Wenn die Zukunft schon real wird – 14 Fragen an Franziska Gänsler zu ihrem Debüt „Ewig Sommer“

Eine Frau und ihr Hotel, Mutter und Tochter auf der Flucht. Es herrschen Hitze und Trockenheit, ein Waldbrand rückt immer näher. Das vielschichtige Debüt „Ewig Sommer“ von Franziska Gänsler ist den aktuellen Bildern aus den Nachrichten unglaublich nah und lässt den Leser eine untergründige Spannung spüren. Ein Kammerspiel mit markanten Figuren vor dem Hintergrund der Klimakrise. Mit der Autorin sprach Zeichen & Zeiten über ihren ersten Roman.

Du zähltest vor zwei Jahren zu den Finalisten des Blogbuster-Preises, ich war damals eine Art Patin? Welche Resonanz hast Du darauf erfahren und wie ging Dein literarischer Weg danach weiter? 

Franziska Gänsler: Nach dem Blogbuster-Preis war ich in Kontakt mit verschiedenen Agenturen und kleineren Verlagen, aber es ist nie eine Zusammenarbeit daraus entstanden. Meine Agentin, Zoe Martin, und ich haben dann durch den open mike zusammengefunden. Sie war interessiert an dem neuen Projekt, das ich da gerade begonnen hatte – und daraus ist dann „Ewig Sommer“ geworden.

Gab es besondere Anlässe für Deine besondere Geschichte, die ja durch ihre verschiedenen Themen und Ebenen besticht? 

Ganz am Anfang stand eigentlich eine völlig andere Geschichte, die auf einem Erlebnis meiner Oma und meiner Mutter basiert. Die beiden waren etwa 1957 wegen eines Polio-Ausbruchs mehrere Wochen in einem Hotel mitten in Deutschland gestrandet. Das hat mich irgendwie interessiert, die Situation, mit einem kleinen Kind an einem Ort festzusitzen, in dem man niemanden kennt.

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Franziska Gänsler (Foto: Eva Tepest)
Wie ist Dein Buch entstanden? Kannst Du Einblicke in den Entstehungsprozess geben? 

Ich habe „Ewig Sommer“ sehr schnell geschrieben, innerhalb von fünf Monaten. Ich hatte aber davor schon die ganze Geschichte im Kopf.

Wie bist Du zum Verlag Kein & Aber gekommen? 

Meine Agentin hat das Manuskript an verschiedene Verlage geschickt und mehrere Absagen aber auch mehrere Angebote bekommen. Bei Kein & Aber hatte ich das Gefühl, dass das einfach passt. Ich mag deren Programm, und beim ersten Gespräch mit meinem Lektor, Patrick Sielemann, war spürbar, dass er ein sehr ernsthaftes Interesse an der Geschichte und der Situation der Frauen hat. Er hatte verschiedene sehr konkrete Fragen und ich dachte, dass das Buch von der Zusammenarbeit auf jeden Fall profitieren wird.

Und welches Gefühl hattest Du, als Du den Verlagsvertrag unterschrieben hast? 

Das war eher so nebenbei, digital und schnell erledigt. Richtig realisiert hab ich es dann so nach und nach.

Zurück zum Buch: Iris ist neben Baby, die ich herrlich speziell finde, eine besondere Figur in Deinem Roman. In welchem Verhältnis stehst Du zu ihr – als Autorin zu der von Dir geschaffenen Figur?

Ich mag Iris sehr gern und bin froh, dass Dori und Ilya ausgerechnet bei ihr (und Baby) gelandet sind. Iris bewertet Doris Verhalten nicht, sondern ist ernsthaft daran interessiert, sie zu unterstützen.

Wenn man Deinen Roman liest, glaubt man im Hier und Jetzt angekommen zu sein. Man denke an die furchtbaren Waldbrände in Sachsen und Brandenburg oder in anderen Ländern…

Für mich ist das auch eine seltsame und unangenehme Verschiebung, wenn ich die Nachrichten lese und teilweise das, was ich mir zwar als nahe Zukunft, aber doch Zukunft, vorgestellt habe, plötzlich schon fast real geworden scheint.

