„Mit jedem Roman, jeder Erzählung nimmt sie einen anderen Namen an. Immer aber ist sie selbst es, die unterschreibt.“
Wer sich intensiv mit Literatur beschäftigt, wird immer fasziniert sein und bleiben von der völlige Hingabe des Autors oder der Autorin für das Schreiben, das dessen/deren Leben wie kaum eine andere Beschäftigung prägt und einnimmt. Im Fall von Brigitte Reimann (1933-1973) nennt die Literaturwissenschaftlerin Ingeborg Gleichauf das Verhältnis von Leben und Schreiben ein „Doppelt-Sein“. In ihrem Band über die Schriftstellerin durchleuchtet sie intensiv deren Biografie und ihre Werke, um die enge Beziehung zwischen Leben und Schreiben aufzuzeigen.
Gesteigertes Interesse dank NEuausgaben
Das Werk der 1933 in Burg bei Magdeburg geborenen Schriftstellerin, der nur ein kurzes Leben vergönnt war, erhält seit einigen Jahren wieder verstärkte Aufmerksamkeit dank mehrerer Neuausgaben ihrer Romanen „Die Frau am Pranger“ und „Die Geschwister“ sowie durch den Band „Katja“ mit noch nie veröffentlichten Erzählungen über Frauen, allesamt im Berliner Aufbau-Verlag veröffentlicht. 2023 erschien zudem die erste große Reimann-Biografie unter dem Titel „Ich bin so gierig nach dem Leben“ des Literaturwissenschaftlers Carsten Gansel.

Gleichaufs schmaler Band hat weit weniger Seiten, macht etwa nur ein Viertel von Gansels umfangreichen Werk aus. Ihr Ansatz ist indes kein chronologischer, wenngleich die wichtigsten Ereignisse und Begegnungen in Reimanns Leben Eingang finden. Gleichauf wendet sich unter verschiedenen Gesichtspunkten dem Verhältnis von Leben und Schreiben zu. Das nahezu manische Lesen bereits seit der Kindheit und Jugend bildete die Basis für das Schreiben und war immer auch auf das eigene Schreiben ausgerichtet.
Ihr Blick ist sowohl ein konzentrierter als auch ein facettenreicher, ihre Auseinandersetzung ist Folge eines Reimann-Lesehungers, wie sie in ihrem Vorwort schreibt. Nach der Lektüre des Briefwechsels zwischen Reimann und ihrer Kollegin wie engen Freundin Christa Wolf sowie des unvollendeten Romans „Franziska Linkerhand“ lässt sie die „Prosaarchitektin“ und ihr Schaffen, ihre Lebensfreude und -gier, aber auch ihr Leiden nicht mehr los.
Briefe und TAgebücher als Quelle
Die Autorin widmet sich in den insgesamt zehn Kapiteln den wichtigsten Werken, den innigen Freundschaften und oft unglücklichen Liebesbeziehungen, dem Schreiben in der DDR, ihrer Gabe der Menschenbeobachtung und den stilistischen Besonderheiten ihrer Werke sowie den sogenannten „Körperwelten“: Denn das intensive Leben und das Leid verschonten Reimanns Körper nicht: Kinderlähmung, Abtreibung und Fehlgeburt, Selbstmorde-Versuche, Alkoholmissbrauch und Nikotinsucht sowie die schwere Krebserkrankung, die ihrem Leben im Alter von nur 39 Jahren in der Robert-Rössle-Klinik in Berlin-Buch ein Ende setzte,.
Jedem der zehn Kapitel steht ein Zitat voran. Neben ihren Romanen und Erzählungen hinterließ Reimann ein reiches literarisches Erbe aus Briefen und Tagebüchern, die Gleichauf als wichtige Quelle nimmt und sie als literarische Arbeiten ansieht, in denen die Existenz als schreibende Person immer wieder beschrieben und damit auch manifestiert wird. Hinzu kommen Zitate aus den Briefen von Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen an Reimann sowie Nachrufe. Manche Korrespondenz hielt viele Jahre, wurde manches Mal auch unterbrochen, um wieder aufgenommen zu werden wie jene mit der einstigen Schulfreundin Veralore Schwirtz.
„Glücklich, Veralore, glücklich in des Wortes schönster und tiefster Bedeutung bin ich nur in den Stunden, in denen ich am Schreibtisch sitze und Menschen und Schicksale forme nach meinem Willen.“
Der Band ist trotz seines schmalen Umfangs reich an Personen, die Reimann in ihren nur 39 Lebensjahren begleiteten – von den Eltern, Freundinnen und Freunden über Kolleginnen und Kollegen bis hin zu den Ehemännern und Geliebten. Immer war sie auf der Suche nach Menschen, die sie verstehen und als Schreibende wahrnehmen und annehmen. Zugleich hatte sie den Hang, aus Beziehungen wieder auszubrechen. Ihr Drang nach Selbstständigkeit und Freizeit war groß und brachte sie dazu, ihr frühes idealistisches Weltbild von der DDR auf den Prüfstand zu stellen. Sie litt an der Zensur, wollte den inneren Zensor „ausrotten“. Bereits Anfang der 60er-Jahren begann sie mit der Arbeit an ihrem großen Roman „Franziska Linkerhand“, der unvollendet blieb und erst nach ihrem Tod 1974 veröffentlicht wurde.
Weiter Horizont der Sprache
Gleichauf, 1953 in Freiburg im Breisgau geboren und im Schwarzwald aufgewachsen, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ und Elfriede Jelineks Drehbuch zum gleichnamigen Film von Werner Schroeter. Sie veröffentlichte Biografien über Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Philosophinnen und Dramatikerinnen wie Hannah Arendt und Simone de Beauvoir sowie Max Frisch.

