Dem Erzähler auf der Spur – Vladimir Nabokov "Das wahre Leben des Sebastian Knight"

„Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.“

Klassiker und Werke honoriger Autoren haben es oft schwer. Meist sind sie abseits der obligatorischen Schullektüre verdammt, in verstaubten Regalen ebenfalls verstaubt zu sein. Von eigentlich treuen Lesern vergessen oder auch mit dem Makel behaftet, für Langeweile und allzu viel Anspruch zu sorgen. Schwere Kost heißt es da – in Erinnerung an jenen Werbespot mit zwei wohl bekannten Box-Brüdern, die sich mit einem dicken Band Puschkin „herumschlagen“. Mir fiel kürzlich der Roman „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ von Vladimir Nabokov in die Hände. Eine spontane Entscheidung, die am Ende nicht bereut wurde. Im Gegenteil.

Erzählt wird die Geschichte zweier Männer. Sie sind Halbbrüder und Exilrussen, die noch in den Kinderjahren ihre Heimat nach dem Duell-Tod ihres Vaters und in den Wirren der Revolution verlassen mussten. Der eine, im Roman nur kurz mit „V.“ bezeichnet, will das Leben des anderen, ein bekannter Schriftsteller namens Sebastian Knight,  rekonstruieren, nachdem dieser überraschend verstorben war. Zeitlebens war die Beziehung zwischen beiden eher kühl als warmherzig. In all den Jahren nach der Trennung haben sich beide nur wenige Mal gesehen. V., der Ich-Erzähler, macht sich also auf die Spur, besucht Menschen, die seinen Halbbruder gekannt haben. Dafür nimmt er weite Reisen in Kauf, fährt nach Paris, nach Berlin und zu einem Hotel in Blauberg, wo sein herzkranker Bruder abgestiegen war. Er trifft Personen, führt Gespräche. Doch es sind weniger die Erfahrungen und Erlebnisse der anderen, mit denen er sich ein Bild von Sebastian Knight machen kann. Im Geiste wandelt er durch die Geschichten und Texte, die der Autor während seiner Schaffensjahre niedergeschrieben hatte, und beschäftigt sich mit seinen eigenen Erinnerungen. Im Großteil des Romans zieht sich der Ich-Erzähler in den Hintergrund zurück, um die Person und den Charakter seines Halbbruders in den Vordergrund zu schieben und ihm die volle Aufmerksamkeit zuteil kommen zu lassen. Sein Blick auf das berühmte Familienmitglied ist von Zuneigung, vor allem  aber von Bewunderung geprägt – obwohl bekanntlich beide keine engen Familienbande zusammenführte.

Erstaunlich ist an diesem Roman nicht nur, dass Nabokov in seinem Werk das spannende Verhältnis zwischen Realität und Fiktion und die Möglichkeit, das Leben und die Person eines Menschen anhand von Dokumenten nachzuzeichnen, beleuchtet. „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ war der erste Roman, den der russische Autor vollständig in englischer Sprache geschrieben hatte, nachdem er zuvor seine eigenen Werke meist selbst vom Russischen ins Englische übersetzt hatte, um seine Werke einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Nabokov, 1899 in Sankt Petersburg geboren, verließ bereits vor der Oktoberrevolution mit der Familie die Heimat in Richtung Deutschland. In der Zwischenzeit studierte Nabokov in Cambridge/England. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh er zusammen mit seiner jüdischen Frau Vera über Frankreich schließlich in die USA. Während er 1945 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, starb sein Bruder Sergej im selben Jahr im Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg.

Neben biografischen Daten widmet sich Übersetzer Dieter E. Zimmer in seinem Nachwort zur Ausgabe auch den Schwierigkeiten des Autors von seiner vertrauten Heimatsprache in die zweite Sprache zu wechseln. Und das bereits vor dem Sprung über den großen Teich – den Roman verfasste Nabokov in Paris. Dem Buch ist das kaum anzumerken, würde man meinen. Nabokov, der Schöpfer des skandalträchtigen Romans „Lolita“, hielt allerdings nicht viel von diesem Werk, sah es vielmehr mit Mängeln behaftet. Dem Leser sei indes überlassen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Nach diesem spontanen Griff zu einem Werk eines der bekanntesten Erzähler des 20. Jahrhunderts wünsche ich mir weitere erfolgreiche Erlebnisse und Erfahrungen dieser Art: Denn der Roman „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ bereitet nicht nur eine spannende und nachdenkliche Lektüre. Wie Nabokov diese Beziehung zwischen Realität und Fiktion, die Spuren eines Autors in seinen Werken künstlerisch umsetzt, ist ohne Frage hohe Kunst.

„Das wahre Leben des Sebastian Knight“ erschien als Taschenbuch im Rowohlt-Verlag, in der Übersetzung und mit einem Vorwort von Dieter E. Zimmer.
304 Seiten, 7.50 Euro

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