Didier Decoin „Das Ministerium der Gärten und Teiche“

„Es hat immer einen Sinn, weiter so zu handeln, wie man handeln muss.“

Es sind die tragischen Ereignisse in ihrer Plötzlichkeit, die uns an Glück und Gerechtigkeit im Leben zweifeln lassen; vielleicht sogar am Leben selbst. Aus diesem scheidet Katsuro – allerdings unfreiwillig. Der Karpfenfischer ertrinkt, dabei war das Wasser doch sein Element. Aber es soll auch Seemänner gegeben haben, die nicht schwimmen können. Katsuros Aufgabe war es schon seit Jahren, die Karpfen für die Tempelteiche der japanischen Kaiserstadt zu fangen. Nun ist es an Miyuki, seiner Frau, die letzten von ihm gefangenen Karpfen, die Symbolträger des Glücks, an ihren Bestimmungsort nach Heian-Kyo zu bringen. In seinem neuen Roman „Das Ministerium der Gärten und Teiche“ erzählt der Franzose Didier Decoin von dieser Reise, welche die junge Frau prägen wird.

Reise ins 12. Jahrhundert

Denn Miyuki ist noch nie aus ihrem Heimatdorf Shimae herausgekommen, in dem die Aufgabe des Karpenfischers hoch angesehen ist, da er für den Ort etwas Wohlstand und Prestige bedeutet, selbst wenn das Paar in einfachen, ja ärmlichen Verhältnissen lebt, es die Gegenstände ihres Besitzes an den Fingern nur weniger Hände abzählen kann. Es ist auf den ersten Blick eine recht einfache, aber sehr dichte Geschichte, die Decoin entfaltet. Allerdings muss der Leser nicht nur geografisch, sondern auch in der Zeit weit reisen – genauer gesagt ins 12. Jahrhundert. Eine Epoche, in der das fernöstliche Kaiserreich nur wenige Beziehungen zu anderen Ländern pflegte, in der die Kultur blühte, aber auch Kämpfe zwischen Dynastien sowie Piraten-Überfälle für Gewalt und Unruhe in den einzelnen Regionen sorgen.

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Miyuki tritt die weite Reise zu Fuß an: Auf ihren schmalen Schultern trägt sie die wasserdichten Reusen mit der wertvollen Fracht aus insgesamt acht zappelnden Karpfen. In ihrem Herz trägt sie Schmerz und Trauer ob ihres Verlustes, der sie zur Witwe machte und jeglicher Zukunftshoffnungen beraubte. Auf ihrem Weg zur Kaiserstadt macht sie Station in einer Herberge, einem Tempel und einem Freudenhaus auf Booten, in dem sie für eine Nacht sich einem Mann anbieten muss. Ohne es zu wissen, lernt sie bereits vor ihrer Ankunft in Heian-Kyo, dem heutigen Kyoto, den Minister für Gärten und Teiche namens Nagusa Watanabe kennen, der für die Tempelteiche zuständig ist.

Decoin, der bereits 1977 für seinen Roman „John Hell“ mit dem renommierten Literaturpreis Prix Goncourt geehrt wurde, hat an diesem Roman zwölf Jahre lang gearbeitet. Diese Zeit, dieser Einsatz wird womöglich nicht am Umfang des Buches deutlich, das mit seinen etwas mehr als 340 Seiten eher in der „Mittelklasse“ rangiert. Es ist sowohl die immense Recherche als auch die intensive Arbeit an der Sprache, die zu spüren ist: Die Bibliografie am Ende des Buches verzeichnet Werke, die der Franzose, Jahrgang 1945, verwendet hat und die sich vor allem mit der Geschichte und Kultur des asiatisches Landes in den verschiedensten Facetten beschäftigen.

„Als Ihr Mann lebte“, fuhr der Herr des Heiligtums fort, „waren all seine Handlungen wie kleine Samen, die sein Karma bildeten. Und dieses Karma besteht weiter, nachdem unsere Leben erloschen sind, und die Samenkörner, aus denen es besteht, wachsen unaufhörlich, auch wenn das Leben dieser Person abbricht, weil sie die Handlungen der Person sind, die sie vollbracht hat, und ihr daher äußerlich sind.“

Der Franzose entwirft in einer ungemein poetischen Sprache, die sich allerdings nicht vor langen Sätzen scheut, ein bildgewaltiges, vor allem sinnliches Panorama dieses fremden Landes, in dieser nunmehr allzu fernen Zeit. Die Natur und die Sinne, auch die körperliche Sinnlichkeit und erotische Leidenschaft, nehmen viel Raum ein. Vor allem dem Geruchssinn kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Denn Miyuki hat als Frau des Karpfenfischers nicht nur mit geruchsintensiven Elementen wie Schlamm und Schlick zu tun. Sie strömt ebenfalls einen ganz eigenen Geruch aus, den der Minister an ihr wahrnimmt und dank dessen die junge Frau schließlich eine spezielle Aufgabe erhält und damit trotz ihres niederen Standes den jugendlichen, gerade mal 15-jährigen Kaiser sehen darf. Obwohl der Erzähler gefühlt mit einigen Abstand als entfernter Berichterstatter diese Begebenheiten schildert, kommt der Leser der Heldin, ihren Gefühlen und ihrer teils auch intimen Gedankenwelt sehr nahe.

Von Religion und Mythen

Decoins Werk hat viele Gesichter: Es ist ein berührender Roman über eine einzigartige Liebe, über Trauer und Abschied sowie über Religion und Mythen. Zugleich erzählt er auch die Geschichte einer Frau, die sich einer besonderen Herausforderung stellt und an dieser wächst. Nach ihrer gefährlichen wie anstrengenden Wanderung lernt sie die fremde Welt der Kaiserstadt, ihre Traditionen und Regeln sowie ihre Hierarchie und Macht-Prinzipien kennen. Zudem rückt der Roman eine ganz spezielle Beziehung in den Fokus: die zwischen Mensch und Tier. Es ist anrührend, wie Miyuki sich um das Wohl der Fische sorgt. Ihre Kenntnisse hat sie – viele werden daraus womöglich ein Zeichen von früher Gleichberechtigung ablesen – von ihrem Mann erhalten. Sein Wissen im fürsorglichen Umgang mit den kostbaren Tieren könnte ganze Bücher füllen. Decoin hat „nur“ ein Buch daraus gemacht, doch was für eines, eines, in das man förmlich hineinkriecht, um verändert herauszukommen, eines, dessen Geschichte man auf einer sinnlichen Zeitreise regelrecht erspüren kann. Rundum ein Meisterwerk, vor dessen Schöpfer man sich verbeugen will.


Didier Decoin: „Das Ministerium der Gärten und Teiche“, erschienen im Verlag Klett & Cotta, in der Übersetzung aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn; 348 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay

2 Gedanken zu „Didier Decoin „Das Ministerium der Gärten und Teiche““

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