„Ja, was bleibt von uns?“
Sie ist lang. Ihr Name verrät es schon. In der Mitte des 17. Jahrhunderts angelegt, ist die Store Kongensgade heute die längste Straße im Zentrum Kopenhagens und führt vom Kongens Nytorv bis Esplanaden. Im Haus 23 verbrachte der dänische Lyriker und Essayist Søren Ulrik Thomsen ein Jahr seiner Jugend. In seinem außergewöhnlichen und sehr persönlichen Essay, der den Namen des Gebäudes trägt, erzählt er von einer ihn prägenden Zeit, vor allem jedoch von seiner Mutter und wie sie ihn beeinflusst hat.
Ein Jahr als Brennpunkt
Der spätere Dichter ist 16 Jahre alt, als er im August 1972 mit den Eltern und den beiden jüngeren Brüdern von der Halbinsel Stevns nach Kopenhagen, von der Provinz in die dänische Hauptstadt zieht – in den vierten Stock des Hauses mit der Nummer 23 in der Store Kongensgade, das, Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet, einst unter anderem auch eine Silberfabrik beherbergt hat. Der Tod seiner Mutter Hanne im Alter von 87 Jahren ist für ihn Anlass, der „Store Kongensgade 23 wieder einen Besuch abzustatten“, wie es im ersten Satz des schmalen, im Original 2021 erschienenen Bandes heißt.

Dieses eine Jahr in einem pulsierenden wie fiebrigen Jahrzehnt, dieser Ort – ein Haus in der Großstadt – ist für den Jugendlichen prägend. Ein Brennpunkt, „in dem die Spitze eines Zirkels platziert werden kann“, wie weiter zu lesen ist. Es ist eine Zeit des Aufbruchs und der frohen Zukunftserwartung, aber auch der Sorgen und Schmerzen. Seine Mutter, die unter bedürftigen Verhältnissen und an der Seite eines unberechenbares Vaters aufwuchs, leidet unter schweren Depressionen, sie versucht, sich mehrfach das Leben zu nehmen, wird regelmäßig in psychiatrische Kliniken eingeliefert. Erst nach einer langen Leidenszeit gelingt es einem Psychiater, ihr dauerhaft zu helfen. Sie nimmt ihre Arbeit als Sekretärin wieder auf, wenngleich sie wie der Vater, der in einer Bank tätig ist, in einem späteren Leben, wohl eine andere Laufbahn, eine wohl akademische durchlaufen, hätte, wie der Sohn in seinen Erinnerungen schreibt. Nicht jedem ist die Zeit hold.
Die Liebe zur Sprache und zur Literatur gibt die Mutter, die selbst Gedichte schreibt, an ihren Sohn weiter, ein kostbares Erbe gleich. Von dem Vater hat er wohl jene Lebensfreude und -kraft, die nicht nur ein Gleichgewicht in der Familie herstellt, sondern Hanne festhält in ihrem Leben. Ole Sarvig, Frank Jaeger, Tove Ditlevsen – Thomsen nennt „Kollegen“, die es nicht geschafft haben. Ein Zitat Peter Handkes, dessen Mutter ebenfalls Suizid beging, steht dem Essay voran.
„Doch manchmal überkommt mich ganz plötzlich eine Trauer, nie wieder ihre Stimme meinen Kosenamen sagen zu hören, der allein unsrer war und hier darum mit unsichtbarer Tinte stehen soll.“
Thomsen, 1956 in Kalundborg geboren, zählt zu den bedeutendsten Dichtern und Essayisten seines Landes. Zu seinen Mitschülern gehörte einst der Schriftsteller Jens-Fink Jensen. Thomsen studierte Vergleichende Literaturwissenschaften in Kopenhagen. 1981 debütierte er mit dem Lyrik-Band „City Slang“, weitere Gedichtbände und Essay-Sammlungen folgten, für die ihr er mehrfach mit Preisen und Stipendien geehrt wurde. Er ist Stipendiat des Staatlichen Kunstfonds auf Lebenszeit und gehört seit 1995 der Dänischen Akademie der Künste an. Gemeinsam mit Jørgen Mejer übersetzte er zudem Klassiker der griechischen Antike wie „König Ödipus“ von Sophokles.
Rückblick wie Rundumschau
Nun, „Store Kongensgade 23“, ein 120-seitiger Essay, der existenzielle Fragen der Herkunft und zur Bedeutung von Zeit und Raum stellt, der Rückblick wie Rundumschau in und um ein Leben ist, an dessen Ende bei jedem von uns stets der Tod steht. Thomsen hinterfragt kritisch die Methoden der klinischen Psychiatrie. Sein Werk verdichtet – einem kostbaren Diamant gleich – auf engstem Raum Gedanken, Erinnerungen, Anekdoten sowie Details. Wie jene Geschichte eines Klassenfotos oder jene seines Schreibtischs, den er als junger Mann von seiner Mutter übernommen hatte und Jahrzehnte später nicht gegen einen neuen, schicken Art-déco-Schreibtisch, in einem Münchner Antiquitätengeschäft entdeckt, eintauschen wollte. Offen gibt der Däne intime Details, erzählt von seinen Angstattacken und einem erschreckenden Moment, bei dem er eine ernste Krankheit fürchtete.
„Jedes Buch, das ich lese, inspiriert mich, ein neues zu lesen, und jedes Wort, das ich in diesem Augenblick schreibe, schreibt sich im Verlangen nach dem nächsten, dem ungeschriebenen, das aus der Schrift selbst entsteht.“
„Store Kongensgade 23“ ist aber auch ein Buch über die Liebe – zu Jane, seiner Teenagerliebe, mit der er noch immer um die Häuser zieht, zur Mutter, zum Leben, zum Schreiben. Ein Buch, in dem auch sehr viel Dankbarkeit liegt. Und jene leise Trauer, die womöglich nur jene nachspüren können, die schon selbst ein oder sogar beide Elternteile nicht mehr an ihrer Seite wissen. Thomsens Werk wirkt nach. Man sollte es langsam lesen, die Worte behutsam aufnehmen, und vor allem immer wieder empfehlen, damit es Kreise zieht wie ein Zirkel.
Søren Ulrik Thomsen: „Store Kongensgade 23“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer; 126 Seiten, 20 Euro
Foto: Yusuke Kawasaki from Tokyo, Japan, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons


Ein Kommentar zu „Søren Ulrik Thomsen – „Store Kongensgade 23““