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Stichwort Maske. Sie wird in dem Roman häufig erwähnt. Man könnte meinen, Du verarbeitest da auch die Corona-Pandemie. 

Ja, ich glaube, dass einige der Reaktionen auf die Pandemie auf andere Krisensituationen übertragbar sind, wie zum Beispiel auch die Nutzung von Warn-Apps – aber auch, dass irgendwann eine Art Gleichmut einsetzt, weil die Leute lernen, trotz der Gefahr ihren Alltag zu leben.

Was macht Dir beim Thema Klimawandel besonders Sorgen? 

Vieles, aber vor allem, dass das Thema durch die multiplen Krisen politisch hinten angestellt wird und dadurch strukturell viel zu wenig passiert, um eine nachhaltige Veränderung zu erwirken.

Welche Resonanz hast Du bisher auf Dein Debüt erhalten? 

Ich habe bisher hauptsächlich positive Rückmeldungen bekommen und freue mich sehr, dass das Buch jetzt gelesen wird.

Hast Du spezielle Schreibroutinen? Und wie gelingt es Dir, das Schreiben und den Alltag als Mutter zu vereinbaren?

Ich habe keine Routine, sondern schreibe neben Lohn- und Care-Arbeit, wenn ich Fenster dafür habe. Oft ist das am Abend. Das Schreiben ist fast immer entspannend für mich, da reichen manchmal auch zwanzig Minuten, dass ich das Gefühl habe, es geht irgendwie voran.

Und gibt es Personen, die Dich in Deinem Schreiben bestärken und unterstützen?

Ja, und es werden es glücklicherweise immer mehr.

Ist ein nächstes Buch in Aussicht? Und was geschieht mit dem Text „Kahn“, mit dem Du Dich damals beim Blogbuster beworben hast?

Ich schreibe zur Zeit an einem neuen Projekt, und „Kahn“ ist auch immer noch zu haben. Wer also Lust auf eine etwas vertrackte Familiengeschichte hat, kann sich gern bei mir melden.

Du hast geschafft, was viele sich wünschen: ein Buch in einem bekannten Verlag zu veröffentlichen. Kannst Du Tipps für angehende Autor*innen geben? 

Für mich war sehr bedeutend, dass meine beste Freundin von Anfang an meine Texte gelesen und mich bestärkt hat. Außerdem war es hilfreich, mich an andere Schreibende zu wenden und mich auszutauschen, zum Beispiel über private Schreibgruppen, Wettbewerbe wie den Blogbuster oder den open mike oder Seminare, die ich belegt habe. Ansonsten hab ich bis zu deiner Nominierung für die Blogbuster Longlist jahrelang geschrieben und bei verschiedenen Zeitschriften oder Wettbewerben eingereicht, meistens ohne überhaupt eine Rückmeldung zu bekommen. Es war oft frustrierend und der Zuspruch von Freund*innen war einfach sehr wichtig. Im Rahmen der Dyke Dogs Literaturreihe, die Eva Tepest und Lynn Takeo Musiol am Literarischen Colloquium Berlin (LCB) und der Schaubühne Berlin kuratieren, planen wir gerade, eine Textwerkstatt auf die Beine zu stellen, deren Fokus unter anderem auch das solidarische Vernetzen unter Schreibenden sein soll.

Franziska Gänsler, geboren 1987 in Augsburg, hat in Berlin, Wien und Augsburg Kunst und Anglistik studiert. 2020 stand sie auf der Shortlist des Blogbuster-Preises und war Finalistin des 28. open mike. „Ewig Sommer“ ist ihr Debütroman. Sie lebt in Augsburg und Berlin.


Franziska Gänsler: „Ewig Sommer“, erschienen im Verlag Kein & Aber; 208 Seiten, 23 Euro

Photo by Zoltan Tasi on Unsplash

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