Sommer in der DDR – Jo McMillan „Paradise Ost“

„Das Paradies ist nicht gestrichen worden, es ist einfach auf die nächste Versammlung verschoben worden.“ 

Zwischen England und der DDR liegen ein Meer und knapp 1.000 Kilometer Luftlinie. Mehr als Jahrzehnte lang bestand zudem ein erheblicher politischer Unterschied. Auf der einen Seite gab es den kapitalistischen Westen, auf der anderen Seite den aus der Sowjetunion gesteuerte Versuch namens Sozialismus.  Die Kommunistin Eleanor Mitchell zieht es im Sommer 1978 in den Osten Deutschlands. Die Lehrerin soll während eines Sommer-Seminars angehende Englischlehrer unterrichten. Ihre 13-jährige Tochter Jess begleitet sie. Was sich zu Beginn noch wie ein spannendes Abenteuer anfühlt, wird nach weiteren Aufenthalten zu einer Bewährungsprobe in der Mutter-Tochter-Beziehung, denn Jess erfährt nach und nach die dramatischen Auswüchse der Diktatur hinter dem Eisernen Vorhang.

McMillan_Paradise Ost_Co_2.inddBücher über die DDR, die nach dem Fall der Mauer geschrieben wurden, gibt es mittlerweile reich an Zahl, und es wird und soll sie auch noch weiterhin geben. Denn ein umfassendes Bild eines Landes in einer besonderen Zeit als politischer Versuchsraum und letztlich als Regime, das die Freiheit des Menschen unterbinden wollte, ensteht nur mit Hilfe unterschiedlicher Ansichten. Speziell im Fall von Jo McMillan und ihrem Debüt-Roman „Paradise Ost“ ist es der interessante Blick von außen. Die Autorin verarbeitet darin eigene Erlebnisse. Wer ihre Website besucht, wird auf ein Bild stoßen, das sie und ihre Mutter 1978 vor der pädagogischen Hochschule „Karl Liebknecht“ in Potsdam zeigt. In der „halben Familie“ aus Mutter und Tochter – der Vater war an Krebs gestorben – spielt das politische Engagement für eine kommunistische Gruppe, allgemein die Politik im Alltag eine große Rolle. Die Zeitung „Morning Star“ wird im Einkaufszentrum von Tamworth verkauft, es werden Versammlungen besucht und am Wahlabend die Daumen für die Linken gedrückt. Nach dem ersten Besuch in der DDR schließt sich auch Jess einer Gruppe an. In ihrem Heimatort kämpfen sie gegen Windmühlen und werden als Außenseiter betrachtet. An einer Stelle bemerkt Jess, die als Erzählerin über das Geschehen berichtet: „Die in meiner Altersgruppe glaubten, das Klassensystem habe etwas mit der Schule zu tun und Lenin sei einer der Beatles.“  Die Schuldirektorin vergleicht den Kommunismus mit einer chronischen Krankheit.

Während der erste Teil des Buches von einem frischen und teils frechen Humor geprägt ist, wird mit fortlaufender Zeit – der  Roman reicht bis in das Jahr 1984 – die Stimmung ernster. Wer die Verhältnisse in der DDR kennt oder sich auch intensiv mit ihr beschäftigt hat, wird in vielen Szenen unterschwellig eine bedrohliche und beängstigende Atmosphäre spüren. Nicht das Alltagsleben in der „Zone“ steht im Mittelpunkt, sondern vielmehr der dunkle Schatten. Zwar wird die fehlende Reisefreiheit, die Mangelwirtschaft, beispielsweise die jahrelange Wartezeit auf ein Auto, und das verordnete Erinnern und Gedenken vor allem der Opfer des Zweiten Weltkrieges erwähnt und von Reisen in verschiedene Regionen wie Zwickau und Spreewald berichtet, doch der Fokus liegt vor allem auf der Unfreiheit des Einzelnen und der Bedrohung sowie Überwachung Andersdenkender und Nicht-Angepasster.  Oftmals lag die künftige Biografie eines Menschen vollständig in den Händen des Staates. Wer „gesellschaftlich“ nicht brauchbar war oder aufmüpfig wurde, wurde auf einen anderen Lebensweg geschickt. Das wird in der Person von Peter deutlich, einem Hochschullehrer, zu dem Jess‘ Mutter eine intime Beziehung aufbaut und der später  nach Laos „geschickt“ wird. Während sich Eleanor mit diesem Schicksal abfindet und später auch in die DDR übersiedelt, hinterfragt Jess das Geschehen und trifft sich mit Stefan, einem DDR-Diplomaten, der in der DDR-Botschaft in England tätig ist.  Die sehr enge Beziehung zwischen Mutter und Tochter und auch die enge Freundschaft mit Martina, Peters Tochter, die sich in der DDR eingesperrt fühlt, bekommen nach und nach Risse.

„Sie sagte, wahrscheinlich sei es gut, dass ich so viele Hoffnungen hatte. Aber besser wäre es, sie nicht allzu hoffnungsvoll zu betrachten. Dann gab sie mir Sprachunterricht über Verben und erklärte, wie ,können‘ zu ,sollen‘ wird, der Unterschied zwischen Hoffnung und Pflicht. Und aus ,sollen‘ wird schnell ,wollen‘, und das war wieder ein falscher Freund.“

Jo McMillan ist ein beeindruckendes Buch gelungen, das auf verschiedene Weisen gelesen werden kann – als ein Werk über eine besondere Mutter-Tochter-Beziehung, als Entwicklungsroman oder eben als DDR-Buch. Sein Humor ist dabei kein Verlachen der damaligen Verhältnisse, sondern eher Ausdruck des jugendlichen Temperaments der jungen Heldin, die vorurteilsfrei auf ihre Erlebnisse blickt. Der Autorin gelingt es eindrucksvoll, spannende Einblicke in das System und jene Zeit zu geben, in denen der Kalte Krieg für Unsicherheit bei den Menschen gesorgt hat und von der Idee des Sozialismus überzeugte Anhänger von der Realität schlichtweg enttäuscht waren. Am Ende des Buches hätte ich mir als Epilog ein Wiedersehen  zwischen Jess und Martina nach dem Fall der Mauer gewünscht und/oder ein allgemeinen literarischen Blick auf das Ende der DDR. Für jene, die die DDR nicht kennen, wäre zudem ein kleines Glossar praktisch, um Begriffe oder Namen zu erklären.  Doch dies schmälert nicht den Wert dieses Romans, der mich persönlich als „Kind der DDR“ überzeugt und sehr berührt hat.

Wem dieser Blick von außen in das System der DDR interessiert, dem sei an dieser Stelle ein anderer Roman ans Herz gelegt. 2009 erschien mit „Zwölf Jahre. Eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland“ (Hanser, als Taschenbuch im Fischer-Verlag erschienen) der literarische Bericht von Joel Agee. Der Amerikaner kam wenige Jahre nach Kriegsende als Kind mit seiner Mutter, die nach der Scheidung von Joels Vater James den deutschen Emigranten und Schriftsteller Bodo Uhse (1904 – 1963) geheiratet hat, nach Ostberlin.  Während Agee 1960 wieder in sein Heimatland zurückkehrt war, lebt McMillan als promovierte Anthropologin nach Aufenthalten in China und Malaysia aktuell  in Berlin – der einst geteilten Stadt.

Der Roman „Paradise Ost“ von Jo McMillan erschien im Ullstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Höbel; 352 Seiten, 20 Euro

 

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