Welt der Kunst – Hanno Millesi „Die vier Weltteile“

„Dachten die Kinder allen Ernstes, sie könnten das Krokodil von einem Konflikt mit der Tigerin abhalten.“

In ein Kunstmuseum geht der kunstinteressierte Besucher freiwillig, und er will die Ausstellung auch wieder verlassen, wann er will. Doch die vier Kinder Konrad, Emily, Iggy und Tessa sowie ihre beiden erwachsenen Begleiter, Wanda und der Ich-Erzähler, werden eingesperrt in ein Haus voller Kunst-Schätze. Im Eingangsbereich hat es einen Anschlag gegeben. Wie dieser schreckliche Vorfall die Besucher beeinflusst und noch viel mehr – das erzählt Hanno Millesi in seinem schmalen, aber thematisch reichen Roman „Die vier Weltteile“, in dem es vor allem um die große Kunst und ihre eindrückliche Wirkung auf junge wie ältere Betrachter geht.  

Gemälde als beeindruckende Kulisse

Millesi kann man in Sachen Kunst und Kunstgeschichte sicher als Experten bezeichnen. Der gebürtige Wiener studierte Kunstgeschichte an den Universitäten von Wien und Graz sowie an der Hochschule für angewandte Kunst. Er war tätig als Assistent des Malers und Aktionskünstlers Hermann Nitsch und wirkte im Museum für angewandte Kunst in Wien (MAK) als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Doch nicht das MAK bildet den Schauplatz und dessen Exponate die reiche Kulisse seines Romans. Die Gruppe aus vier Kindern und zwei Erwachsenen, auf dem der Fokus liegt, besucht gemeinsam das Kunsthistorische Museum in Wien, das zwar nicht konkret mit Namen im Text, aber im Anhang erwähnt wird. Außerdem verweisen die im Roman genannten Kunstwerke auf das Museum; auch jenes, das dem Buch seinen Namen gibt: „Die vier Weltteile“ des niederländischen Malers Peter Paul Rubens, das um 1615 in Antwerpen entstanden ist. Das Gemälde, auf dem Menschen und Tiere zu sehen sind, bildet den Auftakt für einen Rundgang durch das Museum und eine Reise durch die Kunstgeschichte, auf der mehrere Bilder verschiedener Künstler betrachtet werden. Es geht weiter zum „Turmbau zu Babel“ von Pieter Bruegel dem Älteren, zum Bildnis des heiligen Sebastian von Andrea Mantegna, eines Geistlichen von Jan van Eyck, zur „Entführung des Ganymed“ von Corregio und und und.

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Millesi lässt den Ich-Erzähler allerdings nicht nur von den Gemälden erzählen, welche Szenerie sie zeigen, wer sie vor vielen Jahren gemalt hat. Im Vordergrund rückt vor allem die Wirkung der Kunst auf die Besucher. Wobei die Kinder ganz anders reagieren als die Erwachsenen. Mit ihrer frischen und freien Sicht auf die Gemälde und ihren oft auch klugen Kommentare sorgen sie für Erheiterung, obwohl nach dem Anschlag eine beklemmende Stimmung in dem Museum herrscht, die sich nicht nur in der Schilderung des Ich-Erzählers niederschlägt, sondern auch in den merkwürdigen Begegnungen, die die vier Kinder und die zwei Erwachsenen erleben, zu erkennen ist. Da ist eine aufgeschreckte, verwirrte Frau, die von Raum zu Raum zieht, eine Gruppe vermutlich ausländischer Touristen, die keinen blassen Schimmer haben, was vorgefallen ist, zuletzt ein Mann, der niedergeschlagen am Boden sitzt. Die beiden Erwachsenen versuchen, die Kinder von den schrecklichen realen Geschehnissen abzuschotten. Trotz des schmalen Umfangs des Textes sind in den Personen unterschiedliche Charaktere angelegt, selbst die Kinder zeigen verschiedene Wesensmerkmale. Knut ist der etwas Ängstliche, Iggy will hingegen cool sein. Der Ich-Erzähler muss die Altklugheit, später die Nervosität seiner Begleiterin ertragen.

„Die Kleidung, die Frisur, die Fingernägel – das war kein Zurechtmachen, das bis zum Abend reichen sollte, sondern eine Inszenierung, die darauf angelegt war, ein paar Jahrhunderte vorzuhalten.“

Was den Reiz des Romans ausmacht, ist neben den beschriebenen Kunstwerken und ihrer eindrücklichen Wirkung auf die Betrachter seine Vielfalt an Geschichten, die das Buch erzählt, obwohl es, an einem Ort spielend und mit einer übersichtlichen Zahl an Figuren angelegt, damit eher Grenzen hat. Denn Geschichten finden sich auch in den Bildern und in den Gedanken, die sich die Besucher machen. Allzu deutlich wird, warum jedes Gemälde für sich ein kostbarer Schatz ist und keines an seiner Faszination verloren hat. Der Anschlag bringt eine weitere Facette, einen Kontrast zu der stillen, auch von der Realität abgeschotteten Museumswelt hinein, wenngleich allerdings auch die Bilder aus der Vergangenheit oftmals zeigen, dass Gewalt die Geschichte der Menschheit seit jeher begleitet. Es ist im Übrigen nicht der erste Anschlag in einem Kunstmuseum in der literarischen Welt. In ihrem Roman „Der Distelfink“ beschreibt die amerikanische Autorin Donna Tartt ebenfalls einen Anschlag, wenn auch einen weit verheerenderen.

Helle wie dunkle Seiten

In sprachlicher Hinsicht gerät die Lektüre von „Die vier Weltteile“ allerdings oftmals zu einem Kampf mit ausufernden Satzbandwürmern, die dem trotz alledem wunderbaren Werk etwas von seiner Leichtigkeit und Spannung nehmen. Doch wer sich an diesen Stil gewöhnen kann, erfährt eine besondere Geschichte, die helle wie dunkle Seiten zeigt und in der vor allem die Kinder die wahren Helden sind, von denen Erwachsene viel lernen können, selbst wenn es um alte große Kunst geht.


Hanno Millesi: „Die vier Weltteile“, erschienen im Verlag Edition Atelier; 152 Seiten, 18 Euro

Foto: pixabay