Obsession – Lea Singer „Die Poesie der Hörigkeit“

„Kein undurchsichtiger als Benn.“

Sie hat geliebt und gelitten. Ihr Leben, eingezwängt zwischen namhaften Männern, war ein zügelloses und unstetiges. Mopsa Sternheim ist zwölf, als sie Gottfried Benn, Dichter und Arzt, kennenlernt. Es sollte eine ihr Leben prägende Begegnung sein. Fortan himmelt sie ihn und seine Gedichte an, ohne ihm wirklich nahe zu kommen, da stets auf Abstand gehalten. Lea Singer erzählt in ihrem neuen Roman „Die Poesie der Hörigkeit“ vom Leben dieser Frau, die stark war und sich gleichzeitig selbst doch so ausgeliefert hatte.  

Dabei erscheint Benn keineswegs ein sympathischer Kerl zu sein. Er verteidigt den Ersten Weltkrieg, obwohl er selbst das Grauen dieser Jahre erlebt. Jahre später, nach der Machtergreifung Hitlers, dienert er sich den neuen Herrschern an und hofft auf eine Neuerweckung des deutschen Volkes. Nichts und niemand kann erklären, warum die Frauen auf ihn fliegen. Denn gut aussehend ist er nicht wirklich zu nennen. Seine Praxis geht mehr schlecht als recht. Ist es die unbändige Wortgewalt in seiner modernen Lyrik, seine Tenor-Stimme, die Frauen in den Bann ziehen? Auch Mopsas Mutter Thea ist ihm ausgeliefert, so dass die Bindung zwischen Tochter und Mutter immer wieder auf den Prüfstand gestellt wird, es Konflikte, später allerdings auch immer wieder Annäherungen gibt.

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Nie kommt wirklich Ruhe in Mopsas Dasein – unabhängig vom Duell mit Thea um die Gunst Benns, die sich in Briefen, Telefonaten und Begegnungen misst. Mal sind es die Zeitumstände, mal die regelmäßigen Abstürze in die Drogensucht, mal der Schatten des Vaters – all diese Umstände lassen die Frau zweifeln, nie wirklich einen Ruhepunkt finden. Mehrfach versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Der Vater, Carl Sternheim, seines Zeichens Dramatiker, betatscht und begafft junge Mädchen und Frauen, selbst vor seiner eigenen Tochter macht der Voyeur und Lüstling nicht Halt. Auch die durch die Scheidung ihrer Mutter zerrissene Familie prägt Mopsa.

Singer spannt den zeitlichen Bogen ihres Romans, ausgehend vom Jahr 1917 mit dem Besuch Benns bei der Familie Sternheim in ihrer Villa in Belgien, bis zum allzu frühen Tod von Mopsa, die im Alter von nur 49 Jahren einem Krebsleiden erlag.  Der Leser wird Zeuge ihrer Kindheit und Jugend, in der sich zeigt, dass das Mädchen frühreif ist. Ihre Mutter drückt ihr Tolstois Klassiker „Krieg und Frieden“ in die Hand, versteckt vor ihr Benns Gedichtbände, die sie viel lieber lesen möchte. Mopsa ist später Teil des Kreises der jungen Wilden um Klaus und Erika Mann sowie Pamela Wedekind. Nach dem Ersten Weltkrieg zieht die Familie von Ort zu Ort, Mopsa versucht, in Berlin Fuß zu fassen, um Benn nahe zu sein. Mit Beginn des Dritten Reichs wird Paris zum Exil. Einer Widerstands-Gruppe zugehörig, wird sie schließlich 1943 verhaftet und in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Sie überlebt, allerdings fordert diese Zeit des Grauens ihren Tribut. In Freundschaften, in der trotz ihrer Eifersucht engen Beziehung zu ihrer Mutter und sowie im Schreiben ihrer Tagebücher, in denen sie alles „auskotzen“ kann, findet sie ein wenig Halt.

„Doch ganz gleichgültig, wohin sie ging und welche Route sie wählte. Benn war nicht zu entkommen. Der Gedanke an ihn sprang sie an, aus Schaufenstern, aus Namenszügen, aus Zufallsszenen, deren Zeuge sie wurde, aus Wortfetzen oder Plakaten. Biss sich wo auch immer zeckengleich in ihr Fleisch. Die Gefahr beim Zeckenentfernen kannte sie: dass der Kopf drinblieb.“

Singer ist ein erstaunliches Buch gelungen, dem es gelingt, viele verschiedene Ebenen dicht verwebt zusammenzubringen. Wer „Die Poesie der Hörigkeit“ liest, wird das für sich interessante Thema finden. Ob es Mopsas Liebe zu Benn ist, allgemein ihr nervöses und überreiztes Leben oder wie die Zeit, politische, gesellschaftliche und kulturelle Geschehnisse, sie geprägt haben. Für ihr Werk hat die Autorin, von der zuletzt der Roman „Anatomie der Wolken“ erschienen war, in den Briefen und Aufzeichnungen von Mopsa und Thea Sternheim sowie Gottfried Benn Einsicht genommen. Auch erhielt sie Unterstützung von dem renommierten Thea-Sternheim-Forscher Thomas Ehrsam.

Doch diese Recherchen sind es nicht allein, die das neueste und nachhaltige Buch der Münchnerin zu einer sehr intensiven Lektüre werden lassen. Singers einzigartige Sprache vermag es, Zeit, Orte, die Einrichtung von Räumen und Mopsas Innenleben detailreich wie poetisch auszukleiden. Mit Aufzählungen und kunstvollen Metaphern und Bildern. Berührend die Szenen mit der Mutter, die tragischen Verluste guter Freunde sowie die mehrmaligen Versuche, sich den Klauen der Drogen zu entreißen, schockierend das Leid im Lager und letztlich der Abschied von der Welt. Dabei spielen die Sinne, vor allem das Hören, eine ganz wesentliche Rolle. So ist der Titel des Buches auch zu erklären. Dass eben in den Worten und in der Stimme jener Klang liegen kann, der betören wie auch blenden kann.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „AstroLibrium“.


Lea Singer: „Die Poesie der Hörigkeit“, erschienen im Verlag Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 20 Euro

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