Der Anfang vom Ende – Peter Høeg „Der Susan-Effekt“

„Mit den tieferen wissenschaftlichen Wahrheiten ist es wie mit der Ehrlichkeit: Sie müssen mit Maß dosiert werden.

Die Zeiten, in denen die Zukunft mit einem Blick in den Kaffeesatz oder die Glaskugel gelesen wird, sind vergessen. In Dänemark ist eine Kommission aus Experten verschiedener Gebiete ins Leben gerufen worden. Ihre Prognosen für die Zukunft haben eine hohe Trefferquote, erfüllen sich nahezu immer; ob es um politische Umbrüche oder Naturkatastrophen geht. Doch mehr als 40 Jahre nach der Gründung werden deren Mitglieder getötet. Susan Svendsen entdeckt nicht nur die erste Leiche. Die 43-jährige Experimentalphysikerin ist mit ihrem Mann und den beiden Kindern Thit und Harald mittendrin in diesem rätselhaften Geschehen auf der Suche nach dem Abschlussbericht des besonderen Gremiums. Den der ist die Währung, um sich nach heiklen Vorfällen in Indien, wohin die ganze Familie gereist war, aus drohenden Gefängnisstrafen „freizukaufen“. 

23 Jahre nach seinem Welterfolg „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, nach einigen wenigen erfolgreichen Werken und einer Zeit der Stille ist der dänische Bestseller-Autor Peter Høeg mit seinem Roman „Der Susan-Effekt“ wieder zurück. Sein neuester Streich ist vor allem die Geschichte einer starken Frau mit einer besonderen Begabung. Mit ihrer Präsenz bringt Susan andere Menschen dazu, in Gesprächen die Wahrheit zu sagen und unfreiwillige Geständnisse zu machen. Eine Fähigkeit, die sich bereits die Polizei in Verhören zunutze gemacht hat. Doch nun steckt die mustergültige Familie, die einst auf dem Cover des „Time Magazine“ zu sehen war, während einer Reise nach Indien selbst in der Klemme. Susan ist wegen versuchten Totschlags angeklagt. Ehemann Laban, ein geschätzter Komponist, wollte mit einer Maharadscha-Tochter durchbrennen und wird von der südindischen Mafia verfolgt. Sohn Harald sitzt in Haft wegen versuchten Antiquitäten-Schmuggels. Thorkild Hegn, angeblich Staatssekretär im Justizministerium, paukt sie da heraus – mit der Forderung, den Abschluss-Bericht der Zukunftskommission ausfindig zu machen. Doch schon eine erste Begegnung mit Magrethe Spliid aus der Akademie der Verteidigung und Bekannte von Susans Physikmentorin und Nobelpreisträgerin Andrea Fink bringt Susan und ihren Sohn in höchste Bedrängnis, nur mit ihrem Scharfsinn können sie einen Mordanschlag verhindern. Wenig später findet Susan Magrethe erwürgt in ihrem Haus.


Weitere Opfer folgen, die unter anderem in einer Waschmaschine sterben müssen oder erhängt werden. Doch Susan lernt nicht nur die Mitglieder der Kommission kennen. Sie findet heraus, dass diese zweifelsohne auch keine Ehrenbürger sind, haben sie sich doch in all den Jahren kräftig bereichern können und die Grundidee ihrer Bestimmung verraten. Denn ihr genauer Blick in die Zukunft schließt auch Börsenentwicklungen mit ein.  Hinzu kommt, dass sich mit der Zeit die Kommission von der Kontrolle des Parlamentes und staatlicher Behörden abgenabelt hat und ein Eigenleben führt. Eines Tages werden Susan und ihre Familie in ein abgesperrtes Areal in Seeland verschleppt. Hier erfährt sie, dass das Land vor einem Kollaps steht und verschiedene Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wurden – von einem Gen-Pool für Pflanzen bis hin zu einer Liste jener Menschen, die als Elite des Landes gerettet werden sollen.

„Der Susan-Effekt“ ist ein gar wunderliches Buch, das mich sehr in seinen Bann gezogen hat. Und nicht nur, weil Høeg eine recht abgedrehte Geschichte mit sehr viel Spannung erzählt. Ihm gelingt es, den Leser in verschiedene Gemütszustände zu versetzen. Während der erste Teil mit sehr viel Humor und herrlich komischen Szenen begeistert, schlägt die Stimmung ab dem zweiten Buch komplett um. Sie wird bedrohlicher, melancholischer, ernster. Es ist die Zeit, als Susan und ihre Familie auf dem Gelände nahe der Küste eingeschlossen sind, ihre Identität zuvor ausgelöscht wurde, indem ihre Kredit-Karte gesperrt, das Bank-Konto aufgelöst, ihr Haus verkauft wurde. Vor Ort, einem abgezäunten besonderen Stück Land mit riesigem Garten als Versuchsstation, erfahren sie das ganze Ausmaß der Kommission. Zahlreiche Berührungspunkte zur realen Wirklichkeit finden sich: die Kriege des 20. Jahrhunderts, die Bedrohung durch nukleare Waffen, allgemein die Gewalt des Menschen, der seinesgleichen in riesiger Zahl vernichtet. Im Roman fällt dafür der Begriff „man made violence“, die durch kollektive Wut entsteht und Auslöser für regelmäßige Kriege auf der Erde ist.

„Der Traum ist eine Illusion. Wer geradezu unverschämtes Glück hat, kann sein Kinder vielleicht vor direktem Missbrauch oder Übergriffen bewahren. Aber niemals vor dem eigentlichen Problem. Denn das eigentliche Problem ist das Dasein selber.“

Erzähler des Geschehens, das neben einigen Rückblicken im Jahr 2016 spielt, ist Susan selbst, die damit auch interessante weil sehr intime und persönliche Einblicke in ihre Biografie und ihren Charakter gibt. Susan ist nicht nur eine intelligente Wissenschaftlerin, sie ist auch eine Löwenmutter, die alles daran setzt, ihre Kinder vor dem Bösen in der Welt zu beschützen. Zu ihrem Mann, der trotz ihrer Untreue zu ihr hält, und zu ihren Eltern – ihr Vater hat Frau und Kind einst verlassen, die Mutter war eine gefeierte Tänzerin – hat sie ein recht ambivalentes Verhältnis. Gerade an Susan und ihrem Mann und den beiden Kindern gibt der Autor Einblicke in die nahezu unbeschreiblichen Kräfte, die in einer Familie als kleinste Zelle der Gesellschaft wirken.

Diese thematische Tiefe verleiht dem Roman Ernsthaftigkeit und Anspruch zugleich. Obwohl die verrückten Charakter und Begabungen von Susan und ihrer Familie – so besitzt Sohn Harald ein bemerkenswertes fotografisches Gedächtnis – mich manchmal an die berühmten Superhelden-Geschichten, so auch an den bekannten Animationsfilm „Die Unglaublichen“, erinnert hat, hatte ich nie den Eindruck, dass dies die Bedeutung des Romans verringert. Vielmehr erweist sich der Däne als sowohl grandioser und einfallsreicher Unterhalter als auch ernstzunehmender Gesellschaftskritiker, der auch vor seinem eigenen Heimatland nicht halt macht und kräftig austeilt. Zwischendurch gibt es in diesem tempo- und actionreichen Roman immer wieder weise und leise, ganz bezaubernde Gedanken wie  „Stille und Frieden sind eine Berührung“. Peter Høeg ist zurück, welch ein großes Glück!

Der Roman „Der Susan-Effekt“ von Peter Høeg erschien im Hanser Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle; 400 Seiten, 21,90 Euro

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