Kunst des Lebens – Anne Reinecke „Leinsee“

„Es dauerte noch zweieinhalb Jahre, bis sie sich zum ersten Mal küssten.“

Das Erwachsensein ist schon ein recht merkwürdiger Zustand, er schwebt gefühlt zwischen den Zeiten, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Während wir für die Zukunft hoffen, bangen, träumen, was kommen wird, gilt die Rückschau der Kindheit und Jugend, den Erinnerungen – an witzige und fiese Schulstreiche, untrennbare Freundschaften, den ersten Kuss und doofen wie tollen Lehrern. Und eben auch den Eltern, die uns prägen – über Kindheit und Jugend hinaus, auch ganz unbewusst, ob wir es wollen oder nicht. Über die Verbindung von Eltern und Kind und über noch viel mehr erzählt die Berlinerin Anne Reinecke in ihrem Debüt „Leinsee“. 

Der vielschichtige Roman ähnelt in vielerlei Hinsicht und symbolisch einer Farbpalette. Nicht nur geht es in diesem Buch um Kunst, die schräge  Kunstszene und die Kunstschaffenden, steht zudem über jedem Kapitel der Name einer Farbe, ob mit viel Fantasie kreiert oder real, auf die schließlich auch im Text verwiesen wird. Jeder Leser wird in irgendeiner Weise auch ein Lebensthema finden, das ihn anspricht, berührt, zum Nachdenken anregt, obwohl der Roman mit seinen rund 360 Seiten nun nicht wirklich zu den Wälzern gezählt werden dürfte.

Im Mittelpunkt steht Karl, ein erfolgreicher Künstler, mit gerade mal 26 Jahren, der sich wie seine Eltern mit eigenwilligen Kunstwerken einen Namen gemacht hat. Er hat sich einen anderen Familiennamen gegeben, denn er will nicht in Verbindung gebracht werden mit seinen Eltern, die er sogar vor seiner Freundin Mara, einer erfolgreichen Theaterregisseurin, verschweigt: Er ist der Sohn von Ada und August Stiegenhauer, dem Glamour-Paar der deutschen Kunstszene schlechthin, das stets und ständig in der Öffentlichkeit steht und darüber hinaus regelmäßig die Schlagzeilen und Klatschspalten füllt. Dass im Jetset-Kreis die Verbindung zwischen Eltern und Kind wie überall auch nicht immer frei von Spannungen ist, beweisen auch die Stiegenhauers, die ihren Sohn im Alter von gerade mal zehn Jahren ins Internat abschieben. Eine Entscheidung, unter der letztlich die Beziehung leidet, wenn denn von einer Beziehung überhaupt gesprochen werden kann. Denn Wärme und Zuneigung sowie ein aufrichtiges Interesse an der Entwicklung des Jungen legt weder die Mutter noch der Vater an den Tag.

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Als der Vater stirbt, die Mutter nach einem Gehirn-Tumor zum Pflegefall wird, taut das Eis ein wenig auf.  Doch um den Schmerz zu kaschieren und Wunden zu heilen, ist es zu spät. Trotzdem zieht es Karl nach Leinsee, dem Lebens- und Schaffensort der Eltern, idyllisch gelegen, an dem er nicht nur wieder die Nähe zu seiner todkranken Mutter sucht. Er macht die Bekanntschaft mit einer besonderen Person, einem Kind, um genau zu sein. Tanja, acht Jahre alt, die sich nicht scheut, das großflächige Grundstück der Familie klammheimlich und rotzfrech durch die Hecke kriechend zu erobern, um dann und wann den stattlichen Kirschbaum zu erklimmen oder die Steinplatten nach eigenem Wunsch zu verlegen. Karl ist fasziniert von dem wunderlichen Mädchen, das ihm erstaunliche Geschenke macht, wofür er sich wiederum erkenntlich zeigt  – mit kleinen Gaben, die er in den Kirschbaum hängt, oder mit einem hübsch ausgestatteten Bootshaus. Wenn Tanja nicht da ist, er sie während seiner Spaziergänge durch die gleichnamige Stadt nicht sieht, empfindet er Sehnsucht nach ihr. Seine Gedanken drehen sich nur noch um sie, während er beginnt, sich aus seinem alten Leben zu verabschieden, gewohnte Pfade zu verlassen und sich von vertrauten Menschen zu entfernen.

„Wenn du etwas noch nie gemacht hast, kannst du ja gar nicht wissen, ob du es wirklich nicht kannst.“

„Leinsee“ ist ein Buch der Überraschungen, der Wendungen, die man vielleicht ahnt, aber nicht auszusprechen wagt und die an dieser Stelle nicht verraten werden sollen. Nur vielleicht soviel: Es geht auch um die Liebe und dass Liebe eben auch Zeit braucht, selbst wenn oder vielmehr weil man nur ein Leben hat. Die Handlung konzentriert sich auf Karl, er steht im Mittelpunkt, die weiteren Figuren drehen sich um ihn, in einer mal näheren mal entfernteren Umlaufbahn, ihr Hintergrund wird oftmals nur skizzenhaft angerissen. Diese Verbindungen, die stark sind und sich trotzdem lösen, oder im Laufe des Geschehens an Intensität gewinnen, spielen eine wesentliche Rolle. 

Was einen ebenfalls so überaus erstaunen kann, gerade weil es sich um ein Debüt handelt, ist dieses muntere, frische gar freche Erzählen, ein Strom, der gefangen nimmt und auch nach der Lektüre nicht loslassen will; sei es durch die enge Bindung, die sich zwischen Held und Leser aufbaut, sei es durch die sowohl witzigen als auch berührenden Szenen und Bildern, mit denen dieser wunderbare Roman über die große Liebe, das Glück, seinem Leben eine Wendung zu geben, und über ein zweites Erwachsenwerden an vielen Stellen aufwartet. Und das ist hoffentlich nur der Anfang für weitere Herzensbücher.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „leseschatz“ und „buchsichten“.


Anne Reinecke: „Leinsee“, erschienen im Diogenes Verlag; 368 Seiten, 24 Euro

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