Freiheit – Gunnar Cynybulk „Das halbe Haus“

„Vater hat immer gesagt, alles hier bei uns ist eine einzige große Lüge, ein Scheißhaufen, der mit Häkeldeckchen aus Worten zugedeckt ist. Aber das stimmt nur halb. Es ist ein großer Mist, und zugleich ist es schön.“

Die einen preisen dieses Land, die anderen verfluchen es. Jeder hat seinen ganz eigenen Blick auf das Land DDR. Die Debatten über die „Zone“, wie der Osten vom Westen einst genannt wurde, sind noch längst nicht erschöpft; nicht zwischen den Generationen, nicht in Kunst und Kultur. Weiterhin werden Fotografien und Filme gezeigt, Bücher geschrieben. Im selben Jahr wie Lutz Seilers „Kruso“ erschien der Roman „Das halbe Haus“ von Gunnar Cynybulk. Der Autor des einen Buchs erhielt den Deutschen Buchpreis, der des anderen leider „nur“ wohlwollende Kritiken.  Doch beide Romane weisen Parallelen auf. 

9783832163235-23494Sie erzählen von der DDR und sind autobiografisch gefärbt. Wie der junge Held Jakob Friedrich verließ der Autor mit 14 Jahren die DDR in Richtung Westen. Cynybulks Vater saß zwei Jahre im Gefängnis und wurde freigekauft. Das ähnliche Schicksal erleidet im Buch Frank, Jakobs Vater. Gemeinsam wohnen Vater und Sohn mit der Großmutter Polina in einem Haus in Leipzig. Jakobs Mutter ist an Krebs gestorben, als der Junge noch ein Baby war. Der schmiedet große Pläne, will als Leichtathlet auf die Sportschule, später ein Olympiasieger werden. Doch jene Zeit und jene sozialistische Ordnung stellt sich dagegen: Die Großmutter verlässt das Land, der Vater, als Ingenieur in den Leuna-Werken tätig, wird auffällig als Gegner des Staates und systematisch von der Stasi überwacht – ein Bekannter der Familie berichtet als IM Seele überaus diensteifrig. Auch nicht die Heirat mit der Berlinerin Eva und seine neue Patchwork-Familie bringt ihn davon ab, sich von der Idee einer erhofften Freiheit loszusagen. Frank und seine Mutter kämpfen um die Ausreise – mit Gesprächen und Briefen an die Behörden und Organisationen. Selbst Bundeskanzler Helmut Kohl erhält ein Schreiben. Frank sucht zudem die ständige Vertretung der BRD in Berlin auf. Nach einer missglückten Flugblatt-Aktion wird er 1983 verhaftet und zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Jakob und Eva bleiben in dem halben Haus, das symbolisch sowohl auf die getrennte Familie als auch ein geteiltes Land verweist, allein zurück. Denn auch Evas Tochter Leonore wird aus der Familie geholt, als Evas einstige Schwiegereltern aus einem elitären und staatstreuen Kreis stammend vor der Tür stehen. Polina wird die Wiedereinreise in die DDR verweigert.

Wer in der DDR aufgewachsen ist, wird viele Szenen mit eigenen Erinnerungen verbinden: der Weihnachtsbaum, in den Löcher für weitere Äste gebohrt wurden, die Antenne auf dem Dach, die stets und ständig ausgerichtet wurde, um West-Fernsehen ohne Griesel auf der Mattscheibe zu empfangen (im „Tal der Ahnungslosen“ nahe Dresden im Übrigen ein sinnloses Unterfangen), Fahnenappelle und Wandzeitungen in der Schule, Westpakete und Tauschgeschäfte, um der hoffnungslosen Notwirtschaft zu entgehen, „in dem jeder Rohstoff knapp ist, jetzt mal abgesehen von Weiß- und Rotkohl“, wie es an einer Stelle heißt.  Auch an dieser aufgeblasenen Sprache des Sozialismus mit ihrer ideologischen Phrasendrescherei kommt der Leser nicht vorbei, der eine Achterbahn der Gefühle durchlebt. Es gelingt Cynybulk auf beeindruckende Weise, den Ernst und eine gewisse Düsternis angesichts der Erniedrigung der Familie und der Zerrissenheit eines ganzes Landes mit einem herzlich-menschlichen Humor zu verbinden. Ja, auch eine gewisse Satire findet sich; unter anderem in den Stasi-Berichten, die sich über das ganze Buch verstreuen. In einem Schreiben berichtet der Spitzel, wie er, im Gebüsch hockend, von einem urinierenden Hochzeitsgast getroffen wird. Dazwischen mischen sich melancholische Töne: Jakob hat nur wenig von seiner Mutter und deren allzu frühen Tod erfahren, der den Vater zwischenzeitlich in den Suff bringt. Eine ganz eigene Tragik liegt in dieser sehr engen Vater-Sohn-Beziehung.

