Warum? – Noah Hawley „Der Vater des Attentäters“

„Wenn wir leiden, Schmerzen oder Angst haben, wenden wir uns nach innen. Mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert, interessieren wir uns nicht mehr für die täglichen Dramen dieser Welt.“ 

Es ist eine Geschichte, die überall auf der Welt geschehen könnte und aktueller denn je ist. Die Medien berichten in aller Regelmäßigkeit über entsetzliche Amok-Läufe, Attentate und Gewaltausbrüche, in denen junge Menschen plötzlich zu Tätern werden und eine große Schuld auf sich nehmen. „Der Vater des Attentäters“ von Noah Hawley erzählt nicht nur eindrucksvoll von einer aus den Fugen geratenen Vater-Sohn-Beziehung. Der Roman geht der Frage nach, wie ein junger Mensch zu einem Mörder werden konnte.

Paul Allen978-3-312-00603-8_21312914154-110, seine Frau Fran und die beiden Söhne Alex und Wally erfahren die schreckliche Nachricht aus dem Fernsehen. Wenig später stehen die ersten aufdringlichen Journalisten vor ihrer Haustür. Pauls 20-jähriger Sohn Daniel hat ein Attentat auf den beliebten Senator Jay Seagram verübt. Seagram, Präsidentschaftskandidat  der Demokraten, hatte große Chancen, ins Weiße Haus ein zuziehen. Mehrere Schüsse während einer Wahlkampf-Veranstaltung in Los Angeles töten den Hoffnungsträger vieler Menschen. Paul glaubt nicht an die Schuld seines Sohnes und versucht, dessen Unschuld zu beweisen. Auch aus einem gewissen Schuldgefühl heraus. Daniel wuchs als Scheidungskind auf, nachdem sich Paul von seiner ersten Frau Ellen scheiden ließ und von der Westküste nach New York zog. Ein ganzer Kontinent trennte fortan Vater und Sohn, trotz regelmäßiger Besuche und Telefongespräche nahm der Kontakt zwischen beiden spürbar ab. Dass Daniel sein Studium plötzlich abgebrochen hat,  mit einem alten klapprigen Honda richtungslos durch das Land tourt, erfährt Paul erst spät – während einer Begegnung wenige Wochen vor dem Attentat. Daniel wird schließlich zum Tode verurteilt und in ein Hochsicherheitsgefängnis nach Iowa gebracht, in dem die berüchtigsten Verbrecher einsitzen. Alle Bemühungen des Vaters, mit Hilfe des windigen Anwalts Murray Beweise für die Unschuld seines Sohnes oder Hinweise auf weitere Täter aufzuspüren, scheitern.

So wie sich das Leben Daniels ändert, so krempelt auch Paul sein eigenes um. Mit seiner Familie zieht er nach Colorado Springs und baut sich eine neue Identität auf. All zu groß war der Druck der Öffentlichkeit, die Anfeindungen selbst von Freunden und Kollegen. Außerdem ermöglicht der Umzug, dass Paul und seine Familie Daniel im Gefängnis besuchen können. Obwohl Hawley Einblicke in die erste Ehe gibt und auch Pauls aktuelles Familienleben und dessen Beruf als angesehener Rheumatologe beleuchtet, stehen die Person von Vater und Sohn sowie deren Veränderung klar im Mittelpunkt. So wird aus einem Kind, das einst jede Gewalt gescheut hat, ein eigenbrötlerischer, aus der Gesellschaft gefallener junger Mann, der mit Hilfe einer Waffe die Macht über andere Menschen spürt und seinen Namen ablegt.  Der Unglaube des Vaters, dass sein Sohn das entsetzliche Verbrechen wie aus heiterem Himmel verübt hat, wandelt sich hingegen in Verzweiflung und schließlich in Gewissheit. Über das Geschehen berichtet Paul als Ich-Erzähler. Eingefügt werden Auszüge aus Daniels Tagebuch sowie ein psychiatrisches Gutachten, das während des Prozesses gemacht wurde.

„Im Fernsehen lief der Weather Channel, als wäre es von Bedeutung, wie das Wetter irgendwo auf der Welt war. Als wäre er ein beliebiger Normalbürger, der wissen  wollte, wie er sich für den Weg zur Arbeit anziehen sollte. Aber mit dem Ausgehen war es für Danny vorbei. Bald schon würde seine Welt nur mehr aus kleinen Räumen bestehen, mit kalten, feindlichen Oberflächen, Metall und Beton, aus Räumen, die leicht zu säubern waren von Blut, Scheiße und Pisse. Die einzigen Stürme, die er erleben würde, würden in ihm selbst aufkommen, heftige Stürme von Wut und Verzweiflung.“

Es ist dabei nicht nur Pauls und Daniels Geschichten, die den Leser in ihren Bann ziehen. In dem Roman finden sich ein ganzer Reigen bekannter Attentäter mit interessanten Hinweisen zu ihrer Tat und ihrem Motiv – wie Sirhan Sirhan, der Mörder von Robert F. Kennedy (1925-1968),   Timothy McVeigh, der 1995 in Oklahoma City 168 Menschen mit einer Bombe tötete, oder Charles Whitman, der 1966 vom Turm der University Texas mehrere Menschen erschoss. Gerade jener Amoklauf, auf den er bei Recherchen in der Bibliothek von Austin gestoßen war, fasziniert Daniel ungemein.

Hawley verwendet in seinem Roman eine sehr schnörkellose Sprache, die indes auch Raum für tiefsinnige Gedanken bietet. Meist kurze und prägnante Sätze treiben die Handlung voran; vermutlich auch ein Zeichen für das eigentliche Schreiben des Autors. Der Amerikaner ist als Film- und Fernsehproduzent („Bones“) sowie als Drehbuchautor („The Unusuals“ und „Fargo“) bekannt. Obwohl jene Geschichte in vielleicht anderer Gestalt in Europa zu finden wäre, kann dieser Roman durchaus als amerikanisch bezeichnet werden.  Ab und an schimmert der bekannte Pathos etwas durch. Auch die Figur des Anwalts, der jüngeren Frauen hinterherjagt, passt nicht so recht in diese ernste und berührende Story und sorgt eher für Erheiterung.

Trotz alledem erweist sich „Der Vater des Attentäters“ als ein vielschichtiges, spannendes, bewegendes und auch mutiges Buch, das an einigen Stellen an der Waffen-Gläubigkeit der Amerikaner sowie der engen Verknüpfung zwischen Waffen-Lobby und der Politik deutliche Kritik übt. Mit eben jenem Präsidentschaftskandidaten Seagram sollten neue Zeiten einziehen. Er wollte als Präsident mit einer seiner ersten Amtshandlungen die Waffengesetze verschärfen. Es ist überaus erstaunlich, wie aktuell dieses Buch aus dem Jahr 2012 auch mit dieser Botschaft noch immer ist.

Der Roman „Der Vater des Attentäters“ von Noah Hawley erschien im Verlag Nagel & Kimche, als Taschenbuch bereits im Aufau Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence; 400 Seiten, 21,90 Euro

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