Rosa Liksom – „Über den Strom“

„Er sagte, der Krieg überrascht ein Volk immer, auch wenn die hohen Herren schon seit Jahren zündeln.“

Sie sind auf der Flucht. Das Mädchen und seine Kühe. Gemeinsam mit weiteren Dorfbewohnern verlässt die junge Ich-Erzählerin das Land, um über den Fluss nach Schweden zu kommen. Wo bereits die Mutter und der Onkel in Sicherheit sein sollen. Die Stiefbrüder sind im Krieg gefallen, der Vater ist noch an der Front. Er hatte der Familie während seines Evakuierungsurlaubs zum Weggang geraten. Das Mädchen ohne Namen ist gerade mal 13 Jahre alt – und auf sich allein gestellt. 

Ein Strom aus Geflüchteten

In ihrem neuen Roman „Über den Strom“ beschreibt die preisgekrönte finnische Schriftstellerin Rosa Liksom eine Flucht, die zugleich eine Suche ist. Das Wort „Strom“ im Titel kann zweideutig gelesen werden. Da ist der Fluss, der die natürliche Grenze zwischen beiden nordischen Ländern bildet, da sind zugleich Zehntausende, die unterwegs sind, aus den verschiedensten Regionen und Ländern stammen. Die finnischen Truppen haben die Wehrmacht zurückgetrieben. Zurück bleibt verbrannte Erde. Teil 3 eines weltumspannenden Krieges, der in Finnland einen besonderen Verlauf genommen hat.

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Zeit für eine kleine Geschichtsstunde: Ende November 1939 überfällt die Sowjetunion Finnland, da es Stalins Forderung, Teile der karelischen Landenge abzutreten, nicht Folge leistet. Im Winterkrieg stößt die Rote Armee teils auf heftige Gegenwehr. Die finnischen Truppen nutzen die Unbilden der kalten Jahreszeit zu ihrem Vorteil. Die Sowjetunion erleidet schwere Verluste. Nachdem der Angreifer jedoch seine Armee verstärkt hat, sehen sich die Finnen mehr und mehr gezwungen, Friedensgespräche aufzunehmen, die schließlich am 13. März 1940 in den Frieden von Moskau münden. Durch den Vertrag verliert Finnland große Teile Kareliens.

Als Fortsetzung des Winterkriegs kämpft die finnische Armee ab dem 22. Juni 1941 an der Seite der Wehrmacht im Zuge des „Unternehmens Barbarossa“ gegen die Sowjetunion, was zu einem dreijährigen Stellungskrieg führt. Im September 1944 kommt es zu einem separaten Waffenstillstand mit der Sowjetunion – eine der Bedingungen ist, dass die Finnen nun gegen die Wehrmacht kämpfen soll.

Odyssee in einem fremden Land

Der Roman Liksoms setzt da an. Es ist Herbst 1944, als sich das Mädchen mit den Kühen und den anderen Dorfbewohnern auf den Weg in das sichere Schweden macht. Es herrscht große Not. Die Flüchtenden sind abhängig von der Hilfe ihrer Nachbarn, die Lager errichtet haben, um der Flut der Menschen Herr zu werden und sie so gut es geht mit Nahrung und Medizin zu versorgen. Die junge Heldin erlebt eine Odyssee, die sie auf der Suche nach ihrer kranken Mutter, die einen kleinen Sohn zur Welt gebracht hat, zehn Monate durch das Land führt, stets Wind und Wetter ausgesetzt. Ihre Flucht wird geprägt von flüchtigen Begegnungen und führt durch ein fremdes Land, von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof, von Lager zu Lager. Für die Flüchtenden bedeutet das ein hartes Dasein, das Opfer fordert. Menschen sterben, Tiere sterben, Familien werden in alle Himmelsrichtungen auseinandergerissen. Chaos und Erschöpfung herrschen, Krankheiten greifen um sich.

Liksom lässt den Leser an der reichen Gedankenwelt einer besonderen Heldin teilhaben; eine erstaunliche Mischung aus Kindheitserinnerungen, Gedanken an die Heimat und – angeregt durch die Bücher ihres Onkels – fast philosophischen Reflexionen über Gott und die Welt sowie die immense Größe des Weltalls. Immer wieder geht ihr Blick nach oben, zum Mond und den Sternen, die sie auf ihrem Weg begleiten. Eine richtige Kindheit hat das Mädchen nie gehabt. Früh hat sie sich um die Kühe kümmern müssen, die sie jedoch mit großer Hingabe und einem ausgeprägten Mitgefühl umsorgt, während sie für ihre Mutter, die sie zurückgelassen hatte und die Geburt ihrer Tochter oft auch bereut, nahezu Hass empfindet.

„Die wolkenlose Himmelskuppel hatte ein Loch neben dem anderen. Die Sterne waren regungslose Öffnungen in der Himmelsasche, mal flimmerten sie matt, mal heller. Ein mehrere Millionen Jahre alter Stern loderte richtig.“

Rosa Liksom ist das Pseudonym von Anni Ylävaara. 1958 im nordfinnischen Lappland geboren, wuchs sie in einem kleinen Dorf auf. Sie studierte Anthropologie und Sozialwissenschaften in Helsinki, Kopenhagen und Moskau. Mitte der 80er-Jahre erschienen ihre ersten Bücher, ihr Debüt, veröffentlicht 1985, enthält Kurzgeschichten. Heute zählt sie zu den innovativsten Gegenwartsautorinnen und -autoren ihres Landes, ihr Werk ist vielfach preisgekrönt. Sie verfasste zudem Drehbücher und ein Theaterstück.  Darüber hinaus drehte sie Dokumentarfilme und Videos. Ihr Roman „Abteil Nr. 6“ (DVA) wurde 2011 mit dem Finlandia-Preis ausgezeichnet, die Verfilmung wurde 2021 in Cannes mit dem Grand Prix gewürdigt. Zuletzt erschien ihr Roman „Die Frau des Obersts“ (Penguin Verlag). 2020 erhielt Liksom von der Schwedischen Akademie den Nordischen Preis für ihr Gesamtwerk verliehen.

Perspektive einer Heranwachsenden

„Über den Strom“ zeichnet sich durch den kindlichen Blick auf die Geschehnisse aus, die Sprache des neugierigen wie empfindsamen Mädchens ist einfach, aber sehr detailgenau, manches Mal auch derb. Bildhaft schildert sie, was sie wahrnimmt, was um sie herum geschieht, die Orte, die Menschen – Jung und Alt, Zivilisten wie Soldaten. Eine eindrucksvolle Landschaft, die vielleicht keinen Trost geben kann, aber durchaus Nahrung wie Beeren und Pilzen, bildet die Kulisse dieser herausfordernden Odyssee.

Am Ende wird die namenlose Erzählerin zwischen all der Zerstörung und dem Leid nicht nur ihre erste große Liebe erfahren. Sie wird sich erneut auf eine Reise begeben, weil ihre Heimat ihr keine Zukunft bieten kann. Wenngleich dieser großartige berührend wie schonungslose Roman in Finnland am Ende des Zweiten Weltkrieges angesiedelt ist, kann er doch stellvertretend für Krieg und dessen grausamen Folgen stehen. Denn die gibt es bekanntlich überall auf der Welt.


Rosa Liksom: „Über den Strom“, erschienen im Penguin Verlag, in der Übersetzung aus dem Finnischen von Stefan Moster; 304 Seiten, 24 Euro

Foto von Mayur Arvind auf Unsplash

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