Doch der Autor dreht die Zeitschraube noch ein ganzes Stückchen weiter. Denn in diesem vielstimmigen Roman erhält auch die Großmutter die Möglichkeit, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sie berichtet von der Flucht ihrer Familie aus Russland. Nach der Anordnung Stalins zieht sie aus der deutschen Kolonie am Schwarzen Meer nahe Odessa in die schlesische Kurmark. Wenig später wird dieses Gebiet nahe des Grenzflusses Neiße von der russischen Armee überrannt und zerstört. Die bereits durch Krankheit und Krieg verkleinerte Familie muss erneut ihr geringes Hab und Gut packen, nachdem sie einige Zeit in einem Keller ausgeharrt hatte. Aus dieser Zeit stammt ein Geheimnis, das nur Polina und ihre Schwester Liesl kennen: Die Großmutter hatte ein Verhältnis mit einem russischen Soldaten. Und ein geglaubter Onkel ist auch nicht der Onkel. So wird dieser Familienroman mit ihren eigenwilligen Protagonisten zu einem Buch, das über drei Diktaturen erzählt: die Stalinzeit, das Ende des Dritten Reiches und die DDR.

Sprachlich begeistert dieses Buch, da es sowohl von einem erzählenden als auch einem sehr poetischen Stil getragen wird. Es gibt Sätze, die wild und witzig vor Leben sprudeln, andere die gedankenreich und von Wehmut getragen wie ein dunkler breiter Fluss dahinziehen.  Am Ende, als Jakob und Eva die Sachen packen, er für die Reise in den Westen, sie für den Auszug aus dem halbe Haus, verbindet sich wieder die Geschichte der Familie mit dem Autor und einer bedeutenden Bestimmung. An einer Stelle ist zu lesen:

„Ein richtiger Mann würde all das aufschreiben und festhalten, und nichts und niemand würde ihm etwas anhaben können. Ein Satz wäre ihm eine Räuberleiter, auf einem Strich würde sein Gedanke verweilen, hinter einem Komma würde er mit einem Wasserfall in die Tiefe rauschen oder mit einem Zug durch die Nacht. Auf diese Art würde er es ihnen zeigen, denen, die alles vorsagen oder nachsagen oder falsch sagen oder gar nicht sagen.“

Doch das „Das halbe Haus“ weckt nicht nur Erinnerungen. Dem Roman gelingt es, woran viele in der Vergangenheit gescheitert sind: Aus einem persönlichen wie authentischen Blickwinkel zu zeigen, wie die DDR wirklich war – ein Unrechtsstaat mit einer skurrilen wie erschreckenden Janusköpfigkeit aus positiven wie negativen Eigenschaften. Für Leser, die jenes Land aus der Ferne beobachtet haben, kann das Buch eine Lehrstunde sein, die von einstigen Vorurteilen berichtet und womöglich jetzige Klischees ausräumt. Zugleich hat dieses Buch für mich eine ganz persönliche Note: Mit Riesa an der Elbe, Leipzig und Naumburg werden drei Orte genannt, die Teil meiner eigenen Biografie sind. Nahe Riesa aufgewachsen, lebte ich während des Studiums in der Messestadt. Seit einigen Jahren ist die Domstadt an der Saale meine Heimat.  Doch auch ohne die genannten Orte ist dieser Roman ein Herzensbuch, das sich einreiht in die ganz besonderen Werke über die DDR.

Der Roman „Das halbe Haus“ von Gunnar Cynybulk erschien im Dumont Buchverlag und ist bereits als Taschenbuch erhältlich; 576 Seiten, 22,99 Euro (gebundene Ausgabe).