Das Land fern unserer Zeit – Adam Johnson "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do"

„Ein solcher innerer Rückzugsort war wie ein geheimer Garten – man baute einen Zaun drum herum, passte auf, dass er unberührt blieb, vertrieb alle Eindringlinge, hegte und pflegte ihn.“

Seine Heimat ist ein Land fern unserer Zeit, fern einer irgendwie möglichen Vorstellungswelt. Sie schreibt sein Leben und seine Geschichte. Der Junge Jun Do wächst in einem Waisenhaus in Nordkorea auf, obwohl er kein Waisenkind ist. Sein Vater ist der Leiter des Heimes, der jedoch den eigenen Sohn verleugnet. „Frohe Zukunft“ heißt das Haus, in dem die Kinder hungern müssen und zur Zwangsarbeit verpflichtet werden. Das alles natürlich nur zum Wohl der Kinder, denn das Wohl seiner Landeskinder liegt dem Geliebten Führer Kim Jong Il am Herzen.

Nichts ist so, wie es erscheint. Die Diktatur wird zum Reich der Glückseligkeit, in dem der Staat das Denken seiner Einwohner übernimmt, Andersdenkende gefoltert, in Straflager gebracht und getötet werden. Für einen Blick in ein Land, das sich permanent von der Außenwelt abschottet, ist der amerikanische Autor Adam Johnson in das asiatische Land gereist. Für seinen Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ hat der 1967 in South Dakota geborene Schriftsteller einen der renommiertesten Preise für ein niedergeschriebenes Werk bekommen: den Pulitzerpreis. Doch zurecht?

Widmen wir uns doch noch ein wenig der Handlung und der Geschichte rund um Jun Do, der als junger Mann schließlich zu einem Zahnrädchen im Getriebe der grausamen Herrschaft wird. Er kidnappt Menschen aus Japan, um sie nach Nordkorea zu bringen. Später leistet er Dienst auf einem Fischkutter, auf dem er den feindlichen Funkverkehr abhört. Auf einer Reise nach Texas sieht er nicht nur die andere Seite der Welt, sondern genau jenes Land, das die Führung Nordkoreas systematisch in seinen täglichen Botschaften an das Volk verteufelt. Nach der Reise dann der Fall: Jun Do kommt in ein Bergwerk, ein Straflager. Doch wer glaubt, dass der Roman teilweise realistische Züge annimmt, irrt – gewaltig. Denn jetzt wird es wirklich verrückt: Denn Jun Do wird der Ersatzmann jener Frau, die auf seiner Brust eintätowiert worden ist – Sun Moon, Nordkoreas Schauspielstar und Zögling des Geliebten Führers.  Zuvor musste er allerdings ihren Mann, Kommandant Ga, um die Ecke bringen. Zu ihr baut Jun Do eine besondere Beziehung auf. Nach anfänglicher Skepsis gewähren beide dem anderen Einblicke in ihr Leben. Das Vertrauen wächst. Doch ein Happy End ist für dieses Buch nicht vorgesehen, so  viel sei an dieser Stelle verraten.

Tja, wie sollte man eine so verdrehte Handlung, die zudem von mehreren Stimmen erzählt wird – es kommt auch ein Verhörspezialist zu Wort – und die vor allem im zweiten Teil zwischen den Zeiten springt, denn eigentlich so nennen: verrückt, wie von Sinnen oder dann doch einmalig. Ich muss zugeben, kein Buch hat es mir so schwer gemacht, ein Urteil zu fällen. In diesem Fall bin ich zwiegespalten. Ich mag es nicht verreißen und es auch nicht in den Himmel heben. Doch irgendwie bin ich enttäuscht. Obwohl humorvoll kann ich mit der Ironie im Buch leider nicht so viel anfangen. Sprachlich hat es mich auch nicht sonderlich überzeugt. Doch zugegeben: Die Idee hinter der Geschichte, das Leben eines Außenseiters in einem der rätselhaftesten Länder zu beschreiben, hat was. Gerade wenn es sich bei diesem Land um Nordkorea handelt, das kaum Einblicke gewährt und seinen Bürgern mit Hilfe der Propaganda eine Gehirnwäsche verpasst. Allerdings wurde diese Chance vergeben. Hinzu kommen Gewaltszenen, die detailliert beschrieben werden, wie brutale Foltermethoden oder die martialische Tötung eines Singvogels. Freunde von Horrorfilmen mit einem gewissen Verlangen, Grausamkeit zu sehen, werden ihre Freude haben. Welche menschenverachtenden und entsetzlichen Seiten eine Diktatur besitzt, kann man auch anders beschreiben.

Was bleibt? Die Erinnerung an ein verrückt-verdrehtes Buch mit einer interessanten Kerngeschichte und das doch sehr intensive Gefühl einer herben Enttäuschung. Und die Erfahrung, dass ein renommierter Preis nicht immer die Leseentscheidung beeinflussen sollte.

