Helge Hesse – „Die Welt neu beginnen“

„Man braucht keine Obrigkeit, um die Welt neu zu beginnen.“ 

Was wir oftmals als heutige Errungenschaft ansehen, hat seine Wurzeln in der Vergangenheit. Der Glaube, Fortschritt ist eine Erscheinung der Gegenwart, liegt wohl in einer Unkenntnis der Geschichte oder in einem gewissen Desinteresse begründet. Fortschrittlich war bereits jener Mensch, der das Feuer nutzte, das Rad erfand, waren auch jene Künstler, die in Höhlen eindrückliche und staunenswerte Abbilder ihrer Umgebung schufen. Wenn wir heute von Freiheit und Gleichheit, von der Mitsprache jedes Menschen an politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen oder der wachsenden Rolle der Wissenschaft reden, müssen wir zurückblicken. Zu einer faszinierenden und überaus lehrreichen Zeitreise in das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts lädt Helge Hesse in seinem Band „Die Welt neu beginnen“ ein, mit dem der Düsseldorfer Publizist für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist.

Zwei Schlaglichter der Weltgeschichte 

Zwei herausragende geschichtliche Ereignisse und Schlaglichter der Weltgeschichte fassen diese folgenreichen 25 Jahre wie eine Klammer ein: der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg sowie die Französische Revolution. Den Fokus lenkt Hesse auf diese beiden Länder sowie Großbritannien und Deutschland. Mit sehr viel Weitblick erfasst er dabei die unterschiedlichen Bereiche wie Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Technik, Wissenschaft und Kultur, von denen keiner unberührt bleibt von den Veränderungen. Hesse erzählt dabei Geschichte in Geschichten anhand einer Reihe von berühmten und einflussreichen Persönlichkeiten, ihres (Privat)-Lebens und Wirkens.  Wie George Washington und Maximilien de Robespierre, Georg Forster und James Cook, Erasmus Darwin und James Watt, Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Wolfgang von Goethe, um hier nur einige zu nennen. Mehr als 50 bekannte Namen listet er zu Beginn auf.

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Sie stehen dabei nicht immer nur für sich. Ihre Lebensläufe sind oft miteinander verwoben, gar verschlungen, hat der eine Einfluss auf den anderen, gibt es tiefe Freundschaft wie erbitterte Feindschaft. Gerade auch diese Einblicke in Beziehungen bereichern das Buch genauso wie weniger bekannte, für den einen oder anderen oft auch überraschende Fakten: Der große Philosoph Immanuel Kant finanzierte sich sein Studium durch Billard- und Kartenspiel. George Washington, Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee und erster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, führte während der Pocken-Epidemie eine Impflicht bei Soldaten ein. Hesse erzählt von einer mitunter blutigen Zeit im Aufbruch und der Aufklärung, in der Unabhängigkeit, Freiheit und Gleichheit zu Schlagwörtern, die wachsende Bedeutung von Bildung für jedermann und der Wissenschaft erkannt sowie die Macht von Adel und Klerus hinterfragt wurde. Entwicklungen und Diskurse, die teils auch im Heute weiter existieren beziehungsweise geführt werden. Man denke an das Ringen um die Gleichberechtigung der Frau, das Engagement um Anerkennung der „Black lives matter“-Bewegung und der LGBTQ-Gemeinschaft, der zunehmende Vertrauensverlust  in die Wissenschaft von einem Teil der Menschen während der Pandemie.            

„Manchmal gibt es den Deus ex Machina, jenes Auftreten einer Macht oder Person, die völlig aus dem Nichts, ohne besondere Verknüpfung mit dem bisher Geschehenen, den erwarteten Verlauf der weiteren Ereignisse verändert.“ 

Manche der Berühmtheiten stammten aus einfachen Verhältnissen und haben sich ihren Platz in der Weltgeschichte durch ihre Fähigkeiten und ihren Einsatz hart erarbeitet. Einige der Genannten sind Multitalente wie der deutsch-englische Astronom William Herschel, der zugleich Musiker war, 1781 den Planeten Uranus entdeckte. Dass auch die Gegenden fern von Europa und Amerika vom Umbruch erfasst wurden, beweist das Beispiel Tahitis. Durch den Kontakt mit den Europäern infolge von Cooks Reisen und der Meuterei auf der Bounty veränderten sich die Bewohner der Insel nahezu schlagartig. Sie tauschten ihre Kleidung gegen die der Seemänner und nutzten auch deren Waffen. 

Weites Panorama einer spannenden Zeit 

Jedes Jahr steht unter einem besonderen Titel. Die folgenden Texte sind mal ausführlich, mal wie Miniaturen kürzer gefasst.  Der Leser springt von Ort zu Ort, von Lebensweg zu Lebensweg.  Er reist um die ganze Welt, sieht sowohl große Ereignisse als auch private und intime Vorfälle, erfährt von politischem Kalkül und Machtstreben, wird indes auch Zeuge von unerbittlicher Gewalt und menschlicher Kälte. Trotz einer Vielzahl von Personen behält man den Überblick, verliert man nie den roten Faden. Hesse, Jahrgang 1963 und Verfasser mehrerer Sachbücher zu kulturellen, historischen und philosophischen Themen, zuletzt erschien 2018 sein Band „Eine kurze Geschichte des ökonomischen Denkens“ (Schäffer Poeschel), bezeichnet in einem mit „Auftakt“ überschriebenen Vorwort sein glänzend recherchiertes Buch als „Erzählung“. Er schreibt weiter: „Jede noch so kleine Geschichte erzählt eine Zeit. Jede Erzählung ist eine Reise, der wir uns anschließen können.“ Anliegen seines Werkes sei es, die Zeit „in einem weiten Panorama aufzufächern“. Dies ist ihm gelungen – auf eine faszinierende und lehrreiche Art und Weise, so dass jene Jahre, die scheinbar längst vergangen sind, ganz nah rücken, so dass man sie in einem ganz anderen Licht sehen und einordnen kann.  

 

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „AstroLibrium“.


Helge Hesse: „Die Welt neu beginnen. Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775 – 1799“, erschienen im Reclam Verlag; 431 Seiten, 25 Euro

Foto von Luke Stackpoole auf Unsplash

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