Michael Crummey – „Sweetland“

„Und er begann den Fuchs als seine Gesellschaft auf der Insel zu betrachten.“

Wer sich mit der Geschichte Neufundlands und der umliegender, spärlich besiedelter Inseln beschäftigt, stößt unweigerlich auf das Thema Umsiedlung. Mehrere Hundert Orte und Gemeinden im Nordosten Kanadas sind in den vergangenen Jahrzehnten aufgegeben worden – auch bewusst durch die Politik gelenkt, die Anreize setzte, dass Menschen ihre Heimat verlassen und somit Geld für die flächendeckende Strom- und Wasserversorgung, Schulen sowie den Fährbetrieb eingespart werden konnte. Von einer dieser Inseln und ihrer nur noch wenigen Bewohnern erzählt der kanadische Autor Michael Crummey in seinem Roman „Sweetland“.

Drohbriefe und tote Tiere

Der Titel des Buches verweist auf den Namen der Insel, aber auch den des Helden, der im Mittelpunkt des Geschehens steht. Moses Sweetland hat einst als Fischer und Leuchtturmwärter gearbeitet. Nun vertreibt sich der 69-Jährige seine Tage mit Online-Poker und Fischen. Mit dem Quad fährt er über die Insel, um nach den Kaninchen-Fallen zu sehen. Er lebt allein – ohne Frau und Kinder. Ab und an weiß er Jesse, den Sohn seiner Nichte Clara, an seiner Seite. Für nahezu alle Einwohner sind die Tage auf Sweetland gezählt. Sie haben eingewilligt, gegen Geld das Eiland zu verlassen. Bis zu 150.000 Dollar plus weitere finanzielle Hilfe wird einer Familie dafür angeboten. Nur Lovelace, ein Nachbar, sowie Sweetland weigern sich, den Vertrag mit der Regierung, das sogenannte „Paket“,  zu unterzeichnen.  Doch schließlich willigt auch Lovelace ein. Der einstige Leuchtturmwärter steht nunmehr alleine da und wird bedroht – mit Briefen und toten verstümmelten Tieren. Denn die Regierung zahlt nur, wenn auch alle Bürger an der Umsiedlung teilnehmen.   

Aus dem Außenseiter Sweetland wird ein einsamer und verhasster Außenseiter, der eigentlich von vielen ob seiner Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit geschätzt wird. Auf dem Meer hat er vor einigen Jahren mehrere Männer aus Sri Lanka, die auf ein besseres Leben in den USA gehofft hatten, unter Einsatz seines Lebens gerettet. Er ist da, wenn man ihn braucht. Selbst wenn in der Nacht die Kuh kalbt. Ihren Unmut über den eigensinnigen und starrsinnigen Mann zeigen die Bewohner indes versteckt; sie handeln im Verborgenen. Von Duke Fewers Rolle, der in einem Schuppen einen Friseurladen eingerichtet hat, in dem jedoch meist nur Schach gespielt wird, ahnt Sweetland erst viel später. Und der will bleiben – komme, was da wolle. Die Insel ist seine Heimat, hier liegen seine Schwester Ruth, seine Eltern und Großeltern begraben, hier hat er seine erste und einzige große Liebe geküsst und seinen jüngeren Bruder Hollies beim Fischen verloren. Die Insel, auf der erst in den 70er-Jahren die Elektrizität Einzug gehalten hat und die vom Überfischen der einst reichhaltigen Kabeljau-Beständen besonders getroffen wurde, ist Teil seiner Lebensgeschichte. Das vom Atlantik umgebene Land und der alte Mann sind eng miteinander verbunden.

