Allein? – Céline Minard „Das große Spiel“

„Die Elemente sind maßlos.“

Einsamkeit oder Gemeinschaft? Welcher Zustand, welche Lebensform entspricht mehr dem Wesen des Menschen? Empfinden wir es nicht als lästig, in überfüllten Supermärkten einkaufen zu gehen, in der U-Bahn zu stehen Rücken an Rücken, nur wenige Zentimeter als Komfortzone zwischen den nächsten „Nachbarn“ auf beiden Seiten  am Strand zu haben? Aber war Robinson nicht überglücklich, als er auf seinen, wenn auch ungleichen Vertrauen Freitag stieß? In dem neuen eindrücklichen Roman von Céline Minard „Das große Spiel“ sucht eine Frau die Abgeschiedenheit der Berge der Alpen auf.

Willentlich in der Abgeschiedenheit

Diese Frau hat weder einen Namen, noch wird ihr Alter verraten. Sicher ist nur, sie verlässt die moderne Zivilisation und zieht sich auf einem hohen Gipfel zurück – ganz bewusst und sehr gut vorbereitet. Ihr neues Zuhause aus Holz und Kunststoff, mal Tonne, mal Lebensröhre genannt, ist bestens ausgestattet, komfortabel und steht mit einer Hälfte auf einem Steinvorsprung, während die andere Hälfte über dem Abgrund schwebt. Es ist ein Fremdkörper in einer lebensfeindlichen Umgebung, in der man angepasst sein muss, um den Elementen, den Wetterunbilden zu trotzen. Die Frau legt einen Garten an, versammelt in einem Teich Fische. Kleine Steinmännchen flankieren ihre Wege, die sie nimmt, um die Gegend zu erkunden; diese Gegend in ihrer Vielfalt – aus zerklüfteten Felsen, Wald und Wiese, See und Bach bestehend. Die Frau glaubt sich ihrer durchdachten und geplanten Autonomie und Einsamkeit sicher. Bis sie jedoch eines Tages ein merkwürdiges Wesen in eine Wolldecke gehüllt und vor einer nahegelegenen Hütte sitzend erspäht. Ein Spiel nimmt seinen Lauf, in denen sich beide abtasten, später auf recht archaische Art aneinandergeraten. Können die zwei Gestalten in der Einsamkeit der Berge sich respektieren, gar zusammenleben oder tritt das Gegenteil ein, wird vielmehr einer aus seinem „Revier“ verjagt?

bmd

Wer das wundervolle Buch „Die Wand“ von Marlen Haushofer kennt, wird womöglich einige Parallelen zu diesem neuen Roman der Französin wahrnehmen und sich an die Lektüre erinnern. Eine Frau lebt fern der Zivilisation in völliger Autonomie. Während indes Haushofers Heldin nach einer merkwürdigen Erscheinung – eben die Wand – ungewollt und überraschend in diese besondere, gar lebensbedrohliche Lage gerät und ums Überleben kämpfen muss, hat sich die Frau, zugleich Ich-Erzählerin, in Minards Werk hingegen ganz bewusst für die Einsamkeit entschieden. Doch sie nutzt trotz eines reich ausgestatteten Versorgungsmoduls ebenfalls als Selbstversorgerin die Speisekammer der Natur, die auch hier eine wichtige Rolle in der Handlung übernimmt. Sie ist nicht nur pure ehrfurchtsgebietende Kulisse, schmückender Hintergrund, sondern bestimmt vielmehr das Leben und die Gedanken der Heldin, die neben ihrer Lebensröhre im Verlauf der Handlung noch ein zweites Lager in den Bergen errichtet, mit nur wenigen Dingen und spartanisch ausgerüstet; als ob sie eine Alternative, gar einen Gegenentwurf zu ihrer modern und bequem ausgestatteten Tonne benötigt und die lange Distanz zwischen beiden Domizilen so oft es geht auf sich nehmen will. Allgemein ist diese Frau eine Viel- und Langwanderin, die sich nicht davor scheut, auch steile Felsen sicher zu erklimmen.

„Ich baue diese Burg, diesen Ort des Rückzugs. Alle Ziegel sind alt. Der Schweiß ist meiner.“

„Das große Spiel“ ist vor allem ein Buch der Kontraste, das die Zivilisation – an einer Stelle sinnt die Protagonistin über die Hektik und Lärm in New York City nach – gegen die Natur und zwei unterschiedliche Protagonisten gegeneinander setzt. Stilistisch wechseln sich zudem eindrucksvolle Natur- und Szenenbeschreibungen mit Reflexionen ab,  die dem Roman einen essayhaften Zug verleihen, die sich unter anderem um Gefahr und Not, Tod und Vergänglichkeit, das Bewusstsein als Mensch in jener Welt zu leben, drehen und nicht unbedingt in einer hastigen Lektüre aufgenommen werden sollten. Vielmehr braucht es Achtsamkeit und Zeit, vielleicht auch eine spätere Lektüre, um die Tiefe der Gedanken zu verstehen. Aus den zahlreichen Büchern zum Thema Mensch und Natur, zur aktuell sehr gefragten Sinnsuche in der Abgeschiedenheit großer Landschaften und inmitten von Flora und Fauna, ragt dieses philosophische Werk, dessen Übersetzung von Nathalie Mälzer ebenfalls wertgeschätzt werden sollte, deshalb besonders heraus und könnte vielleicht auch jene begeistern, die sich diesem Trend bisher verschlossen haben.

Szene mit einem Murmeltier

Dass die französische Autorin, die sich regelmäßig selbst dem Kontrast zwischen der quirligen Metropole Paris und der besinnlichen Ruhe in den Bergen willentlich aussetzt, dem Leser mit ihren genreübergreifenden Geschichten auch immer wieder Überraschungen bietet, beweist nun auch dieses neue Werk, das in eigenwilliger Art und Weise Gedankentiefe mit Humor und schaurigen Elementen verbindet. Schmunzelt man über die Szene, in der die Heldin auf ein Murmeltier trifft, kann es wiederum bei der Beschreibung der mysteriösen Gestalt an der Hütte zu Gefühlen leichter Beklommenheit kommen.  Wegen ihrer Rätselhaftigkeit und ihres markanten Aussehens sowie Fähigkeiten, die nicht von dieser Welt erscheinen, könnte man fast meinen, dieses Wesen sei nur ein Fantasie-Geschöpf, das nur im Kopf der Heldin existiert, um die Einsamkeit zu ertragen. Und auch darüber lässt sich mit diesem schmalen, aber in der Wirkung großen Roman sinnieren.


Céline Minard: „Das große Spiel“, erschienen im Verlag Matthes & Seitz, in der Übersetzung aus dem Französischen von Nathalie Mälzer; 192 Seiten, 20 Euro

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