„Als Leser will man den Schock der Lektüre“ – Ein Interview mit Sonja Zekri

In der Allerheiligen-Hofkirche in München wird am 11. November der Bayerische Buchpreis verliehen. Wer die Auszeichnung erhält, entscheidet die dreiköpfige Jury live auf der Bühne vor geladenem Publikum und in Anwesenheit der nominierten Autorinnen und Autoren. Ein Interview mit Sonja Zekri, Vorsitzende der Jury und Feuilleton-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Berlin, über den Bayerischen Buchpreis, das Lesen und die Bedeutung des Kultur-Journalismus.

Drei Bücher sind jeweils in den beiden Kategorien Belletristik und Sachbuch für den Bayerischen Buchpreis nominiert. Wie sind die beiden Listen entstanden?

Sonja Zekri: Jedes Jurymitglied nominiert ein Sachbuch und einen Roman. Die Jury trifft sich – digital – zweimal, vor allem, um doppelte Nennungen auszuschließen. Beim zweiten Treffen werden die Kandidatinnen und Kandidaten festgelegt. Und dann lesen wir.

Die Jurysitzung findet – einzigartig für einen Buchpreis – öffentlich auf einer Bühne statt und wird übertragen. Welche Herausforderungen werden an Sie persönlich und die gesamte Jury gestellt?

Es ist tatsächlich das Besondere des Bayerischen Buchpreises, dass die Jury Auge in Auge mit den Kandidatinnen und Kandidaten und mit dem Publikum tagt. Das ist nicht üblich, dass die Nominierten im Publikum sitzen und auf den Sieg direkt reagieren können. Außerdem wird die Veranstaltung live vom Bayerischen Rundfunk übertragen, wir haben also nicht endlos Zeit, um unsere Argumente darzulegen. Sechs Bücher in einer Stunde – das ist sehr verdichtet.

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Im Trio: Juryvorsitzende Sonja Zekri mit Rainer Moritz (l.) und Knut Cordsen (Foto: Michael McKee)

Welcher Jury haben Sie bereits angehört?

In München habe ich vier, fünf Jahre lang den Geschwister-Scholl-Preis begleitet. Das waren jedes Mal sehr anregende und spannende Gespräche. Manchmal konnten wir wichtigen Büchern Aufmerksamkeit verschaffen, die vielleicht noch nicht so sehr im Fokus standen. Diese Treffen dauerten länger, manchmal zwei oder drei Stunden. Wir haben ja auch oft nicht nur über sechs Bücher gesprochen. Jurysitzung und Preisverleihung fanden getrennt statt.

Als Jurymitglied haben Sie viel zu lesen. Haben Sie Tipps, wie jeder mehr lesen kann?

Man liest leichter, wenn man viel liest. Wenn man viel mit Lesehäppchen zu tun hat, mit Tweets, Überschriften, einem Strom an halben oder fragmentierten Informationen und Geschichten, und sich dann auf ein Buch von 300, 400 Seiten konzentrieren soll, dann ist der Anfang oft das Schwierigste. Wenn man dann aber hineinfindet und einen das Buch in den Bann schlägt, weil es eine großartige Geschichte ist, durch die Sprache, die Figuren, durch die Argumentation, dann wird Lesen zu einer großen Entlastung. Man beschäftigt sich intensiv mit nur einem Gegenstand, einem Inhalt. Dann kann man überall lesen, sehr gut im Zug, in der S-Bahn, beim Warten, immer dann, wenn man gerade nicht auf das Handy schaut.

Welche Rolle spielt für Sie der Bayern 2 Publikumspreis?

Der Publikumspreis wird in diesem Jahr ja erst zum zweiten Mal vergeben. Unsere Jury-Tätigkeit ist davon unabhängig. Die Nominierungen passen aber gut zu unseren Kandidaten.

Sie leiteten von 2015 bis 2020 an der Seite von Andrian Kreye das Kultur-Ressort der Süddeutschen Zeitung. Welche literarischen Debatten sind Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung?

Das war der Anfang der großen Diskussionen um Gender und „MeToo“, um Gleichstellung, Partizipation, die Aufarbeitung des Kolonialismus. Auch und gerade im Literaturbetrieb. Wie steht es um die Sichtbarkeit von Schriftstellerinnen? Welche Stimmen kennt man zu wenig, wer muss besser repräsentiert werden, um die Welt in ihrem Reichtum an Gedanken und Erfahrungen kennenzulernen? Der Literaturnobelpreis hat uns ebenfalls oft beschäftigt, die Querelen in der Kommission in Stockholm, die Kontroversen um Bob Dylan und danach um Peter Handke. Die migrantische Literatur bekam eine stärkere Rolle. Das alles hat diese Zeit sehr geprägt. Andrian Kreye hat 25 Jahre lang im Ausland gelebt, ich habe mehrere Jahre in Russland und Ägypten gelebt. Wir haben Literatur immer als ein Tor der Welt nach Deutschland begriffen, als einen Weg, um über Deutschland zu reden.