Sweetland findet eine, wenngleich illegale Möglichkeit, auf dem Eiland zu bleiben, ohne dass die anderen einen Nachteil haben, ohne zu wissen, dass er damit auch unwillentlich eine Tragödie heraufbeschwört, die ihm das Herz brechen wird. Sweetland bleibt auf Sweetland zurück – allein und vollkommen auf sich gestellt. Es gibt keinen Strom, kein Internet mehr, die Fähre stellt ihren Betrieb ein. Die Vorräte neigen sich mit der Zeit dem Ende zu. Sweetland, der gezwungen ist, in anderen Häusern nach Essen und notwendigen Dingen wie Toilettenpapier zu suchen, hat nur noch sich und seine Gedanken und Erinnerungen. Sein Leben mit all seinen schönen wie traurigen Seiten zieht an ihm vorbei, seine psychische wie psychische Kraft schwindet angesichts der auch harschen Witterungsbedingungen.

„Am Ende war so ein Leben eigentlich gar keine so gottverdammt große Sache, dachte er. Ein Kuddelmuddel aus Illusionen, zusammengeflickt, um halbwegs menschlich zu erscheinen, wie eine Lumpenpuppe, die die Krähen im Garten verscheuchen soll. Überhaupt keine so gottverdammt große Sache.“

Was macht eine Umsiedlung, eine politisch gewollte und geförderte Aktion wie diese, mit den Menschen, der Gemeinschaft, in der sie leben? All das beschreibt der preisgekrönte kanadische Autor, der mit seiner Familie selbst auf Neufundland ansässig ist, sehr genau und eindrücklich. Die Zahl der Bewohner ist überschaubar, verlassene Orte und Häfen sowie marode Gebäude prägen das Bild. Die Jugend hat schon vor Jahren der Insel den Rücken gekehrt, um in einer Stadt auf dem Festland zu leben und zu arbeiten. Neben den eindrucksvollen Naturbeschreibungen stechen auch die Schilderung der Beziehungen zwischen den Protagonisten besonders hervor. Viele der Personen haben dabei ihren ganz eigenen Charakter und recht eigenwillige Angewohnheiten: Queenie hat in den vergangenen Jahren nie ihr Haus verlassen. Sie schaut am liebsten aus dem Fenster und schmökert Liebesromane. Die Priddles-Brüder, zwei zwielichtige und mit dem Konsum von Alkohol und Drogen sehr vertraute Gestalten, kommen regelmäßig auf die Insel. Jesse spricht in Gegenwart anderer Menschen mit Sweetlands toten Bruder.

Komisch, wie melancholisch

In „Sweetland“ finden sich denn sowohl ein komisch-schwarzhumoriger Zug als auch ein sehr melancholischer Ton, der zunehmend dunkler und bedrohlicher wirkt. Mit jedem Tag, an dem Sweetland allein und von einem monotonen wie beschwerlichen Alltag umgeben ist, mit jedem seiner schmerzlichen Gedanken an die Toten und jenen geliebten Menschen, die ihn verlassen haben. Nur der kleine Hund von Lovelace, der zurückgelassen wurde, begleitet den Mann. Es ist eine stille, sehr ergreifende Geschichte, die vom allmählichen Verschwinden und von einem erinnerungs- und liebenswürdigen Anti-Helden erzählt, und ein wehmütiger Abgesang auf einen speziellen Menschenschlag, der sich an die herausfordernden Lebensverhältnisse vor Ort angepasst und sich ganz bewusst für dieses Leben entschieden hat.

Kanadas Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse ist wegen der aktuellen und bekannten Lage ins kommenden Jahr verschoben wurde. Im Oktober wird es indes bereits einige digitale Formate geben, die auf die Literatur des nordamerikanischen Landes aufmerksam machen sollen. Dass nun auch dieser bereits 2014 im Original erschienene Roman ins Deutsche übertragen wurde und nun auch hoffentlich hierzulande entdeckt werden kann, dafür sollten Freunde von stillen wie melancholischen und menschlichen Geschichten sehr dankbar sein. Und auch Crummeys jüngstes Werk „Die Unschuldigen“ hat es nach Übersee „geschafft“ und ist im August bei Eichborn erschienen. Die Zeichen stehen gut für eine Rückkehr nach Neufundland!

Michael Crummey: „Sweetland“, erschienen im Mitteldeutschen Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Peter Groth; 400 Seiten, 26 Euro

Foto von Erik Mclean auf Unsplash

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