Abschied – Siegfried Lenz „Das Wettangeln“

Und rums. Da liegt er – mit der Nase im Ufersand, über ihn wie ein kleiner Berg der Rollstuhl. Ein bronzefarbenes Horn und der Hut schweben noch in der Luft. Henry Weiß ist gestürzt. So hat der Illustrator Nikolaus Heidelbach die erste Szene in der Erzählung „Das Wettangeln“ von Siegfried Lenz in Farbe festgehalten. Es ist ein ganz besonderes Werk, weil das letzte im Schaffen des großen deutschen Autors, der am 7. Oktober 2014 verstarb. 

9783455405484So wie Günter Grass‘ „Vonne Endlichkait“ oder der Fragment gebliebene Roman „Hellebarden“ von José Saramago birgt auch das letzte Geschriebene von Siegfried Lenz eine gewisse Melancholie. In dem Wissen, dass  die „Stimme“ von Lenz für alle Zeit verstummt ist. Insgeheim zähle ich ihn seit Jahren zu den glorreichen Drei. Grass, Walser und Lenz waren und sind für mich die großen Häupter der deutschen Literatur. Dabei war der 1926 in Ostpreußen geborene Lenz für mich der sympathischste, weil bescheidenerer und ruhigerer. Mit seinen Roman „Deutschstunde“ machte ich Bekanntschaft mit ihm, zuletzt waren es vor allem die Novellen „Schweigeminute“ und „Landesbühne“, die mich begeisterten.

In „Das Wettangeln“ steht – wie der Titel es verrät – ein traditioneller Wettkampf im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dreh- und Angelpunkt ist der kleine Ort Thorshafen an der Ostseeküste. Der Ich-Erzähler, eine Junge, beobachtet den Sturz von Henry Weiß, ein einstiger Sportlehrer und erfolgreicher Turmspringer, der nun im Rollstuhl sitzt und im Altersheim lebt. Das tragische Unglück verhilft den Jungen zu einer Teilnehmer-Karte für das Wettangeln, während Henry als Schiedsrichter fungiert. Mit einem kräftigen Horn-Signal wird der Wettkampf eröffnet. Der Junge berichtet über seine Beobachtungen von kleinen und großen Teilnehmern und seine eigenen Angel-Künste, die er gemeinsam mit Anja, Henrys Nichte, unter Beweis stellen will. Zusammen haben sie einen kapitalen Hecht im Visier, der im Schilfgürtel seine Bahnen zieht, doch die angebotene Brotteig-Kugel verschmäht. Mit einer zuvor gefangenen Plötze als Köder starten sie einen zweiten Versuch.  Mit Mühe, aber auch Erfolg. Zwischen dem Wettbewerb und der späteren Preisverleihung ziehen sich der Ich-Erzähler und Anja für zärtliche Zweisamkeit zurück. Der Abend steht schließlich ganz im Zeichen der Preisvergabe und eines ungewöhnlichen Auftritts einer Lehrerin mit einem Fisch an ihrer Seite.

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Ungewöhnliche Perspektive

Gemeinsam mit den Illustrationen von Nikolaus Heidelbach wird Lenz‘ letztes Werk zu einem Kunstwerk, das nur auf den ersten Blick womöglich an ein Kinderbuch erinnert. Vielmehr bilden die Zeichnungen und der Text eine Symbiose, die das Schaffen des großen Literaten auf herausragende Weise unterstreicht. Besonders deutlich werden der herzliche Humor und die Liebe zu den „einfachen“ Menschen, ihren Traditionen und ihren Geschichten, in denen die großen Themen des Lebens verankert sind. Heidelbach selbst, Sohn des Malers Karl Heidelbach, ist für sein Schaffen schon mehrfach ausgezeichnet worden; so mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis sowie dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Der Kölner hat  unter anderem für die Werke von Christine Nöstlinger und Paul Maar oder die Märchen von Hans-Christian Andersen und der Brüder Grimm gezeichnet. Seit über 25 Jahren veröffentlicht er seine eigenen Bilderbücher, zuletzt „Wenn ich groß bin, werde ich Seehund“ und „Prinz Alfred“. Nicht nur die farbigen Figuren lässt Heidelbach in „Das Wettangeln“ sprechen. Er nutzt zudem ungewöhnliche Perspektiven und auch eine vereinfachte, wie von einem Schimmer überzogene Darstellung von einzelnen Szenen. An anderen Stellen zeigt er seine Liebe zum Detail, wie beispielsweise bei der Darstellung eines Hecht-Auges.

Ein Nachwort von Günter Berg, bis 2013 Verleger von Hoffmann und Campe, schließt den Band ab. Darin berichtet er über das Schreiben als Lebensinhalt bei Lenz, die Verbindungen zu früheren Werken und den Masuren, wo der Schriftsteller, der sich in seinen letzten Jahren nach Hamburg und Dänemark zurückgezogen hat, seine Kindheit verbracht hatte.  „Das Wettangeln entstand während seiner letzten zwei Lebensjahre. Den Schmerzen, die ihm zunehmend die Energie zum Schreiben nehmen wollten, trotzte er sein tägliches Arbeitspensum ab“, würdigte Berg die Disziplin und die Schaffenskraft des Autors. Lenz widmete sein letztes Werk seiner Frau Ulla. „Für meine Ulla, 22.3. 2014“, steht in Handschrift auf der letzten Seite der Erzählung. Eine besondere Botschaft, über die man nach der Lektüre sanft streichen möchte.

Der Nobelpreis für Literatur war Lenz leider nicht vergönnt. Die Treue seiner bisherigen Leser und die Begeisterung neuer Leser wären für ihn womöglich die schönste Ehrung gewesen. In seinem Werk lebt Lenz weiter. Trotzdem wird er fehlen, wie so viele, die in den vergangenen Monaten von uns gegangen sind und deren Tod große Lücken entstehen lässt.

Die Erzählung „Das Wettangeln“ von Siegfried Lenz mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach erschien bei Hoffmann und Campe;  44 Seiten, 18 Euro

Foto: pixabay.com

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