Nun Reimann, die sie nicht in der DDR-Moderne verortet sehen will, denn Literatur, die miteinander verwoben ist, kennt keine eingeengten Räume, keine Grenzen, keine Mauern. Sie habe als „Fremde in ihrer Heimat einen weiten Horizont aus Sprache entfaltet“, schreibt Gleichauf auf einer der letzten Seiten ihres erhellenden und faszinierenden Buches. Sie verweist auf Autorinnen und Autoren, die Reimann prägten, wie auch all jene Schreibenden, die Reimann prägte sowie auf gedanklich verwandte Werke. Ihr Band enthält vielleicht keine großen Überraschungen für Reimann-Kenner, aber wohl einen eindrucksvollen Überblick über Leben und Werk der Schriftstellerin, der Inspiration sein kann, Reimann wieder oder auch neu zu lesen, aber auch die private Frau und Freundin hinter der bekannten Schriftstellerin auf auch berührende Art und Weise kennenzulernen.
Wer nicht nur die Werke der Schriftstellerin lesen will, sondern sich auch auf ihre Spuren begeben möchte, kann dies in Burg, in Hoyerswerda und Neubrandenburg tun. In Reimanns Geburtsstadt im Norden Sachsen-Anhalts gibt es mehrere Stationen: Unter anderem erinnert ein buntes Wandbild in der Bahnhofstraße an die berühmte Tochter der Stadt. Im sächsischen Hoyerswerda kann die Reimann Begegnungsstätte, in Neubrandenburg das Brigitte-Reimann-Literaturhaus, das das Literaturzentrum Neubrandenburg beherbergt und zugleich Sitz der Reimann-Gesellschaft ist, besucht werden. Burg und Hoyerswerda haben zudem jeweils ihre Bibliothek nach der großen Schriftstellerin benannt.
Ingeborg Gleichauf: „Als habe ich zwei Leben – Brigitte Reimann“, erschienen im Mitteldeutschen Verlag; 168 Seiten, 18 Euro
Foto: lemurkoff/pixabay


Schön, dass Brigitte Reimann wieder mehr in den Fokus rückt. Franziska Linkerhand gehört zu meinen Lieblingsbüchern
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Das sehe ich genauso, es ist sehr gut, dass sie weiterhin diese Aufmerksamkeit erhält, vielleicht sogar mehr als in den vergangenen Jahren. Viele Grüße
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Ich freue mich auch immer wieder, wenn über Brigitte Reimann berichtet, geschrieben, diskutiert wird. Eine Art Literatur, die ich oft vermisse.
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Das finde ich auch, es ist schön und wichtig, dass sie mit ihrer Literatur in Erinnerung bleibt. Vielen Dank für den Kommentar und viele Grüße
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ein wunderbarer Beitrag, danke hierfür…
lf Wolfgang
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Ich habe zu danken für das Lob, das mich sehr freut. Viele Grüße
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