ihre gewalttätige Seite zeigt, in dem sie ihn in die Wange beißt. Nur wenige Monate später heiraten sie, obwohl Hughes‘ Familie der Beziehung negativ eingestellt ist, vor allem Hughes Schwester scheint ihrer Schwägerin zu misstrauen.  Es folgt eine recht harmonische Zeit, beide spüren eine gewisse Seelenverwandtschaft. Doch es dauert nicht lange, als sich erste Stimmungsschwankungen abzeichnen. Grund ist auch der wachsende Ruhm des Engländers, während seine Frau um Veröffentlichungen und Stipendien kämpfen muss. Eifersucht und Missgunst sorgen für ein seelisches Ungleichgewicht, obwohl Hughes versucht, seine Frau zu inspirieren und sie eine andere, freiere Form des Schreibens zu lehren. Zudem plagen Plath Depressionen und Verlustängste, da ihr Vater schon früh verstarb. Bereits als junges Mädchen hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Auch ein Neuanfang mit der Übersiedlung in die USA bringt nicht das erhoffte Glück und die notwendige Beständigkeit. Geldsorgen gibt es häufig. 1960 kommt die kleine Frieda, das erste Kind des Paares, zur Welt, nach einer Fehlgeburt wird die Familie mit dem kleinen Nicholas um einen Sohn reicher. Doch es kriselt weiter. Hughes sucht Zuflucht in einer Affäre, das Paar trennt sich. Wenig später begeht Plath  in der eigenen kleinen Wohnung Selbstmord, die Kinder sind bei diesem tragischen Vorfall nur in einem anderen Raum. Doch ein tiefdunkler Schatten verfolgt Hughes weiterhin: Nach dem Suizid seiner Frau wird später auch seine Geliebte den Freitod wählen.

„Jegliche Literatur entspringt einer verletzten Seele, der geistigen Anstrengung des menschlichen Abwehrsystems, uns von diesem Schmerz zu befreien und den Tod zu besiegen.“

Die Beziehung der beiden bekannten Autoren bildet indes nur eine Säule des facettenreichen wie psychologisch hoch interessanten Romans. „Du siehst es“ ist auch Selbstbildnis und Porträt eines Schreibenden, das Einblicke in das Innenleben des Schriftstellers gibt, der von 1984 bis zu seinem Tod im Alter von 68 Jahren den Titel „poet laureate“ führte und damit der von der englischen Königin berufene Nationaldichter war. Neben der Liebe zu Märchen und Mythen prägte Hughes auch die Traumdeutung, faszinierte ihn die spirituelle Welt der Tarotkarten und Horoskope. An vielen Stellen finden sich bewegende Gedanken zur Literatur, zur Poesie, zur Person und Seele eines Schriftstellers, die im Gegensatz zum eher erzählerischen Bericht der Ehe vielmehr essayistischen Charakters sind.

Der Roman, der zugleich eine fiktive Autobiografie ist, weist an keiner einzigen Stelle eine Entschuldigung auf. Hughes hat wohl keine Schuld empfunden, vielmehr wurde er von gleich zwei tragischen Verlusten heimgesucht, die ihn sehr getroffen haben. Sein Leid vergrößert haben schließlich sowohl die Anfeindungen der Öffentlichkeit und sicherlich auch die Schmähungen und Geheimnisse, die seine Frau in ihren Tagebüchern vor ihm verborgen hat. „Du sagst es“ trägt indirekt auch eine besondere Botschaft in sich: Man sollte immer zwei Seiten einer Geschichte hören, um sich letztlich ein Urteil erlauben zu können.

 


Connie Palmen: „Du sagst es“ erschien im Diogenes Verlag; in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers; 288 Seiten, 22 Euro

9 Comments

    1. vielen lieben Dank, Birgit, für Deinen Kommentar. Mir hat das Buch wunderbar gefallen. Und gerade fiel mir ein weiterer besonderer Aspekt ein: Es ist auch erstaunlich, dass eine Autorin die Sicht eines Mannes wählt. Das ist ja nicht so häufig, das trifft auch auf das Gegenteil zu, ein Mann schreibt aus der Sicht einer Frau. Viele Grüße

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      1. Stimmt – meistens wird doch aus der Perspektive des eigenen Geschlechts erzählt. Stelle ich mir in dem Fall besonders spannend vor, da Hughes ja nach dem Tod seiner Frau als „Schuldiger“ gebrandmarkt wurde – eine Frau, die also das Bild eines Mannes gegen das gängige Bild zurechtrückt – das klingt interessant.

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  1. ich habe das Buch jetzt gelesen, nicht nur aber auch besonders wegen deiner tollen Besprechung. Inhaltlich fand ich es durchaus interessant, aber den Stil fand ich ganz schrecklich. Ich wundere mich, dass beinahe niemand (zumindest niemand der Bücher rezensiert) irgendetwas über den pathetischen schwülstigen und total übertriebenen Schreibstil spricht. Ich habe mich stellenweise richtig geärgert und wollte den Roman weglegen, was ich dann zwar doch nicht tat, aber ich hätte es tun sollen. Ich habe mir gerade auch nochmal andere Rezensionen im Netz angesehen und merke dass ich eine Außenseitermeinung dazu habe, aber in meinen Augen ist das ein literarisch gesehen richtig schlechtes Buch! Ich habe vor Jahren schon mal was von der Autorin gelesen (was mir auch nicht wirklich gefiel) aber jetzt werde ich sicher die Finger ganz von ihr lassen.
    Nun ja, wir können ja nicht immer einer Meinung sein…

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    1. Nein, wir können nicht immer gleicher Meinung sein, liebe Elvira, auch wenn ich immer wieder hoffe, dass meine Empfehlungen eher Freude als Frust bringen. Doch über Literatur lässt sich streiten, und Deine Zeilen sind wichtig, denn ich schätze Deine Meinungen zu Büchern sehr. Ich habe mir auch noch eine Reihe an Besprechungen angeschaut. Eine, in der FAZ erschienen, weist auf die pathetische Sprache hin, auf Amazon gibt es zudem zwei Kommentare, die kritisch sind. Viele Grüße nach Berlin

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