Andreas Pflüger – „Ritchie Girl“

„Ich weiß, es gibt Erinnerungen, bei denen man schreien will.“

Obwohl so unendlich viel über den Zweiten Weltkrieg schon in der Vergangenheit berichtet, erzählt, geschildert worden ist, gibt es noch immer Geschehnisse, die erst jüngst ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind – weiße Flecken, die nun ausgefüllt werden und Konturen erhalten. Mehrere Jahre war ein Bericht des US-Justizministeriums unter Verschluss, der sich mit der engen Zusammenarbeit der USA mit hochrangigen Nazis auseinandersetzt. Ein brisantes Thema, mit dem sich Andreas Pflüger in seinem aktuellen Roman „Ritchie Girl“ auf herausragende Weise beschäftigt.

Tod und Trümmerlandschaft

Nach seiner dreiteiligen Thriller-Reihe über die blinde BKA-Ermittlerin Jenny Aaron – alle Bände sind auch hier auf dem Blog vorgestellt worden – wandelt Pflüger nunmehr auf historischen Pfaden. Wobei man schon zu Beginn eine eindeutige Warnung formulieren sollte: Auch sein neuester Streich ist keineswegs ein Buch für empfindsame Seelen, wobei die Szenen und die Kulisse, in denen die Figuren wirken, auf realen Geschehnissen basieren. Es herrscht eine Zeit, die es so nie gegeben hat, die dunkler als dunkel war, eine Zeit der Gewalt, des Leids, des millionenfachen Todes, der riesigen Trümmerlandschaften, für nachfolgende Generationen wohl noch immer unvorstellbar. Mittendrin Paula Bloom, die nach ihrer Ausbildung im Camp Ritchie (Maryland) in den letzten Kriegswirren mit der U.S. Army als eine der wenigen Besatzungsoffizierinnen nach Europa kommt. Zuerst in Genua stationiert, macht die Tochter einer Deutschen und eines Amerikaners bereits in den ersten Tagen ihres Einsatzes in Übersee die Bekanntschaft mit den unmoralischen „Geschäften“, die den Kalten Krieg einläuten.

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Im strategischen Kampf gegen den Kommunismus werden aus erbitterten und skrupellosen Feinden plötzlich Verbündete. Beziehungen, die bereits während des Weltkrieges entstehen, werden mit Kriegsende weiter gestrickt. Hochrangige SS- und Wehrmachtsoffiziere erhalten eine neue Position, ohne jemals zur Verantwortung gezogen zu werden: Generalmajor Reinhard Gehlen, der mit dem Einverständnis der Amerikaner einen Geheimdienst aufbaut und wenige Jahre später zum Leiter des Bundesnachrichtendienstes, der Nachfolgeorganisation, ernannt wird, ist nur einer davon. Paula Bloom ist körperlich wie seelisch gezeichnet, als sie nach Deutschland kommt. Während im Nürnberger Justizpalast die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher laufen, wird die Dolmetscherin im Camp King, nördlich von Frankfurt/Main gelegen, mit Befehl ihres Vorgesetzten auf Johann Kupfer angesetzt. Sie soll herausfinden, ob der Österreicher mit jüdischer Herkunft wirklich der große Spion ist, für den er sich hält.

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Robert H. Jackson, US-Chefankläger in Nürnberg.  (Foto: Wikipedia)

