Jesmyn Ward „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

„Hier ist von Glück keine Spur.“

Ein Blick auf die Liste der Gewinner des National Book Awards macht eines deutlich: Es gibt nicht viele Schriftsteller, die diese neben dem Pulitzerpreis renommierteste literarische Auszeichnung in den USA gleich mehrfach erhalten haben. Dazu zählen Autoren mit Rang und Namen wie William Faulkner, Philip Roth, John Updike oder Saul Bellow, deren Werke heute zu den Klassikern der amerikanischen Literatur zählen. Doch nur eine Frau ist dies ebenfalls gelungen: Jesmyn Ward. Nach ihrem Roman „Vor dem Sturm“ (Verlag Antje Kunstmann)  bekam sie für ihr aktuelles Werk „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ erneut den Award. Und das zu Recht.

Tod – ein stetiger Begleiter

Es ist eine gefühlt ländliche Szene, mit der der Roman beginnt. Der 13-jährige Jojo wird Zeuge, wie sein Großvater Pop eine Ziege schlachtet, wie ein noch wenige Minuten zuvor lebendiges Lebewesen den Tod findet. Es wird auf den kommenden Seiten für ihn nicht die einzige Begegnung mit diesem düsteren und oftmals mystischen, aber immer unabwendbaren Ereignis bleiben. Jojos Großmutter ist schwer an Krebs erkrankt und bettlägerig. Nach den zahlreichen Chemos schwinden ihre Kräfte von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Seine Großeltern sind die wichtigsten Bezugspunkte des Jungen, denn seine Eltern haben die Nähe und die emotionale Bindung zu ihren beiden Kindern, Jojo und dessen jüngere Schwester Kayla, schon längst verloren. Mutter Leonie, eine Farbige, „zieht“ mit ihrer Freundin Misty regelmäßig Koks, Vater Michael, ein Weißer, sitzt im Gefängnis ein. Armut herrscht in der an der Golfküste des Mississippi ansässigen Familie. Jojo besitzt nur ein Paar Schuhe und muss auf dem Boden des Hauses schlafen, in dem drei Generationen zusammenwohnen. Als Michael aus der Haft entlassen wird, macht sich Leonie mit ihren beiden Kindern sowie Freundin Misty auf den Weg, um ihren Mann abzuholen. Nebenbei dient die Reise dazu, Drogen an den Mann zu bringen.

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Die Tour wird indes alles andere als eine unbeschwerte Fahrt ins Blaue. Die kleine Kayla leidet unter schwerer Übelkeit, die die Mutter mit einer zusammengeklaubten Mischung aus Kräutern in den Griff bekommen will. Eine der „Höhepunkte“ der Reise ist die Begegnung mit der Polizei: Während Leonie ein Päckchen mit Crystal schluckt, wird Jojo von dem Beamten mit vorgehaltener Waffe drangsaliert. Der Alltagsrassismus. die Gewalt und Unterdrückung der Farbigen zeigt sich mehr denn je sowohl in dieser Szene als auch im Mord von Leonies Bruder Given Jahre zuvor, von der im Rückblick erzählt wird. Ein Verlust, der nicht nur Schmerzen verursacht und Wunden hinterlassen hat, sondern auch die Familie spaltet. Denn der Täter stammt aus Michaels Familie, die – allen voran dessen Vater Big Joseph – jene Bindung zwischen ihm und der Farbigen nicht tolerieren.

„Weil wir nicht auf geraden Wegen gehn. Alles passiert gleichzeitig. Alles. Wir sind alle gleichzeitig hier. Meine Mama und Daddy und ihre Mamas und Daddys.“

In diesem düsteren wie ergreifenden Familienporträt flicht die Autorin noch eine übernatürliche Komponente ein: Sowohl Leonie als auch ihr Sohn können die Toten sehen – Given sowie Richie. Letzterer ein Junge, den Pop im Arbeitslager Parchman, wo Jahrzehnte später auch Michael inhaftiert ist, kennengelernt hat. Beide verbindet ein dunkles Geheimnis und eine Schuld, die Jojo schließlich im Gespräch mit seinem Großvater erfahren soll. Der 13-Jährige und seine Mutter stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Beide wirken neben Richie als Erzähler in diesem vielstimmigen Roman, in dem auch die eigenwillige Sprache der einfachen Bevölkerung der Südstaaten auch in der deutschen Übersetzung zum Ausdruck kommt. Zudem zeigen Mutter und Sohn die beiden Gesichter der Familie: Leonie ist hilf- und verantwortungslos, völlig überfordert mit der schweren Krankheit ihrer Mutter und der Erziehung ihrer Kinder, die sie ab und an mit Schlägen traktiert. Jojo ist hingegen ein Held, der im Leser Spuren hinterlässt, und ein Beschützer, der die Rollen von Mutter und Vater zugleich ausfüllt – trotz seines jungen Alters. Wie sich seine zehn Jahre jüngere Schwester an ihn drängt, bei ihm die Nähe sucht, um Schutz und Wärme zu finden, ist ungemein berührend. So wie die Ereignisse und die verheerende Situation der Familie den Leser durchschütteln, möchte dieser wohl Leonies Mutter gleich mehrfach kräftig rütteln, um sie zur Besinnung zu bringen.

Am Ende des traurig-schönen wie düster-poetischen Romans erscheint erneut der Tod, wird der Titel des Buches auch erklärt, kulminiert das Übersinnliche zu einer schaurigen und spirituellen Szene. Doch das Ende kann auch ein Neuanfang, die Hoffnung auf positive Veränderungen, bedeuten. Wenngleich dieses Buch auch davon erzählt, dass Gewalt und Hass sich stets wiederholen.


Jesmyn Ward: „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Becker; 304 Seiten, 22 Euro

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