Una Mannion – „Licht zwischen den Bäumen“

„Alles Schöne ging vorüber.“

Der Roman beginnt mit einer Szene, die schon auf den ersten Seiten eine böse Vorahnung wecken und vermutlich vor allem Eltern erschauern lässt. Faye Gallagher ist im Auto mit ihren fünf Kindern auf dem Weg nach Hause. Es ist der letzte Schultag vor den Sommerferien. Es kommt im dicht besetzten Wagen zum Streit. Die Mutter lässt daraufhin in ihrem unerbittlichen Zorn ihre Tochter Ellen aussteigen. Es sind noch mehrere Kilometer nach Valley Forge Mountain zu fahren, die Dämmerung setzt allmählich ein. Die Straße ist umgeben von Wald. Es kommt, wie es kommen muss. Ellen geschieht etwas Schreckliches – und das ist erst der Beginn des eindrücklichen Romandebüts der in Irland lebenden amerikanischen Schriftstellerin Una Mannion.   

Hintergründige Spannung 

„Licht zwischen den Bäumen“ heißt in der deutschen Übersetzung ihr Buch, das im Original mit „A Crooked Tree“ betitelt ist. Beide Bezeichnungen sind treffend, denn sowohl das Licht, vor allem auch das von Fahrzeugen, als auch die Bäume, allgemein die Natur, spielen in dem Roman eine wesentliche Rolle. Letztere sind die Leidenschaft von Libby. Das 15-jährige Mädchen ist die Schwester von Beatrice, Thomas, Marie und eben Ellen sowie Ich-Erzählerin des Romans, der nicht so sehr das furchtbare Ereignis, sondern eher dessen unmittelbaren Auswirkungen in den Mittelpunkt rückt.  Denn gerade die Kette folgender Geschehnisse verleiht dem Buch eine durchgehende hintergründige Spannung, die einen großen Sog entwickelt.

Man kommt im Verlauf dieser Besprechung allerdings nicht herum, das Erlebnis von Ellen zu verraten: In ihrer Verlorenheit und wegen des langen Weges nach Hause steigt sie zu einem fremden Mann ins Auto, der sie schließlich sexuell belästigt. Ellen gelingt jedoch die Flucht. Das Mädchen strandet leicht verletzt in dem Haus, in dem Libby als Babysitterin jobbt. Vor ihrer Mutter wollen sie den Missbrauch geheim halten, allerdings erhält das Geschehen eine gewiss Eigendynamik. Wilson McVay, ein recht unheimlich wirkender Freund Maries, den Libby nicht mag, verfolgt und spürt den Täter, der aufgrund seiner markanten Haare Barby-Mann genannt wird, schließlich auf.     

Doch über diesen krimihaften Teil der Geschichte hinaus, ist „Licht zwischen den Bäumen“ vor allem ein großartiger berührender Familien- und Coming-of-Age-Roman, in dem sich die Autorin den verschiedenen Familienmitgliedern konzentriert widmet, jedem Protagonisten, vor allem den Kindern, verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten verleiht. Marie, die Älteste in der Geschwister-Schar, beginnt sich von der Familie abzunabeln, Thomas ist ein kluger Kopf und interessiert sich für das Weltall, Ellen hat großes Talent als Malerin, Beatrice ist das stille Nesthäkchen. Libby liebt die Natur, trauert um ihren Vater, der nach der Scheidung die Familie in Richtung New York verlassen hat und an einer Blutvergiftung infolge eines Unfalls plötzlich verstorben war.

Jugend – eine Zeit der Veränderungen

Es ist wohl eine der berührendsten Szenen des Buches, als sich die Kinder Aufnahmen ihres Vaters anhören. Wie ihre Geschwister leidet die Ich-Erzählerin unter der Kühle und Strenge ihrer Mutter, die bereits eine neue Beziehung eingegangen ist, ohne dass ihre Kinder allzu viel über ihren Partner wissen. Doch auch Libbys enge Freundschaft mit Sage wird auf eine harte Probe gestellt. Für beide ist die Jugend eine Zeit der Veränderungen sowie der Grenzüberschreitungen, des Austestens, sich Verortens. Diese teils nachdenklich wirkende Stimmung und Melancholie erhält weitere Nahrung durch die Konflikte in der Familie sowie Verluste und Geheimnisse, die mehrere Figuren mit sich tragen. So auch Libby.       

„Wir waren über diesen Pfad gerannt; als wir losrannten, waren wir noch das eine, und als wir ankamen, nach nur wenigen hundert Metern, waren wir zu etwas anderem geworden.“

Angesiedelt hat Mannion ihren Erstling in der geschichtsträchtigen und ländlich geprägten Gegend um Valley Forge, dem einstigen Winterlager George Washingtons während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, im Süden des Bundesstaates Pennsylvania und im Nordosten der USA gelegen. Zeitlich ist der Plot in den 80er-Jahren angelegt. Der Ghettoblaster ist noch in Mode, die Hochzeit von Diana und Charles lässt die Herzen der Fans der britischen Königsfamilie höher schlagen. Im Fernsehen laufen spätere Kult-Serien wie „Fantasy Island“ zum ersten Mal. Die Amerikanerin, in Philadelphia geboren, ist selbst in einer Großfamilie als sechstes von insgesamt acht Kindern aufgewachsen. Als Kind nur in den Sommerferien zu Gast in Irland,  wo ihr Vater geboren und aufgewachsen ist, siedelte sie in den 1990er-Jahren schließlich von den USA auf die grüne Insel über. Für ihre  Kurzgeschichten und Gedichte wurde sie mehrfach ausgezeichnet.  Sie lehrt am Institute of Technology in Sligo und gibt gemeinsam mit Louise Kennedy und Eoin McNamee seit 2018 die Literaturzeitschrift „The Cormorant“ heraus.

„Licht zwischen den Bäumen“ ist ein erstaunliches Debüt weil dicht, vielschichtig und ungemein atmosphärisch und spannend geschrieben. Und allen voran mit einer jungen charismatischen Erzählerin im Zentrum, die mit einer wachen Beobachtungsgabe die Geschehnisse um sich herum sehr genau auffängt und ehrlich über ihre Gedanken und Gefühle erzählt. Ein Buch, das hoffentlich viele Leser findet und die Neugierde sowie Vorfreude auf weitere Werke Mannions weckt.  


Una Mannion: „Licht zwischen den Bäumen“, erschienen im Steidl Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Tanja Handels; 344 Seiten, 24 Euro

Bild von StockSnap auf Pixabay 

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