Am See – Sylvain Tesson „In den Wäldern Sibiriens“

„Es ist gut zu wissen, dass irgendwo auf der Welt in einem Wald eine Hütte steht, wo etwas möglich ist, das nicht allzu weit entfernt ist, vom Glück zu leben.“

Bücher über Aussteiger, ihre Naturerlebnisse und spirituellen Erfahrungen schießen wie Pilze aus dem Boden. „Ich bin dann mal weg“ ist nicht nur der Titel eines Bestsellers eines Prominenten. Er scheint eine Art Hilfeschrei zu sein angesichts einer immer hektischer werdenden Welt. Wir suchen den Zugang zu einem Leben in Stille und Bescheidenheit. Der französische Autor und Weltenbummler Sylvain Tesson hat sechs Monate in einer Hütte am russischen Baikalsee gelebt und eine andere Daseinsform für sich entdeckt.

130_0564_146602_xxlIn seinem Band „In den Wäldern Sibiriens“ berichtet er über seine Erlebnisse. Bereits einige Jahre zuvor hatte Tesson den Reiz Sibiriens und des tiefsten Sees der Erde spüren können. Sein Einsiedler-Leben beginnt im tiefsten Winter, im Februar, in dem eisige Kälte von weit über minus 30 Grad Celsius herrscht, der zugefrorene See als riesiger Spiegel erscheint. Seine neun Quadratmeter große Hütte ist Überrest einer einstigen geologischen Station inmitten des Baikal-Lena-Naturreservats. Die Vorbereitung auf seinen halbjährigen Aufenthalt in einer der abgelegensten Regionen der Erde erinnert an eine Arktis-Expedition. Listen werden geschrieben, eine Survival-Ausrüstung gepackt. Neben Werkzeug und Lebensmittel wird eine Bibliothek aus zahlreichen Büchern mitgenommen. Und nicht zu vergessen: Auch einige Flaschen Wodka, die die Russen natürlich unter Lebensmittel verbuchen, gehören in den Vorrat.

Der Band hat die Form eines Tagesbuchs, auch der Titel verweist darauf. Seine Einträge bilden eine ganz wundersame Mischung aus Beschreibungen, Reflexionen und Erinnerungen. Er schildert seine Erlebnisse, Beobachtungen und Begegnungen, allgemein seinen Tagesablauf, sehr detailreich. Unterbrochen werden diese Beschreibungen von Literatur-Verweisen oder auch kurzen Auszügen aus seiner aktuellen Lektüre, die zeitgenössische Romane, Werke der Weltliteratur sowie philosophische Schriften und eine ganze Bandbreite bekannter wie berühmter Namen von Camus bis Casanova, von Schopenhauer bis Shakespeare vereint. Hinzu kommen Tessons kritische Gedanken zur modernen Zivilisation mit ihrer Umweltzerstörung, ihrer Überbevölkerung, ihrer Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Selbst vor Naturschätzen wie eben die riesigen Wälder Sibiriens wird nicht Halt gemacht. Der Franzose berichtet über die Ambitionen der Chinesen, die weiten Flächen des Gebietes roden lassen. Rettung sieht er nur in einem kompletten Lebenswandel, der Nachhaltigkeit mit Genügsamkeit verbindet. Ein weiteres großes Thema, das sich wie ein roter Faden durch dieses Tagebuch zieht, ist ein Rückblick auf frühere Formen des Eremitentums. Die Wüstenväter, die Anachoreten und nicht zu vergessen die Schiffsbrüchigen verschlug es in die Einsamkeit – freiwillig oder unfreiwillig. Da sie damit einen lebendigen Beweis eines Gegenentwurfs zur bekannten Gesellschaft liefern, bringt ihnen das oft Skepsis und Misstrauen ein.

„Der freie Mensch besitzt die Zeit. Der Mensch, der den Raum beherrscht, ist einfach nur mächtig. In der Stadt entrinnen uns die Minuten, die Stunden, die Jahre. Sie fließen aus der Wunde der verletzten Zeit. In der Blockhütte kommt die Zeit zur Ruhe. Sie legt sich uns zu Füßen wie ein guter alter Hund, und plötzlich merkt man nicht einmal mehr, dass sie da ist. Ich bin frei, weil meine Tage es sind.“

Schon in den ersten Tagen erkennt Tesson, dass das Einsiedler-Leben jene Vorzüge bereitet, die der moderne Mensch nahezu fast völlig verloren oder vergessen hat. Er ist Herr über seine eigene Lebenszeit und bemerkt, wie jeder Tag seine ganz eigenen Gesetze schreibt. Lebenswichtige Handlungen bestimmen fortan sein Dasein: Tesson hackt Holz, füttert den Ofen, geht fischen. Trotz der dafür aufwendigen Prozeduren bleibt Zeit, reichlich Zeit. Er beobachtet das Leben in dessen Kraft und Vielfalt. Vor allem die Vögel und die Bären haben es ihm angetan. Er geht allein, später mit den zwei Hunden Aika und Bek als treue Begleiter auf ausgedehnte Wanderungen durch den Wald und in die Berge oder bricht zu Touren über  den Baikalsee auf, der seit 1996 zum Weltnaturerbe der Unesco zählt. Es ist eine Wildnis, die den Weltenbummler umgibt. Die nächsten Nachbarn sind mehrere Kilometer, das nächste Dorf eine Mehrtagesreise weit entfernt.

Dieser Tagesablauf mit seinen Wiederholungen bringt es mit sich, dass sich innerhalb des Tagesbuchs natürlich eine gewisse Redundanz ergibt, die indes dem Stil nicht abträglich ist, sondern dem Buch eine nahezu meditative Wirkung verleiht. Tesson schreibt mit sehr viel Herzblut und Poesie und vor allem mit reichlich Humor, mit dem er sich auch schon einmal selbst aufs Korn nimmt. Er beweist zudem ein waches Bewusstsein für die Seele der Russen, ihre Nöte und ihre enge Beziehung zu der einzigartigen Landschaft ihrer Heimat. Tesson scheint umgeben von Schätzen zu sein: Er erlebt den Reichtum der Natur und die Freundlichkeit der Menschen. Noch so kleine Ereignisse werden zu großen Erlebnissen: Wenn die Meise tagtäglich dem Einsiedler einen Besuch abstattet, das Eis Stück für Stück im Frühjahr taut, das Licht sich verändert.

Tesson, 1972 in Paris geboren, erhielt für dieses Werk den Prix Médicis, mit dem junge Autoren Frankreichs geehrt werden. In seinem neuesten Werk „Napoleon und Ich“ (Knaus Verlag) berichtet er von einer Motorrad-Tour auf den Rückzugsrouten von Napoleons großer Armee. Es scheint, das große Land im Osten lässt ihn nicht los. Seine Faszination für Russland überträgt sich auch auf den Leser. „In den Wäldern Sibiriens“ macht süchtig auf weitere Geschichten aus den tiefen Wäldern und von den großen Seen Sibiriens.

Der Band „In den Wäldern Sibiriens. Tagebuch aus der Einsamkeit“ von Sylvain Tesson erschien im Knaus Verlag und bereits als Taschenbuch im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer; 272 Seiten, 19,99 Euro