„Was bedeutet es, poetisch zu leben?“
Er steht eines Tages unverhofft vor seiner Tür. Der Schüler macht seinem Lehrer ein ungewöhnliches Angebot. Anton, Dozent an der Kunsthochschule, geht darauf ein. Fortan sind er und sein Schützling Egidius, genannt Dius, nahezu unzertrennlich. Und nicht nur der Lehrer fragt sich mehrfach, wer ist denn nun eigentlich der Mentor. Stefan Hertmans gibt in seinem neuesten Roman einer ungewöhnlichen, aber auch ungewöhnlich innigen und intensiven Freundschaft zwischen zwei Männern unterschiedlichen Alters Raum.
Ein Schüler mit riesigem Talent
Neben der Freundschaft macht Dius seinem Lehrer noch ein anderes Angebot: Anton schreibt gerade an seiner Doktorarbeit. Mehr schlecht als recht. Sein Schüler bietet ihm ein altes Dorfhaus auf dem Land nahe einem Gutshaus und einem Park an, einen ruhigen Ort zum Schreiben, zum Rückzug. Dius, aus schwierigen Familienverhältnissen stammend, Ergebnis einer Affäre, von der Mutter ungeliebt, ist hingegen kein Musterschüler, sondern ein eigensinniger junger Mann. Er fällt in den Vorlesungen mit dreisten Antworten auf, schwänzt den Unterricht. wird später die Akademie verlassen – trotz seines enormen Talents. Die Kunstwelt wird später von ihm hören und ihn verehren. Als indes alles zu spät ist.

Beide streifen durch die nur auf den ersten Blick trostlos erscheinende Polderlandschaft, führen stundenlange Gespräche über Gott und die Welt, vor allem aber über die Kunst, über Künstler und ihre große Werke. Wie Vittore Carpaccio, Jacobo da Pontormo, Asger Jorn. Die Lektüre von Hertmans Roman ist zugleich ein Streifzug durch die Kunstgeschichte inklusive Lehrstunde. Das ist eine der Ebenen, die dem Roman seine Tiefe verleihen und nachsinnen lässt über die Frage von Original und Nachahmung, über die Anton und Dius diskutieren. Auch die Musik ist wesentliches Element dieses Buches.
Von Liebe und Freundschaft
Zugleich geht es um Freundschaft, Beziehungen im Allgemeinen, um große, manch zwiespältige Gefühle, die einen aus der Bahn werfen können. Anton betrügt seine Lebensgefährtin mit einer Kollegin. Doch Dius beeinflusst Antons Liebesbeziehung, was er erst später erfährt. Er fühlt sich verraten, bricht indes nicht mit seinem Schüler. Denn er leidet, wenn er seinen Freund eine Weile nicht sehen kann. Als Dius seiner Freundin und späteren Frau Pia nach Italien folgt, bleibt Anton allein zurück.
„Ich betrachtete die ganze Kunstgeschichte als einen einzigen interaktiven Raum, in dem alles auf alles einwirkt.“
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht Antons, der mit einigen Jahren Abstand auf seine Erlebnisse mit Dius, den zehn Jahre Jüngeren, den in der falschen Zeit Geborenen, blickt. Anton lebt von den Erinnerungen an seinen Freund, trauert der Vergangenheit hinterher, Jahren, die von der Entwicklung der modernen Zeit mittlerweile eingeholt werden. Auch der Ort, Sinnbild des Stillstands, wandelt sich. Viel Melancholie ist in Hertmans Roman zu spüren, in dem er eine eigene Freundschaft verarbeitet.
Hertmans, 1951 in Gent geboren, zählt zu den bekannten Autoren seines Landes. Für sein in niederländischer Sprache verfasstes Werk, das neben Prosa auch Lyrik und Essays umfasst, wurde er vielfach geehrt. Ich lernte ihn mit seinem Roman „Krieg und Terpentin“, das die Geschichte seines Großvaters erzählt, kennen. Seitdem begleitet er mich mit seinen Romanen wie „Die Fremde“ und „Der Aufgang“, Bücher, in denen er häufig Autobiografisches und reale geschichtliche Ereignisse behutsam mit Fiktion vermischt, woraus ein ganz eigentümliches Ganzes entsteht.
„Es gibt immer den entscheidenden Moment, der oft vorbei ist, ohne dass einem klar ist, wie entscheidend er war.“
„Dius“ ist ein stilles, emotionales wie vielschichtiges Buch, dessen Handlung einem von der ersten Seite einnimmt. Das von zwei besonderen, unvergesslichen Protagonisten genauso erzählt wie beeindruckende Landschaftsbilder im Kopf des Lesers hinterlässt. Hertmans gelingt es, mit Worten zu malen. Das Ende ist dramatisch und geht zu Herzen, ein Ende, das es wert ist, auf eine große Leinwand zu bringen.
In den jüngsten Besprechungen zu Hertmans neuestem Streich formulieren Rezensenten unisono, dass der flämische Autor hierzulande mehr Bekanntheit verdient hätte. Eine Hoffnung, die ich unumwunden teile. Schon seit Jahren.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Schmiertiger“.
Stefan Hertmans: „Dius“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm, 352 Seiten, 26 Euro
Foto von Wouter De Praetere auf Unsplash


bisher stand Hertman noch nicht auf meiner mustvread Liste. Das könnte sich nun ändern.
Elvira
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