Von Schriftstellern, dem Schreiben und der DDR – Max Frisch "Aus dem Berliner Journal"

„Die Langweile zu leben. Weil durch ,leben‘ kaum eine neue Erfahrung aufkommt. Wenn es zu Erfahrungen kommt, so nur noch durch Schreiben.“

Die Schreibmaschine und das Fenster mit Blick auf die Straße vor ihm, in der Hand die Tabakspfeife, an der er andächtig zieht, rechts die Schreibtischlampe, die sich lang macht und sich über die Schreibmaschine beugt. Die bekannte Fotografin Renate von Mangoldt hat Max Frisch 1973 in dessen Berliner Wohnung in der Sarrazinstraße porträtiert. Diese Aufnahme, die wie keine zweite das Wesen eines Schriftstellers einfängt, hat Eingang gefunden in Frischs neuestes Werk.

„Aus dem Berliner Journal“ erschien in diesem Jahr im Suhrkamp-Verlag, herausgegeben von Thomas Strässle, dem Präsidenten der Max-Frisch-Stiftung. Frisch hatte zu Lebzeiten verfügt, dass Bestände seines Nachlasses erst 20 Jahre nach seinem Tod – er starb am 4. April 1991 in Zürich – der Öffentlichkeit bekannt werden sollten. Erst 2011 öffnete der Stiftungsrat einen Banksafe im Zürcher Bellevue. Dort fand man auch fünf Ringbücher – das sogenannte Berliner Journal. Ein Tagebuch, das Max Frisch schrieb, als er 1973 in Berlin lebte. Nicht nur diese historische Geschichte macht das Werk des weltbekannten Literaten so überaus spannend und einzigartig. Der Text selbst ist ein kostbare Perle, die es wertzuschätzen gilt.

Der Autor von berühmten Werken wie „Homo Faber“ oder „Biedermann und die Brandstifter“, die auch als Schullektüre längst Eingang gefunden haben in den literarischen Kanon, beschreibt darin nicht nur Leben und Alltag in Berlin mit seiner Frau Marianne an seiner Seite, den Bezug und das Einrichten der Wohnung sowie die Einflüsse, die die Großstadt auf ihn ausübte. Ebenso, womöglich weit interessanter sind sowohl die geschilderten Begegnungen mit namhaften Autoren aus West und Ost wie Günter Grass und Uwe Johnson, Wolf Biermann und Christa Wolf als auch der Blick Frischs auf Gesellschaft und Politik der DDR. Er hat schon beizeiten bemerkt, welche Auswirkungen die Diktatur auf das Leben der einfachen Menschen und das Wirken der Intellektuellen hatte. „Charakter zu haben, muss furchtbar schwierig sein“, schreibt er an einer Stelle. Neben diesen realen Erlebnissen, Gedanken und Reflexionen finden sich immer wieder fiktive Geschichtchen wie jene, in der nicht Berlin, sondern Zürich die von einer Mauer geteilte Stadt ist. Er selbst kann als Schweizer reisen, für ihn bildet die Mauer keine Grenze, Gespräche mit ostdeutschen Autorenkollegen sind genauso möglich wie der Besuch der Leipziger Buchmesse sowie Verhandlungen mit dem DDR-Verlag Volk und Wissen über die Herausgabe von „Tagebuch 1966-1971“.


Faszinierend auf jeder Seite: die Intensität und immense Dichte der Gedanken, die oft in kurzen Sätzen oder Phrasen niedergeschrieben worden sind, der weise und erfahrene Blick auf Literatur, Politik und Gesellschaft, auf die Menschen, die ihn umgeben. Vor allem die intensive Freundschaft zum Schriftstellerkollegen Uwe Johnson wird an zahlreichen Stellen thematisiert. Johnson ist es im Übrigen auch, der einst als Einziger Einblick in dieses Tagebuch erhalten hatte. Zwischen all diesen zeit- und ortsbezogenen Reflexionen finden sich Ein- und Ansichten philosophischer Natur: über die Last des Alterns, die Vergänglichkeit, das unaufhaltsame Fortschreiten der Zeit.

Neben den Auszügen aus dem Berliner Journal – ein Teil wurde auf Rücksicht der Privatsphäre nicht veröffentlicht – versammelt der schmale Band ein Nachwort des Herausgebers mit Informationen zur Geschichte des Werkes sowie der Herausgeber-Bericht mit Daten zum Inhalt des gesperrten Nachlasses und Erklärungen zu den Eingriffen in den Text. Zusammen ergibt dieser Band damit nicht nur spannende Einblicke in das Leben und das Denken des Menschen und Intellektuellen Max Frisch, sondern zeichnet die besondere Geschichte dieses Meisterwerkes von der Entstehung bis zur Publikation mehr als 40 Jahre später eindrucksvoll nach.   

Der Band „Aus dem Berliner Journal“ von Max Frisch, herausgegeben von Thomas Strässle, erschien im Suhrkamp-Verlag.
235 Seiten, 20 Euro

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