Der Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ von Adam Johnson erschien im Suhrkamp-Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger.
687 Seiten, 22,95 Euro

Abseits – T.C. Boyle "San Miguel"

„Ist die Welt nicht ein seltsamer Ort? Sie hat nirgends Platz, außer in sich selbst wie eine Insel.“ Eric Fosnes Hansen 
 

Die wenigsten halten es aus  – in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit einer Insel, die, umgeben vom Meer und abseits vom Festland, wie eine Welt für sich erscheint. So ist San Miguel. Inmitten des Pazifiks liegend, Kilometer von der kalifornischen Küste entfernt, leben nur ein Handvoll Menschen: Marantha, ihr Mann Will und die adoptierte Tochter Edith sowie Helfer, die der Familie bei der Bewirtschaftung des Hofes und der Schafherde unter die Arme greifen. Eigentlich soll der Rückzug auf die Insel Marantha von ihrer Schwindsucht befreien. Doch die Freude auf ein Abenteuer, eine neue Herausforderung wird schnell getrübt. Das Herrenhaus entpuppt sich schon am ersten Tag als „feuchte Hütte“, in denen die Mäuse auf den Tischen tanzen, das Eiland zeigt sich mit den regelmäßigen Wetterkapriolen von seiner herben und ungemütlichen Seite. Nur ein Schiff, das die Vorräte transportiert, bildet die einzige Verbindung zum Festland. 

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Alleskünstler – Thomas Föhl: "Henry van de Velde"


Mitteldeutschland erinnert sich an ihn: Anlässlich seines 150. Geburtstages  widmen sich zahlreiche Veranstaltungen dem belgischen Architekten und Designer Henry van de Velde(1863-1957), der von 1902 bis 1917 in Weimar lebte und wirkte. Das Jubiläumsjahr ist mit dem Titel „Alleskünstler“ überschrieben. Und diese Bezeichnung findet sich auch wieder in einer Biografie, mit der  sich die Weimarer Verlagsgesellschaft  dem  Gedenken anschließt. Geschrieben hat sie Thomas Föhl, der sich seit 2001 als Leiter eines Projektes   der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit der Erarbeitung eines Werkverzeichnisses der kunstgewerblichen und raumkünstlerischen Arbeiten van de Veldes beschäftigt. Föhl hält sich nicht mit großen Vorreden zur Kindheit und Jugend des Künstlers auf, sondern konzentriert sich auf die Schaffensjahre, die sowohl Erfolge als auch herbe Niederlagen brachten.
Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Schaffenszeit in Weimar, die Zusammenarbeit mit seinem Protegé Harry GrafKessler und die extensiven Bestrebungen um ein neues Weimar. Beide  Verfechter der Moderne waren dabei einem teils heftigen Gegenwind ausgesetzt. Die gegen van de Velde und Kessler gesponnenen, kleinstädtischen Intrigen  und die Hetze aus Künstlerkreisen vertrieben erst Kessler, schließlich auch den Belgier. Mit welchem Elan und welcher Energie der Architekt und Designer trotz alledem gewirkt hat,  ob bei der Errichtung der Kunstgewerbeschule, dem Bau der Kunstschule  sowie seinen zahlreichen privaten Aufträgen nebenher,    erzeugt Bewunderung. Um das Leben und das Wirken des Universalgenies umfassend nachzubilden, greift der Autor auf meist unveröffentlichte Primärquellen wie Briefe, Akten  und Tagebucheinträge zurück. Gerade diese geben Einblicke in die Familie, Freundschaften und die Person van de Velde, die unermüdlich arbeitete, aber auch von  Selbstzweifeln und Melancholie  ergriffen wurde, Auszeiten  in abgelegenen Gegenden benötigte.
Ein weiteres spannendes  Thema, das man immer wieder in Künstlerbiografien entdecken kann und so auch in diesem Werk, ist die Vernetzung jener Kreise  mit Freundschaften und Gruppen über Landesgrenzen hinweg, die erst damit die Moderne zu einer internationalen Bewegung werden ließen.  Den letzten Kapiteln zu den Nach-Weimar-Jahren in der Schweiz, in Holland und später in seinem Heimatland Belgien schließt sich der umfangreiche wissenschaftliche Apparat aus Quellen- und Literaturnachweisen sowie einem Personenregister mit Kurzbiografien an.  Föhl verzichtet indes gänzlich auf Fußnoten. Auch auf diese Weise erscheint  das  mehr als 400-seitige Buch mit einer Vielzahl an Fotografien leserfreundlich.
Der Autor hofft, wie er im Vorwort bemerkt, auf eine besondere Wirkung seines Werkes. Er schreibt: „Dass  aber Henry van de Velde als einer der bedeutendsten europäischen Künstler bis heute in Weimar unterrepräsentiert ist, befremdet zusehends. Ob der vorliegende biografische Abriss hier für Abhilfe sorgen kann, bleibt dem geneigten Leser überlassen.“ Eine Erfüllung dieser Hoffnung  ist  Thomas Föhl  für seine bemerkenswerte Arbeit  sehr zu wünschen.
Die Autobiografie „Henry van de Velde“ von Thomas Föhl erschien in der Weimarer Verlagsgesellschaft
424 Seiten, 34 Euro