Duell – Jennifer Dubois „Das Leben ist groß“

„Ich sah die Schönheit, das verrückte, eigenartige Glück, das darin lag, allein und unbeachtet und barfuß irgendwo draußen in der weiten Welt  zu sein. Vielleicht war es ein Segen, irgendwie. Es war wie der freie Fall von jemandem, dessen Fallschirm nicht funktioniert.“

Ihr bleibt nicht viel Zeit. Das Leben sagt „Schach“. Irina Ellison wird vermutlich an dem heimtückischen Hirn-Leiden Chorea Huntington erkranken. Wie ihr Vater, der nach dem Verlust der motorischen Fähigkeiten auch die geistigen verliert und nach einigen Jahren stirbt. Ein Gen-Test ergibt, dass ihre Chance, ebenfalls eines Tages davon betroffen zu sein, 50:50 steht. Irina, die Philosophie und Literaturwissenschaft studiert, über Vladimir Nabokov promoviert hat, entscheidet sich für einen kompletten Lebenswandel. Sie zieht sich zuerst in eine selbst gewählte Einsamkeit zurück, um schließlich ihren Partner, Freunde und Familie zu verlassen und von Amerika nach Russland zu fliegen. Dort will sie den einstigen Schachweltmeister Alexander Besetow treffen, von dem ihr Vater, ein Pianist und College-Lehrer, einst geschwärmt und an den er damals einen Brief geschrieben hatte. Eine besondere Geschichte nimmt ihren Lauf, die in ein scheindemokratisches Land  führt.

Und dort zieht Wladimir Putin die Fäden, ein riesiges Land ist seiner Macht ausgeliefert. Die amerikanische Autorin Jennifer Dubois, 1983 in Northampton (Massachusetts) geboren,  scheut sich nicht, in ihrem Roman „Das Leben ist groß“ den Despoten beim Namen zu nennen. Auf besondere Weise vermischt sie damit reale Zustände mit der fiktiven Handlung und ihren Protagonisten. Besetow, trotz seiner blamablen Niederlage gegen einen Computer noch immer bekannt und durchaus vermögend, wagt es, sich als Gegenkandidat aufzustellen. Nicht nur Wahlkampfhelfer hat er um sich geschart. Auch andere Gruppen, die politische und gesellschaftliche Veränderungen im Land fordern, versucht er, für seine Anti-Putin-Bewegung zu gewinnen. Darunter auch eine eher rechts gerichtete Gruppierung, der Besetows einstiger Mitstreiter Mischa angehört. In jungen Jahren, als Alexander von Sachalin nach Leningrad kam, um die dortige Schach-Akademie zu besuchen, waren beide Mitglieder eines kleinen konspirativen und antikommunistischen Kreises, der unter anderem Flugschriften verteilte.

Über Umwege, unter anderem mit der Hilfe von Elisabeta, der ersten großen Liebe Besetows, macht Irina den Schachweltmeister und seine Frau Nina in St. Petersburg ausfindig. Sie wird Teil des Wahlkampfteams und arbeitet als Übersetzerin. Mit der Zeit werden sie miteinander vertraut, denn beide erkennen, dass sie die gleichen Lebensfragen umtreibt. Angesichts eines baldigen Todes verlangt Irina nach einer Antwort auf eine besondere Frage: Wie kann man weitermachen, wenn die Niederlage unabwendbar ist? Besetow war selbst immer wieder diesem Gedanken ausgesetzt – als Schachspieler und jetzt als Gegenkandidat. Und beide spüren Angst vor dem Tod, denn der Russe erhält Drohungen und hat sich nahezu komplett in seinem Haus verschanzt. Viele Kritiker Putins sind ermordet oder eines ungeklärten Todes gestorben. Auch der Mord der bekannten Journalistin Anna Politkowskaja  2006 im Flur ihres Wohnhauses findet Eingang in diesen Roman. Zudem wird an vielen Stellen auf den schwelenden Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien verwiesen, der nicht nur politisch instrumentalisiert, sondern von Putin auch angeheizt wird.

Dubois, die mit diesem Debüt-Roman 2012 von der National Book Award Foundation als eine der fünf besten Nachwuchsautorinnen geehrt wurde, hat nicht nur eine sehr berührende und tiefsinnige Geschichte geschrieben, nach aufwendigen Recherchen das riesige Reich Russland und das berühmte Königsspiel in einer faszinierenden Kombination thematisch zusammengebracht. Wie die Autorin ihr Werk erzählerisch aufbaut, zeugt von sehr viel Klugheit und einer literarischen Raffinesse. Der Leser lernt die besondere Biografie Besetows und das berührende Schicksal Irinas mit Hilfe zweier unterschiedlicher Erzählstränge kennen. In dem einen fungiert Irina als Ich-Erzählerin, die über ihre Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen und nach Russland zu reisen, die dortigen Erlebnisse und ihr Innenleben berichtet. In dem anderen Strang wird ein auktorialer Erzähler aktiv, der den Leser das Leben Besetows vor Augen führt – von seinem früheren Leben auf der Insel Sachalin über seine ersten Erfolge Mitte der 80er Jahre, den Ruhm als Schachspieler und die notwendigen Kompromisse mit der Partei bis schließlich in die Zeit nach der Wahl. Beide Fäden laufen nicht nur aufeinander zu, um schließlich gemeinsam und aus den beiden unterschiedlichen Perspektiven heraus die gemeinsamen Wochen und Monate von Besetow und Irina zu schildern.  Beide wechseln sich passagenweise zudem wie bei einem Schachspiel ab.

„Wer noch niemanden verloren hat, glaubt die Trauer erst heraufzubeschwören, wenn er sie erwähnt. Wer sich nie mit seiner Sterblichkeit auseinandersetzen musste, spricht nicht über den Tod, weil er denkt, er werde erst dadurch real.“

„Das Leben ist groß“ erfährt dadurch sehr viel Spannung. Zudem wird die Handlung und ihre Protagonisten aus verschiedenen Sichten beleuchtet. Dubois‘ Roman ist dabei nicht nur ein faszinierendes Porträt eines unruhigen und kritikwürdigen Landes gelungen. Er widmet sich auf eindrucksvolle Art und Weise dem schwierigen Umgang mit dem Tod und dem Gefühl der Aussichtslosigkeit. Das Gedanken-Karussell, das sich um diese Themen kreist, und das Schicksal Irinas berühren, aber erscheinen nie sentimental. Manchmal ist sogar ein leicht humorvoller, gar trotziger Unterton zu spüren. Vor einigen Wochen im Buchladen entdeckt, erscheint mir dieses Buch als eine besondere Entdeckung, die ich sehr gern empfehlen will. Man kann gespannt sein auf weitere Meisterwerke aus der Feder von Jennifer Dubois.

Der Roman „Das Leben ist groß“ von Jennifer Dubois erschien als Taschenbuch im Aufbau-Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder und mit einem Interview mit der Autorin; 448 Seiten, 9,99 Euro

Foto: Christiane Heuser/pixelio.de