Esi Edugyan – „Washington Black“

„Das Unmögliche begegnet uns in dieser Welt selten (…).“

Er ist nach dem ersten amerikanischen Präsidenten benannt – und nach seiner Hautfarbe. George Washington Black wächst als Sklave auf einer Zuckerrohr-Plantage auf der Karibik-Insel Barbados auf. Bereits als Kleinkind weiß er, was Armut und Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung bedeuten, dass das Leben der Sklaven für deren Besitzer nicht viel wert ist. Doch eine Begegnung wird das Leben des Zehnjährigen eine andere Wendung geben. Der nach dem Helden benannte Roman der kanadischen Autorin Esi Edugyan führt nahezu rund um die Welt und erzählt von einer besonderen Befreiung. 

Begnadetes Zeichentalent

Man schreibt das Jahr 1830, als George Washington „Wash“ Black mit Christopher, kurz Titch genannt, den Bruder seines brutalen Masters Eramus und jüngsten Spross der englischen Familie Wilde kennenlernt, der die Plantage und die Sklaven gehören. Wash wird Christophers Gehilfe und erstaunt ihn mit seinem Zeichentalent und seiner Neugierde. Als Titchs Cousin Philipp, der für einige Zeit auf Barbados weilt, sich auf grausame Weise das Leben nimmt und der nach einem Unfall im Gesicht durch Brandnarben entstellte Junge zurück in die Obhut seines grausamen Masters soll, flieht das ungleiche Duo dank eines selbst konstruierten Wolkenkutters von dem Eiland.

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Weit kommen sie indes nicht: In der Karibik werden sie nach dem Absturz des Luftschiffes infolge eine Sturmes von einem Schiff aufgesammelt. Ihre abenteuerliche Reise nach Norden, wo Titch seinen Vater, einen Forscher und Weltenbummler, suchen will, findet damit ihre glückliche Fortsetzung.  Doch in der Kälte der Arktis lässt der junge Master seinen Gehilfen eines Tages plötzlich zurück und verschwindet spurlos. Der Junge, auf dem bereits kurz nach seiner Flucht ein Kopfgeld und dieser damit einer möglichen Ergreifung ausgesetzt ist, ist fortan auf sich allein gestellt. Doch Wash geht seinen eigenen Weg und weiß sich zu behaupten in all den kommenden Jahren.

Die Reise geht weiter

Edugyans Werk ist sowohl Abenteuer-Buch als auch Entwicklungsroman. Während das Geschehen bis zu Titchs plötzlichem Verschwinden recht rasant erzählt wird und ereignisreich ist, kommt die folgende Handlung zunehmend in ruhiges Fahrwasser, obwohl sich auf dem Lebensweg, der Wash durch für ihn fremde Länder und Städte wie England, Amsterdam und Marokko führt, weitere überraschende Wendungen ereignen.  Der Leser nimmt Anteil am Wachsen und Werden des Helden und Ich-Erzählers, der später auf seine große Liebe Tanna, die Tochter des bekannten Meeresbiologen Goff, trifft. Gemeinsam arbeiten sie an einem besonderen Projekt: Ein Meeresmuseum soll entstehen. Doch trotz einer neuen „Familie“ lassen die traumatischen Erinnerungen an die Plantage und die innige Beziehung zu seiner Beschützerin Big Kit Wash nicht los, von deren wahren Rolle der nunmehr erwachsene Held erst bei seinen Recherchen im Archiv zur Plantage erfährt. Zugleich hinterfragt er sein Verhältnis zu Titch und dessen Charakter.

„Doch hier entstand nun endlich etwas, das ich selbst kreiert hatte – die Erfindung eines Jungen, der geboren worden war, um ausgelöscht zu werden, um zu schuften und zu sterben. Welch Wiedergutmachung allein der Gedanke darstellte, dass ich auf dieser Welt etwas hinterlassen würde.“

Der Roman ist ein Buch über Wissenschaftler und ihre Forschungen. Neben dem regen Geist von Titch und dessen Vater ist auch Goff auf der Suche nach Wissen: den Beweisen gegen die Lehre der Kreationisten, die die Schöpfungstheorie verfechten. Charles Darwin lässt da grüßen. Der britische Naturforscher absolvierte in jenen Jahren, in denen der Roman zeitlich angesiedelt ist, seine Reise mit der H.M.S. Beagle. Seine dabei gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse flossen ein in sein 1859 veröffentlichtes Werk „Über die Entstehung der Arten“,  das als Hauptwerk zur Evolutionstheorie gilt. Mit dem Wolkenkutter sowie den Anfängen der Fotografie werden zwei große Erfindungen vorgestellt.

Allen voran ist „Washington Black“ ein ergreifender wie bedrückender Roman über die Sklaverei und den menschenverachtenden Rassismus mit all seinen Formen und Folgen. Zudem erzählt das vielschichtige, sehr atmosphärische Werk von einem unvergesslichen Helden, der die Neugierde und das Staunen trotz widriger Bedingungen nie verliert und dem es trotz seiner Herkunft gelingt, seine Begabung und seine Interessen selbst bestimmt und in Freiheit auszuleben. Deshalb ist trotz aller Dramatik und Melancholie Raum für Licht und Hoffnung. Wenige Jahre nach Washs Flucht wird auf Barbados die Sklaverei abgeschafft. Der Rassismus hat indes nie aufgehört zu existieren. Deshalb sind Bücher wie dieses so bedeutend.

Für ihren dritten, im Übrigen auch sehr schön gestalteten Roman erhielt die Kanadierin den Giller-Preis, den wichtigsten Literaturpreis ihres Land, und war für den renommierten Booker Prize und den Pen-Preis nominiert. 1978 in Calgary geboren, lebt sie mit dem Autor Steven Price, hierzulande vielleicht dem einen oder anderen bekannt durch dessen wunderbaren Roman „Die Frau in der Themse“ (Diogenes) bekannt, in Victoria (British Columbia).

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Lesen in vollen Zügen“ und „Bleisatz“.


Esi Edugyan: „Washington Black“, erschienen im Eichborn Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Anabelle Assaf; 512 Seiten, 24 Euro

Foto von Yianni Tzan auf Unsplash

2 Gedanken zu „Esi Edugyan – „Washington Black““

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