Blogbuster: Im Gespräch mit Helmut Pöll

Helmut Pöll und sein Roman „Die Krimfahrt“ ist nach der Lektüre der mir zugesandten Exposés beziehungsweise Manuskripte mein Favorit, den ich ins Rennen um den Blogbuster – den Preis der Literaturblogger entsende. Ich habe ihn für ein Gespräch einige Fragen gestellt – zu seinem Buch, zum Schreiben und Lesen.

 

Wie sind Sie damals auf Blogbuster gestoßen und haben Sie schon Reaktionen auf Ihre Teilnahme erhalten?

Die teilnehmenden Blogs besuche ich regelmäßig. So habe ich vom Blogbuster-Wettbewerb erfahren. Es gibt ziemlich viele positive Reaktionen. Freunde und Bekannte haben mir per SMS, E-Mail und über Facebook zur Longlist-Platzierung der Krimfahrt gratuliert und geschrieben, dass sie mir die Daumen drücken. Das hat mich sehr gefreut.

Die Krimfahrt“ haben Sie bereits bei Amazon Publishing veröffentlicht. Welche Reaktionen haben Sie bereits erhalten?

Die Reaktionen auf Amazon sind sehr positiv. Zudem hat es „Die Krimfahrt“ sogar mit einer Besprechung in die Druckausgabe der Literaturseiten München geschafft, Auflage immerhin 6.000 Stück, verteilt an alle Münchner Buchhandlungen.

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Woher nehmen Sie für das Schreiben Ihre Ideen für Handlung, Personen oder Orte? Welche Quellen bevorzugen Sie?

Für mich sind die besten Quellen Alltag und Straße. Ich beobachte beispielsweise sehr gerne Leute in der U-Bahn. Dann denke ich mir Geschichten zu ihnen aus. Was haben sie vorher und nachher getan? Was machen sie überhaupt? Im Grunde erzählt jeder ja unablässig eine Geschichte über sich. Durch Aussehen, Kleidung, Haltung, Sprache, Mimik, Gestik, durch das, was er sagt und tut. Auch Nichtstun ist eine Handlung.

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Neben dieser ersten Geschichte gibt es oft noch eine zweite, manchmal als Widerspruch zur ersten. Vor einigen Jahren stand an der Kasse einer Tankstelle ein Mann vor mir. Etwa 50. Ramponierte Converse Turnschuhe. Beiger, speckiger Mantel. Fettige Haare, die an der Kopfhaut klebten. Der Mann wirkte verwirrt und wollte das Wechselgeld nicht zurück. Der Tankwart bestand aber darauf, vermutlich weil er dachte „du kannst jeden Groschen brauchen“. Das ist die erste Geschichte. Die zweite Geschichte beginnt da, wo der verwirrte Mann mit den fettigen Haaren aus der Tankstelle geht, in seinen Rolls Royce einsteigt und davon fährt. Diese Brüche finde ich interessant. Wilhelm Seidlitz aus „Die Krimfahrt“ habe ich im Waschsalon getroffen. Meine Waschmaschine war kaputt. Die neue hatte eine lange Lieferzeit. Da stand der spätere Seidlitz plötzlich neben mir und fragte nach Wechselgeld für die Waschmünzen. Dann wartete er auf die Wäsche, zankte kurz mit seiner Nachbarin, blätterte in einer Illustrierten und schimpfte unablässig leise vor sich hin, wütend auf die ganze Welt. Seidlitz – oder wie immer er wirklich heißt – hat übrigens eine sehr angenehme Stimme, aber seine Augen sind unheimlich. Die Handlung ergibt sich zwingend aus den Figuren. Man muss sie nur in Ruhe lassen, ihnen nachrennen und aufschreiben, was sie machen. Seidlitz hat Flugangst. Also muss er Zug fahren, wenn er weiter weg will. Wenn die Handlung drei Tage dauert braucht es eine ziemlich lange Zugstrecke. Sonnig im Urlaub soll es auch sein. Da ist die Fahrt auf die Krim irgendwann naheliegend.

Wie finden Sie die Zeit, neben Ihrem Beruf zu schreiben?

