Sasha Filipenko – „Der ehemalige Sohn“

„Alle tuten ins selbe Horn, das große Orchester eines kleinen Landes.“

Sonnabendvormittag. Zeitungslektüre auf der Parkbank. Ein Beitrag, obwohl recht kurz gehalten, springt mir sofort ins Auge: In Belarus soll das Pen-Zentrum aufgelöst werden. Mit Schlagzeilen, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten zu mehren scheinen, rückt das osteuropäische Land mit seinen knapp zehn Millionen Einwohner zunehmend in den Fokus. Die Verhaftung eines regimekritischen Bloggers nach der erzwungenen Landung eines Flugzeugs, die Schließung des Goethe-Institutes nach dem Druck der Behörden, eine Leichtathletin, die sich während der olympischen Spiele in Tokio in die Obhut der japanischen Polizei begibt und Schutz sucht in der polnischen Botschaft. Es sind nur einige Beispiele, die Liste ließe sich getrost fortsetzen. Mit den diktatorischen Zügen seines Heimatlandes beschäftigt sich der belarussische Autor Sasha Filipenko in seinem bereits 2014 veröffentlichten Debüt-Roman „Der ehemalige Sohn“, der nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Ein eindrückliches Buch, das aktueller denn je ist.

Zehn Jahre Koma

Franzisk, 16 Jahre alt, ein intelligenter, aber ambitionsloser Schüler am Minsker Lyzeum, fällt 1999 nach einer Massenpanik schwer verletzt ins Koma. Die Zeit vergeht. Seine Mitschüler gehen ihrer Wege, seine Mutter heiratet den Arzt, der ihn behandelt, sie bringt ein zweites Kind zur Welt. Seine große Liebe Nastja vergisst ihn schnell und geht eine neue Beziehung ein. Nur seine Großmutter kümmert sich aufopferungsvoll um ihn. Sie richtet sich in dessen Krankenzimmer ein, glaubt, dass er wieder aufwacht, obwohl viele, auch die Ärzte, ihr raten, endlich von ihrem Enkel loszulassen. Doch auch die deutschen Gasteltern, bei denen Franzisk mehrfach zu Gast war, besuchen ihn. Nach zehn Jahren erwacht Franzisk – in einer anderen Zeit, in der das Land noch immer so ist, wie es einst gewesen war. Eine Diktatur, in der Kritiker verfolgt und verhaftet werden, die Medien gleichgeschaltet sind und Krisen totgeschwiegen werden, in der Schmiergeld gezahlt, die Korruption blüht, Kranke auf Klinik-Fluren abgestellt und sich selbst überlassen werden. Es ist ein trostloses, von einem Despoten namens Lukaschenko regiertes Land, das gelähmt scheint und Menschen in den Selbstmord treibt.

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Franzisk muss sich nach seinem Erwachen an sein neues, altes Leben gewöhnen. Er lebt in der kleinen Wohnung seiner Mutter, nachdem diese sich mit ihrer neuen Familie in der geräumigeren Wohnung der Großmutter rücksichtslos einquartiert hat. Wenig verbindet Mutter und Sohn. Er findet einen Job als Verkäufer in einem Markt für Baumaterial. Mit seinem Freund Stass spricht über das Land und seine Politik. Beide sind sich trotz ihrer kontrovers geführten Debatten einig, dass etwas geschehen muss. Eine Protestaktion, in der die weiß-rot-weißen Fahnen der Opposition wehen, scheint ein hoffnungsvoller Anfang zu sein. Doch die Hoffnung ist nur von kurzer Dauer.

Reale Ereignisse verarbeitet

Das Koma des jungen Helden, Sinnbild für eine neue Generation, auf die die Hoffnungen vieler liegen, erinnert ein wenig an den märchenhaften Dornröschen-Schlaf, wenngleich Filipenko seinen Erstling ohne Happy End ausklingen lässt und gerade gegen Ende mehrere Tragödien anhäuft, die den Leser schockieren und berühren werden. Mit nur wenigen Worten und Andeutungen skizziert er kurz, aber pointiert sowohl den Zustand des Landes als auch furchtbare Geschehnisse, die teilweise auf reale Ereignisse verweisen wie den Bombenanschlag auf die Minsker Metro 2011, die ersten Proteste ein Jahr zuvor. Zahlreiche Regimegegner und kritische Journalisten haben sich das  Leben genommen. Man gewinnt den ernüchternden Eindruck, Filipenko hat mit seinem vor sieben Jahren erschienenen Roman einen Blick in die Zukunft gewagt, was sein Buch wohl umso bemerkenswerter macht. Sein anfänglicher Humor, der viele Gesichter hat, löst sich nach und nach auf und macht zunehmend einer Melancholie und Bedrückung Platz.  

„Das menschliche Schickal, deine Kindheit, Jugend, erste Verliebtheit, Arbeit, Ehefrau, Kind – all das hat absolut keine Bedeutung, kein Gewicht, wenn sich erst die Politik in dein Leben mischt.“

Der belarussische Autor, 1984 in Minsk geboren, verließ vor einer drohenden Verhaftung sein Heimatland und lebt heute in St. Petersburg, nachdem er einige Zeit auch in der Schweiz ansässig war; als Writer in Residence der Jan-Michalski-Stiftung. In einem Vorwort geht er auf die wechselvolle Geschichte seines Debüts ein, das, in russischer Sprache verfasst, zwar Preise erhalten und den Weg auf die Bühne gefunden hat, allerdings in seinem Heimatland nur unter der Hand verkauft wird. Darüber hinaus wurde der belarussischen Nationalbibliothek „geraten“, das Buch nicht in den Katalog aufzunehmen. Die aktuelle deutschsprachige Ausgabe enthält zudem interessante Anmerkungen der Übersetzerin Ruth Altenhofer.

„Der ehemalige Sohn“ – an einer Stelle wird der Titel auch erläutert – ist ein beklemmender Roman, der Spuren hinterlässt und den Leser für die politischen wie gesellschaftlichen Zustände in Belarus sensibilisiert, so dass er fortan Nachrichten aus diesem Land mit ganz anderen Augen lesen wird.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „AstroLibrium“, „aufgeblättert“, „Mikka liest“ und „Schmiertiger“.


Sasha Filipenko: „Der ehemalige Sohn“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Russischen von Ruth Altenhofer; 320 Seiten, 23 Euro

Foto von A_Matskevich auf Pixabay

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