Jeroen Olyslaegers „Weil der Mensch erbärmlich ist“

„In jedem Mitläufer steckt ein Dreckskerl.“

Die Zeit teilt sich, in die des Schuldigseins und jene der Schuldbekenntnisse. Wobei nicht alle Menschen diesen Weg, diese Entwicklung vollziehen. Der Held in dem eindrucksvollen Roman des flämischen Autors Jeroen Olyslaegers mit dem markanten Titel „Weil der Mensch erbärmlich ist“ blickt zurück auf die Zeit der deutschen Besatzung, als er als Hilfspolizist auf beidenSeiten gestanden hat. Jahrzehnte nachdem er eine unwiderrufliche Schuld auf sich geladen hat, schreibt er seine Erlebnisse nieder.

An der Seite der SS

Wilfried Wils ist da längst ein alter Mann. Seine Frau ist bereits verstorben. Die Pflegekraft Nicole kümmert sich rührig um ihn.  Kriegstagebücher und seine noch verbliebenen Erinnerungen sind Quellen für seinen Rückblick in eine gar finstere Zeit. Seine Heimatstadt Antwerpen ist in deutscher Hand, das Land ist von der Wehrmacht eingenommen worden. Mit Hilfe seines Französisch-Lehrers Miesebart wird der junge Mann, 1920 geboren, in die Reihen der Hilfspolizei aufgenommen, die der SS und Geheimpolizei bei der Judenverfolgung zur Seite steht. Wils wird Zeuge von Hass, von Gewalt, von Nacht-und-Nebel-Aktionen, bei denen Familien deportiert werden. Dabei ist er, der Dichter werden will und es später auch wird, kein Anhänger der Nationalsozialisten, die auch in Belgien nicht wenige Sympathisanten haben. Wie eben den Mentor des Helden, der Französisch unterrichtet und eine neue, machtvolle und vor allem judenfreie Zeit herbeisehnt. Auch Wils Schwester arrangiert sich mit den Besatzern – als Geliebte eines SS-Offiziers.

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Lode, der Freund, Kollege und schließlich auch Schwager des Helden, engagiert sich hingegen in der Gruppe von Widerständlern und hilft, den angesehenen Juden Chaim Lizke in dessen Versteck zu versorgen. Schließlich wird auch Wil ein Teil dieser geheimen Bewegung, die im Verborgenen agiert, so dass er schließlich auf beiden Seiten steht, er für einige denn auch als „falscher Fuffziger“ gilt, dem man kein Vertrauen schenken kann. Doch diese Gespaltenheit scheint nicht nur das Ergebnis dieser furchtbaren angsterfüllten Zeit zu sein. In seinen Erinnerungen blickt der Protagonist auch in seine Kindheit zurück, auf ein besonderes Ereignis. Im Alter von fünf Jahren erkrankt Wil schwer, er vergisst, wer er ist und will sich fortan nicht mehr Wilfried, sondern Angelo nennen.

„Aber der Mensch ist vor allem erbärmlich, er ist nicht konsequent und gibt sich Illusionen hin. Keiner ist sein Leben lang ein Held.“

In diese Erinnerungen an die damaligen Ereignisse und sein eigenes, zwiespältiges  Handeln webt der Protagonist, der zugleich Erzähler ist, ein skizzenhaftes Porträt seiner Familie. Er berichtet von seinen Eltern, zu denen er kein enges Verhältnis aufbauen konnte, schildert von Yvette, der Schwester Lodes, die seine Frau wird. Die zweite besondere Frau in seinem Leben ist seine Enkelin, die jedoch ein tragisches, wenngleich selbst gewähltes Schicksal trifft, das auch in Verbindung mit Wils Vergangenheit steht. Seine Erinnerungen richten sich schließlich an seinen vermeintlichen Urenkel, für den er sich durchaus sehr selbstkritisch erklärt. Der Held ist sich seiner Rollen und damit seiner Schuld bewusst. Im Gegensatz zu vielen, die diese Zeit und ihr aktives verbrecherisches Mitläufertum vergessen wollen.

„Wie erklärt man jemanden, was Wehrlosigkeit ist und wozu der Mensch in der Lage sein kann, wenn derjenige nie am eigenen Leib erfahren hat, was es heißt, den Dreckskerl in sich selbst zu spüren.“

Der Roman Olyslaegers lotet eindrücklich die Frage nach Moral, Anstand und Zivilcourage auf der einen Seite und nach dem Drang, eine grausame Zeit zu überleben, auf der anderen Seite aus. Allzu oft werden bekanntlich spätere Generationen mit dem Gedanken „Wie hätte ich mich damals verhalten?“ konfrontiert. Dass es darauf wohl nie eine Antwort geben kann, weil weder die Zeit sich zurückdrehen lässt, noch die Spätgeborenen die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Vorfahren machen mussten, beweist in einer sehr nachdenklichen Weise dieses Buch. Dabei kommt dieser Roman teils in einem leicht schnoddrigen Ton daher. Trotz des ernsten Themas lässt er Raum für komische Szenen, ohne indes der erdrückenden und düsteren Stimmung angesichts des Hasses und der Gewalt die Wirkung zu nehmen.

Rolle und Verantwortung jedes Einzelnen

„Weil der Mensch erbärmlich ist“, der Titel verweist auf ein Zitat im Text, ist der bereits fünfte Roman des 1967 in Flandern geborenen Schriftstellers. Für sein Schaffen ist Olyslaegers bereits vielfach geehrt worden. Dabei stellt er neben der Frage nach der Rolle und Verantwortung des Einzelnen in der Besatzungszeit – Antwerpen war bereits im Mai 1940 besetzt worden und später Ziel mehrerer Bombenangriffe – die Bedeutung der Erinnerung heraus – dass es wichtig ist, dass die Älteren den Jüngeren über ihr Leben berichten und sie somit Geschichte und ihre Ereignisse nicht vergessen lassen.

Ich habe mich da auch an den ebenso eindrucksvollen Roman „Krieg und Terpentin“ des ebenfalls flämischen Autors Stefan Hertmanns erinnert, in dem jedoch der Erste Weltkrieg und die Auseinandersetzung mit den Erinnerungen des Großvaters im Mittelpunkt stehen. Auch nach der Frankfurter Buchmesse 2016 sollte also die Literatur aus Flandern nicht aus dem Blick geraten. Wer sich für diese Geschichte(n) interessiert, könnte da einige literarische Schätze heben.


Jeroen Olyslaegers: „Weil der Mensch erbärmlich ist“, erschienen im DuMont Buchverlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Isabel Hessel und Gregor Seferens; 368 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay

2 Gedanken zu „Jeroen Olyslaegers „Weil der Mensch erbärmlich ist““

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