Sie haben die Sichtbarkeit von Schriftstellerinnen im Literaturbetrieb angesprochen, das ist ja noch immer ein ganz großes Thema…

Auf unserer Titelliste für den Bayerischen Buchpreise finden sich vier Frauen und zwei Männer, große und kleine Verlage, Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln. Diese Bandbreite ist nicht die Folge eines verkrampften Proporzes, dem wir als Jurymitglieder bei der Absprache gefolgt sind, sondern sie hat sich ganz natürlich ergeben, ohne dass wir darüber groß gesprochen hätten. Es waren einfach die Bücher, die wir am interessantesten fanden. Diese Selbstverständlichkeit hat mich sehr gefreut, denn sie zeigt, dass der Buchmarkt und die Verlage inzwischen eine größere Vielfalt anbieten. Aber die Debatte geht natürlich weiter. Es ist gut, dass etwas in Bewegung gekommen ist, aber wir sind bei weitem noch nicht am Ende.

Es werden Sendungen abgesetzt, Stellen in Redaktionen gestrichen. Wo sehen Sie die Zukunft des Kultur-Journalismus und konkret der Literaturkritik auch mit Blick auf die breite Wahrnehmung in der Öffentlichkeit?

Deutschland hat ein riesiges Angebot an Büchern, Ausstellungen, Konzerten und Theatern, das von sehr vielen Menschen wahrgenommen wird. Wir waren im Lockdown ja regelrecht ausgehungert nach Kunst und Kultur, nach dem Gemeinschaftserlebnis, auch in der Literatur beispielsweise durch Lesungen oder Buchmessen. Deshalb erstaunt es mich, wenn der Kultur-Journalismus mancherorts einen so schwierigen Stand hat. Das ist ein Missverhältnis. Der Buchbranche geht es dann doch viel weniger schlecht als man befürchtet hat. Das gedruckte Buch steht gut da. Außerdem bedeuten auch Bücher, die keine Bestseller sind, für diejenigen, die sie lesen, sehr viel. Und wie sollen die Leserinnen und Leser darüber erfahren, wenn nicht durch eine kundige Literaturberichterstattung? Eine demokratische Öffentlichkeit braucht die umfassende Beobachtung dieses kulturellen Lebens. Es reicht nicht, Emojis auf Twitter zu posten. Ein Kultur- oder Literaturjournalismus, der mit transparenten Maßstäben über Kunst und Literatur berichtet, leistet einen Beitrag für die demokratische Öffentlichkeit.

Was braucht ein Buch, damit es für Sie in Erinnerung bleibt?

Es gibt diese Formulierung, dass ein Buch einen Menschen verändern kann. Und ich glaube, das stimmt. Als Leserin oder Leser will man den Schock der Lektüre, das Innehalten, wenn man begreift, dass man auf diese Weise die Welt, den Menschen oder sich selbst noch nicht gesehen hat. Und man will die Verlusterfahrung, wenn das Buch endet, wenn Figuren oder kluge Stimmen mich verlassen.

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Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie an den Abend zur Verleihung des Bayerischen Buchpreises denken?

Ich bin das zweite Jahr als Jury-Mitglied dabei. Im vergangenen Jahr saßen wir als Jury wegen des Lockdowns allein mit einigen Technikern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Börsenvereins in der Allerheiligen-Hofkirche. Wir wussten, dass die Jury-Sitzung vom Bayerischen Rundfunk übertragen wird, aber es war schon eine etwas einsame Veranstaltung. In diesem Jahr ist das anders, und ich freue mich auf die Intensität und Intimität.

 

Der Bayerische Buchpreis wird seit 2014 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V. und mit Unterstützung durch die Bayerische Staatskanzlei vergeben, als einer der insgesamt vier Medienpreise. Die Verleihung wird am 11. November live ab 20 Uhr vom Bayerischen Rundfunk übertragen. Zur diesjährigen Jury zählen Sonja Zekri, Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, und Knut Cordsen, Kulturredakteur des Bayerischen Rundfunks. 

In der Kategorie Belletristik sind nominiert: Jenny Erpenbeck „Kairos“, Emine Sevgi Özdamar „Ein von Schatten begrenzter Raum“ und Jovana Reisinger „Spitzenreiterinnen“. In der Kategorie Sachbuch sind nominiert: Katajun Amirpur „Khomeini. Der Revolutionär des Islams“, Helge Hesse „Die Welt neu beginnen“ und Philipp Sarasin „1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“.  Der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten geht an Frank Schätzing. 


Foto: Stefan Loeber/Bayerischer Buchpreis

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