Olivia Laing – „Zum Fluss“

„Auf seinem Weg durch eine Landschaft fängt ein Fluss die Welt ein und gibt sie gedoppelt zurück; eine glitzernde veränderliche Welt (…).“

Von ihrer Quelle in einem Wald bei Haywards Heath bis zu ihrer Mündung in den Ärmelkanal nahe Newhaven schlängelt sich die Ouse 42 Meilen durch die Landschaft Südenglands. Der Fluss hat als tragischer Ort Berühmtheit erlangt und Einzug in die Literaturgeschichte gehalten: Am 28. März 1941 ertränkte sich die Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf im Alter von 59 Jahren in der Ouse. In ihrem Buch „Zum Fluss“ begibt sich die englische Journalistin und Autorin Olivia Laing auf eine Reise zu Fuß entlang des Gewässers und erzählt nicht nur die tragische Geschichte ihrer berühmten Landsmännin, die vor allem mit ihren Romanen zu den bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts gehört.

Aufbruch zur Sommersonnenwende

Schon seit Jahren fühlt sich Laing von diesem Fluss und dessen umgebende Landschaft angezogen. In einer persönlichen Krise – Job weg, Liebe weg – und geplagt von Schlaflosigkeit macht sich die Engländerin auf den Weg – zu einer mystischen Zeit: Zur Sommersonnenwende gestartet, läuft sie per pedes von Ort zu Ort, von Herberge zu Herberge. Mehrere Tage ist sie unterwegs, um schließlich den Ärmelkanal zu erreichen. Sie beschreibt den Fluss, seine Bedeutung und Formen, den Charakter der Landschaft sowie Begegnungen mit Mensch und Tier. Sehr detailreich geht sie auf die reiche Pflanzenwelt ein, berichtet an einigen Arten wie sie genutzt werden können, wobei der Leser vermutlich nicht alle der zahlreich erwähnten Vertreter der Flora kennen wird.

Woolf

Mittendrin, zwischen jenen Landschafts- und Naturschilderungen finden sich Exkursionen in die Geschichte der Gegend, allen voran in das Leben von Virginia Woolf, die gemeinsam mit ihrem Mann Leonard, ebenfalls Autor und Verleger, in Monk’s House nahe dem Fluss lebte. Laing versucht, ein anderes, vielschichtigeres Bild der Schriftstellerin zu zeichnen, deren Depression wohl eher bekannt ist als ihre immense Lebensfreude, ihr Frohsinn und ihre enge Bindung zum Wasser, wie Laing an mehreren Stellen auch mit Blick auf Auszügen aus Woolfs Werken, Tagebüchern und Briefen zu zeigen versucht. Die Autorin verweist zudem auf die dramatischen Auswirkungen des Krieges auf das Seelenleben Woolfs; eine Fliegerbombe hatte das Haus der Woolfs in London getroffen.

Jede Landschaft, da sind wir uns mittlerweile einig, ist ein Palimpsest, das über die Jahrhunderte Schicht um Schicht gewachsen ist.“

Doch Laings erzählerischer Radius geht weiter. Anhand der Biografien der beiden Geologen Gideon Mantell und Charles Dawson blickt sie weit zurück in die Vorgeschichte, in prähistorische Zeiten: Mantell sammelte Fossilien und prägte den bis heute gebräuchlichen Begriff Dinosaurier, Dawsons Schädelfunde eines Frühmenschen hatten viele Jahre Einfluss auf die Wissenschaft, bis sie in den 50er-Jahren als Fälschungen erkannt wurden. Mit der Schlacht von Lewes am 12. Mai 1264 führt die Autorin die Leser in das Mittelalter und die blutigen Kriege des englischen Adels; Überreste des Gemetzels sind während des Baus der Eisenbahn ans Tageslicht gekommen. Sie beschreibt zudem, wie der Mensch mit seinen Eingriffen in die Natur das Land verändert hat, wie er Wälder gerodet, Feuchtgebiete trockengelegt, Brücken und Schleusen errichtet und den Lauf der Ouse begradigt und kanalisiert hat. Und wie er auch mehrfach verheerende Hochwasser und ihre Folgen erleiden musste. Erzählt wird auch von Kenneth Grahame und sein berühmtestes, 1908 erschienenes Buch „Der Wind in den Weiden“ über Tiere am Fluss, Laing erinnert sich an Hör-Kassetten des Kinderbuch-Klassikers.

Der Fluss steht als Symbol dafür, dass alles, was beginnt, auch ein Ende hat. Ausführlich sinniert Laing über das Leben, Veränderungen und Vergänglichkeit, stellt sich die Frage, was bleibt, wenn die Zeit abgelaufen ist. In dem reichen Werk Woolfs, in dem Gedanken, dass ihr Schaffen sie überdauert hat, findet sie einen gewissen Trost. Das Buch, das mit einiger Verspätung und erst zehn Jahre nach dem Erscheinen des Originals von Übersetzer Thomas Mohr ins Deutsche übertragen wurde, blickt darüber hinaus auf den katastrophalen Einfluss des Menschen auf die Welt, der in kurzer Zeit das zerstört, was lange gebraucht hat, sich zu entwickeln. Gemeinsam mit den überaus sinnlichen und bildhaften Beschreibungen der Natur, des Lichts, der Geräusche von Vögeln und Bienen sowie der wechselnden Farben der Landschaft, bereitet der zugleich persönliche Band eine eindrückliche, auch nachdenklich stimmende Lektüre.

Eine Tour mit Wirkung

Laing, Jahrgang 1977 und für ihr Schaffen mehrfach mit Preisen geehrt, erreicht schließlich den Ärmelkanal, erlebt das, was viele Menschen erfahren, wenn sie noch einiger Zeit aus dem ländlichen Raum in das hektische und von Sinneseindrücken überreizte Stadt-Leben eintauchen – eine Art Kulturschock. Ihre Tour entlang des Flusses, der so viele Geschichten zu erzählen weiß, bleibt nicht ohne Wirkung. Sowohl für die Autorin als auch letztlich für den Leser des an Erfahrungen und Eindrücken reichen und mit Fotografien und Zeichnungen ausgestatteten Buches, das darüber hinaus dank der ausführlichen Literaturverweise anregt, sich weiter mit den Geschichten der Ouse zu beschäftigen. Eine Reise an ihre Ufer nicht ausgeschlossen.


Olivia Laing: „Zum Fluss. Eine Reise unter die Oberfläche“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Mohr; 384 Seiten, 20 Euro

Foto: Concept7/pixabay

2 Kommentare zu „Olivia Laing – „Zum Fluss“

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