Im wechselvollen und von tragischen Erlebnissen überschatteten Lebensweg der Heldin hat Pflüger mehrere Kapitel der Zeitgeschichte angelegt: Waren die ersten Jahre ihrer Kindheit und Jugend in Berlin, wo sie auch geboren wurde, noch bis auf den frühen Tod ihrer Mutter vorwiegend sorgenlos und lernt sie dort dank der Verbindungen ihres bekannten wie umtriebigen Vaters die Größen aus Politik und Gesellschaft, Kunst und Kultur kennen, verändert sich ihr Leben schließlich schlagartig, als ihr Vater nach Hitlers Machtergreifung von der SA auf offener Straße und unter ihren Augen zu Tode geprügelt wird. Sie flieht zu seiner Familie in die USA. Dass ihr Vater indes alles andere als ein Mann der Moral war, erfährt sie erst später, als sie seine Notizbücher liest. Ein Wissen, das sie genauso belastet wie die Suche nach ihrer ersten großen Liebe Georg, über dessen wahre Rolle im Krieg Paula ebenfalls erst später Kenntnis erhält. Sie wird hin- und hergerissen zwischen ihren Gefühlen für Georg und für ihren Freund Sam, den sie einst im Camp Ritchie kennengelernt hatte und nun wiedersieht.

Ein Roman wie eine VIP-Liste

Mit „Ritchie Girl“ beweist Pflüger einmal mehr seine eindrucksvolle Fähigkeit, ein umfassendes angeeignetes Recherchematerial auf hohem Niveau literarisch und sprachlich exzellent zu verarbeiten. Wie er reale Geschichte mit Fiktion verbunden hat, beschreibt er in einem lehrreichen Nachwort, das viele Details des historischen Hintergrunds vermittelt. Der Roman ist reich gefüllt mit bekannten Namen aus der Geschichte, aus Kunst und Kultur. Er baut Brücken zu großen Autoren wie Klaus Mann und Stefan Heym, die nach ihrer Emigration in die USA ebenfalls im Camp Ritchie ausgebildet worden sind. Manchmal erscheint jedoch dieses Umfeld der couragierten wie empfindsamen Heldin zu VIP-lastig, gibt es wohl keine Berühmtheit, die sie nicht persönlich kennt, kein Ereignis, das sie nicht erlebt hat. Sie wird von Otto Dix gemalt, schläft mit Graham Greene, sie trifft auf Henry Kissinger und Robert Kempner, den Stellvertreter des US-Chefanklägers Robert H. Jackson, und ist Zeugin des Absturzes der Hindenburg. Paulas Vater hatte eine Liaison mit keiner Geringeren als Marlene Dietrich.

„Die Nazis waren begnadete Wissenschaftler; sie haben ein zwölfjähriges Experiment gemacht und bewiesen, dass Gott nicht existiert.“

Darüber hinaus zeigt der zugleich spannende Roman auf, dass große Geschichte aus vielen kleinen Geschichten Mosaiksteinchen gleich besteht. Geschichten von Tätern, Mitläufern und Opfern, den Toten wie den Überlebenden – wie Elias, ein jüdischer Wirt, der sechs Jahre untergetaucht war und den Paula in Frankfurt kennenlernt. Auch von ihm erfährt sie, welche verheerenden Folgen der Krieg und die widerliche Gewaltherrschaft der Nazis hatten.

„Ritchie Girl“ vermag es jedoch nicht nur, den Leser unerbittlich mit der düsteren Nachkriegskulisse  zu konfrontieren; der Einband ist dazu passend in Schwarz gehalten, der Schnitt blutrot. Das vielschichtige, nachdenklich stimmende und an Personen und Ereignissen überaus reiche Buch verhandelt zudem große Themen wie Schuld und Sühne, Schein und Sein, die Morallosigkeit von Politik und Wirtschaft sowie Loyalität und Liebe. Mehrfach lesen sich Passagen wie Kommentare zum Hier und Jetzt, zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Eine Wiederbegegnung mit Paula Bloom wäre äußerst wünschenswert. Denn über sie und ihre Zeit gibt es sicherlich noch viel mehr zu erzählen.

Eine weitere Besprechung gibt es jeweils auf dem Blog „Kaffeehaussitzer“ und „Buch-Haltung“.


Andreas Pflüger: „Ritchie Girl“, erschienen im Suhrkamp Verlag, 464 Seiten, 24 Euro

Foto: Bundesarchiv/Fotograf unbekannt

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