Mir hilft ein Schreibplan. Anders geht es leider nicht. Ich lege am Wochenanfang fest, wann ich mir Zeiten für das Schreiben frei halte, also meinetwegen Dienstag und Freitag Abend von 18 bis 20 Uhr. Wenn ich das schaffe, belohne ich mich. Dann kaufe ich mir eine CD oder gehe in den Thai-Imbiss. Manchmal reagieren Leute ein wenig enttäuscht, wenn ich das erzähle. Es hört sich ja wirklich ein wenig bürokratisch und unkreativ an. Eine Erzählung, in der ich mitten in der Nacht aufwache, weil ich im Traum eine Eingebung hatte, würde sich viel spannender anhören. Aber so ist es eben nicht. Ich bin nur zehn Minuten inspiriert. Das Schreiben eines Romans dauert aber hunderte Stunden. Das schafft man nicht, wenn man immer nur auf die Inspiration wartet. Natürlich braucht man auch ein paar Ideen, aber hauptsächlich ist es disziplinierte Arbeit.

Wie gelang Ihnen der Sprung vom journalistischen zum literarischen Schreiben?

Eigentlich habe ich immer schon gerne herumfantasiert und geschrieben. Schon zu Schulzeiten. Irgendwann brauchte ich ein Ventil für alle Ideen. Ich glaube, so ist es passiert.

Wie hat das eigene Schreiben das Lesen beeinflusst? Lesen Sie kritischer?

Eigenes Schreiben und Lesen beeinflussen sich wechselseitig. Es ist manchmal gar nicht so einfach, mein Schreib-Ich beim Lesen zu ignorieren. Besonders bei Autoren, die ich gerne mag, nörgelt dieses Schreib-Ich dann schon mal herum: Was ist denn das für ein Satz? Doofer Held. So redet doch kein Mensch! Das Wort passt nicht. Der Schluss ist unstimmig usw. Wenn man selber schreibt, besteht aber die Gefahr, dass man seine eigenen Kriterien für ein stimmiges Buch einer fremden Geschichte überstülpen will. Das funktioniert eigentlich nie und trübt die Lesefreude. Ich habe das für mich beim Lesen so gelöst, dass ich meinem Schreib-Ich sage: „Du hast kurz Sendepause.“ Andererseits lernt man beim Lesen vieler, möglichst unterschiedlicher Bücher auch, wie man mit Wörtern noch umgehen könnte. Ich denke schon, dass sich das zwangsläufig auf die eigene Art zu schreiben auswirkt.

Welche Lieblingsautoren haben Sie und was lesen Sie niemals?

Eigentlich gibt es zwei Gruppen. Einmal sind es diejenigen, die ich nicht nur wegen ihrer Bücher mag, sondern auch für das, wofür sie standen. Das sind dann Voltaire und Camus. Dieser unbedingte Wunsch von beiden, dem manchmal absurden Lauf der Dinge doch noch einen Sinn abzutrotzen, hat mir immer gefallen. In der zweiten Gruppe finden sich Autoren, deren Schreibstil mir gefällt oder deren Geschichten mich fesseln. Wenn ich einen kleinen Koffer Bücher auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, dann wären darin ein paar Bände von Ian McEwan, Robert Seethaler, Boris Vian, Carl Nixon, Jack Kerouac, Alan Bennett, Jane Gardam, John Williams und Benedict Wells. Das obere Drittel des Koffers würde ich mit Krimis von Jeffery Deaver, Agatha Christie, Raymond Chandler und R+C Börjlind auffüllen. Vielleicht obenauf noch ein paar Biografien von Sebastian Haffner. Womit ich mich eher schwer tue sind Vampirgeschichten, Steampunk, Humorliteratur oder romantische Titel.

Woran schreiben Sie aktuell? Wenn Sie dazu etwas verraten wollen.

Ich schreibe eine lustige Geschichte über das Sterben.

Wer ist Ihr größter Kritiker?

Das bin ich in jedem Fall selber. Manchmal will ich mir gar nicht anschauen, was ich in der Vorwoche geschrieben habe. Dann mache ich es aber doch, und meistens ist es dann gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe. Ich glaube, eine gesunde Skepsis ist wichtig, um nicht auf der Stelle zu treten.

 

Helmut Pöll, geboren 1964 in Moosburg/Isar, absolvierte eine Ausbildung zum Tageszeitungsredakteur. Er arbeitet als Software-Entwickler und IT Consultant und lebt in München. Er veröffentlichte bisher die Romane „Emails von Wilhelm Tell“, „Der Schoßhunddestruktor“ und „Die Elefanten meines Bruders“ und schrieb Sketche für den Bayerischen Rundfunk sowie Satiren und Kurzgeschichten für die Satire-Zeitung „Herbst“. Pöll gründete 2007 das Satire-Portal „palastrevolution.de“, 2014 die Leseplattform „whatchareadin.de“.

Foto: pixabay

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