Geschärfte Sinne – Andreas Pflüger „Endgültig“

„Jeder hat sein Leben, hält es fest, nimmt es für selbstverständlich. Die Wenigsten wissen, dass es das nicht ist.“

Als ein Einsatz verheerend endet, ahnt sie nicht, dass dies erst der Beginn eines Kampfes auf Leben und Tod ist. Der Fall rund um ein gestohlenes Gemälde von Marc Chagall führt Jenny Aaron und Niko Kvist, zwei verdeckte Ermittler einer deutschen Polizei-Eliteeinheit, nach Barcelona. Während der vereinbarten Übergabe werden beide lebensbedrohlich verletzt. Seitdem hat Aaron ihr Augenlicht verloren. Trotzdem bleibt sie der Polizei als Vernehmungsspezialistin erhalten und gerät fünf Jahre nach dem Fiasko in der katalanischen Metropole erneut in einen gefährlichen Strudel der Gewalt. 

Pflüger

Denn die Vergangenheit meldet sich zurück, als in der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel eine Psychologin brutal ermordet wird. Der Verdächtige: Reinhold Boenisch, ein alter Bekannter, den Aaron vor Jahren wegen mehrfachen Mordes hinter Gittern gebracht hat. Doch sie glaubt nicht an die Schuld des Inhaftierten. Vielmehr kommt die Polizistin, die für die aktuellen Ermittlungen in die Hauptstadt gerufen wurde, einem weiteren ihr bekannten JVA-Insassen auf die Spur – den Bruder jenes Mannes, der sie einst in Barcelona angeschossen hatte. Der Roman „Endgültig“ von Andreas Pflüger, der zu den bekanntesten Drehbuchautoren Deutschlands zählt und auch zahlreiche „Tatort“-Vorlage verfasst hat, gewinnt deutlich an Tempo, als Holm ein Bus mit dänischen Schülern in seine Gewalt bringt, um die Freilassung seines Bruders zu erpressen. Von da an überschlagen sich die Ereignisse, obwohl schon zuvor das Geschehen einem Meisterwerk an Spannung würdig ist. Denn Pflüger hat mit Aaron wohl eine der charismatischsten Heldinnen der jüngsten Krimi-Literatur erschaffen. Vor allem Fans von Lisbeth Salander aus der legendären Stieg-Larsson-Trilogie  werden begeistert sein und womöglich auch Vergleiche anstellen.

Während Salander für ihre besonderen Hacker-Fähigkeiten und ihr fotografisches Gedächtnis bekannt ist, kann Aaron, die schon früh Karriere bei der Polizei gemacht hat, geschärfte Sinne, herausragende Kampfsporterfahrung und eine ungeheure Selbstdisziplin vorweisen. Obwohl sie erblindet ist, findet sie sich in der Welt weitestgehend ohne Hilfe zurecht. Sie arbeitet weiterhin als Polizistin für das Bundeskriminalamt in Wiesbaden und wird im Laufe der Handlung zu einer würdigen Gegnerin der Holm-Brüder. Gemeinsam mit ihrem Vater, eine GSG-9-Legende, hatte sie nach ihrer Erblindung ein hartes Training auf sich genommen, um sich in der Welt der Sehenden zu behaupten, um sich unter anderem mit Hilfe der Echo-Ortung in Räumen zu orientieren. Sie verschafft sich trotz ihrer Behinderung großen Respekt bei ihren einstigen Kollegen der Eliteeinheit, allen voran von Pavlik und der Chefin Demirci, einer nicht minder markanten Frau mit türkischen Wurzeln. Zu Pavlik und dessen Frau hat die junge Vernehmungsexpertin ein besonders inniges Verhältnis. Das Paar mit seinen Kindern ist für Aaron wie eine Familie. Um diese besondere Heldin und das Thema Blindheit so detailliert und fachlich sicher zu beschreiben, hat Pflüger aufwendige Recherche betrieben. So kam er unter anderem mit vier blinden Frauen ins Gespräch. Diese intensive Beschäftigung mit den Erfahrungen und Fähigkeiten dieser Betroffenen gibt diesem Buch eine ganz spezielle Tiefe und Ernsthaftigkeit.

„Im Zen heißt es, dass man die Zeichen für Leben und Tod stets vor Augen haben muss, das letztere soll man sich sogar auf die Stirn malen. Nur dann besitzt man die Energie, bis zum Ende kämpfen.“

Dabei gibt es noch zwei weitere nicht minder spannende Themen, die der gebürtige Thüringer und heute in Berlin lebende Autor in seinem Werk beschreibt. Aaron hat sich in ihrer Beschäftigung mit dem asiatischen Kampfsport intensiv mit den Regeln der Samurai-Krieger und ihrer Haltung zum Leben und zum Tod beschäftigt. An vielen Stellen gibt der Roman Einblicke in diese Denkweisen. Dem nahezu gegenüber stehen interessante Fakten rund um Waffenkunde und die Welt der Scharfschützen.

Zu diesen zahlreichen Informationen und einem rasanten Erzähltempo durch schnelle Schnitte und aneinandergereihte Bilder zeichnet Pflügers Werk vor allem die Ausgestaltung seiner Hauptfiguren aus, ihres Wesen und ihrer Vorgeschichte aus. Dies wird mit zahlreichen Rückblenden realisiert, die Szenen aus Glück und voller Dramatik verbinden, die auch sehr ergreifend sind. An einer Stelle bemerkt Holm nahezu als Leitmotiv dazu: „Kein Schmerz ist größer, als sich der Zeit des Glückes zu erinnern, wenn man im Elend ist.“ Erst sehr spät kommt ans Licht, weshalb Holm Aaron systematisch verfolgt, später auch als Geisel nimmt und gefangen hält. Ein gewaltreiches Katz-und-Maus-Spiel, in dem auch Aarons ehemaliger Geliebter Kvist eine wesentliche Rolle spielt. So wie „Endgültig“ viele psychologische Komponente besitzt, so beschreibt der Roman zudem Gewalt in ihren zahlreichen Facetten. Für die Lektüre dieses Buches sollte der Leser schon thrillertauglich sein und einiges an Kaltblütigkeit, Blut und Opfern aushalten können.

Pflüger hat mit seinem neuesten Werk unvergessliche Helden und eine eingeschworene Truppe zum Leben erweckt und eine literarische Schussfahrt geschrieben, bei der man Zeit und Raum vergisst. „Endgültig“ besitzt hochgradiges Suchtpotenzial. Ein Nachfolger ist ein Muss. Aber in der Danksagung des Autors zum Abschluss des Buches, das mit einer besonderen Optik aus gelbem Schnitt und Braille-Schrift auf dem Cover auf sich aufmerksam macht, wird Aaron-Fans schon einmal Hoffnung gemacht. Wie fein!

Der Roman „Endgültig“ von Andreas Pflüger erschien im Suhrkamp Verlag; 459 Seiten, 19,95 Euro