Mensch sein – Romain Gary „Du hast das Leben vor dir“

„Wenn man sich um Kinder kümmert, muss man sich viele Sorgen machen, Doktor, sonst werdens Ganoven.“

Es gibt Bücher, da kann man Rotz und Wasser heulen, andere bringen einen mit ihrer heiteren Art zum Schmunzeln, ja zum Lachen. Der Roman des Franzosen Romain Gary (1914 – 1980) „Du hast das Leben vor Dir“ vermag beides. Melancholie und Trauer sowie ein provokanter wie rotzfrecher Humor bilden eine eng verschmolzene Einheit und fließen in einer Geschichte mit unvergesslichen Charakteren zusammen, die Vorbild sein können in einer Zeit des wachsenden Hasses, der Vorurteile und des Rassismus. 1975 veröffentlicht, zählt der Roman mittlerweile zu den neueren Klassikern der französischen Literatur und erschien nun in einer Neuübersetzung, die es wert ist, das Buch neu oder auch wieder zu entdecken.

Belleville – das Viertel der Einwanderer

Mohammed, kurz Momo genannt, und Madame Rosa sind unzertrennlich, und Madame Rosa für Momo mehr als nur eine jüdische Dame, die die Treppe zu ihrer Mietwohnung wegen ihres Alters und Gewichtes kaum noch bewältigt. Sie ist die Ziehmutter des Araberjungen, der von seinen leiblichen Eltern nahezu nichts weiß. Neben Momo kümmert sie sich noch um weitere Kinder, deren Mütter meist Prostituierte und die Väter unbekannt sind. Die Jüdin ist oftmals die letzte Hoffnung für die Frauen, die nicht wollen, dass ihr Kind aufgrund ihrer kriminellen Tätigkeit in die Obhut des Jugendamtes kommt. In Madame Rosas Wohnung im Pariser Stadtteil Belleville, noch heute ein Viertel der Einwanderer und im Übrigen Geburtsort der berühmten Édith Piaf, herrscht ein Kommen und ein Gehen und eine Mischung zahlreicher Hautfarben und Religionen, da die Kinder verschiedenster Herkunft sind, aus Afrika oder Asien stammen. Moses ist Jude, Banania ein stets lachendes afrikanisches Kind., Michel hat vietnamesische Eltern.  Und ja, ab und zu befindet sich auch ein „richtiger“ Franzose darunter. Dabei war Madame Rosa einst selbst anschaffen gegangen, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg deportiert, nach Auschwitz gekommen war und das Vernichtungslager überlebt hatte.

btr

Momo kennt das tragische Schicksal seiner Ziehmutter, der er sehr zugeneigt ist. Auch Monsieur Hamil, Teppichhändler und ein großer Fan des Schriftstellers Victor Hugo, ist ein Vertrauter, mit dem er vor allem über die Liebe plaudert. Die Praxis von Doktor Katz ist hingegen ein Rückzugsort, Madame Lola, Transvestit und ein einstiger Boxer aus dem Senegal, eine sehr gute Freundin, die hilft, wenn Hilfe gebraucht wird. Auch ein Polizist hält schützend die Hand über die Ziehmutter und ihre Kinder. Der Roman versammelt ungewöhnliche und schillernde Protagonisten, die vom Leben gezeichnet sind, aber trotzdem ihre Herzlichkeit und Menschlichkeit bewahrt haben. Doch die Tage dieses behaglichen und sicheren Nestes für Momo sind nahezu gezählt: Denn die ältere Dame, die sich sehr stark schminkt und für einen Zuhälter Briefe in die Heimat schreibt, wird immer kränker und verlässt mehr und mehr in Gedanken die reale Welt. Ihr Lebensende naht.

„Ich bin noch eine ganze Weile dageblieben und hab die Zeit verrieseln lassen, die immer so langsam unterwegs ist und sicher nicht aus Frankreich kommt. Monsieur Hamil sagte mir oft, die Zeit kommt langsam aus der Wüste mit ihren Kamelkarawanen und hats nicht eilig, weil sie die Ewigkeit im Gepäck hat.“

Neben dieser großen Tragik dieser Geschichte, die sich damit auch den Themen Altern, Sterben mit Würde sowie Abschied und Tod auf ergreifende Art und Weise stellt, gibt es vor allem auch die kleinen schrecklichen Ereignisse, die der Leser erfährt: Momo geht auf Diebestouren, mit einem Regenschirm, den er Arthur nennt, verdient er auf der Straße Geld. Und das alles erhält noch einen weiteren Anstrich von Wehmut, wenn man weiß, dass der Erzähler kein Geringerer als Momo selbst ist. Dieser Roman würde wohl nicht diese besondere Ausstrahlung und Anziehungskraft haben, wenn ein Erwachsener das Geschehen schildert. So ist es Momo, der berichtet – aus seiner kindlichen Perspektive heraus, die aufgrund seiner bereits gesammelten Lebenserfahrungen auch eine gewisse Weisheit offenbart, die einen verblüfft. Hinzu kommt ein schnoddriger, allerdings nie respektlos erscheinender Ton, der sich auch in der Sprache niederschlägt und in dieser Neuübersetzung von Christoph Roeber besonders lebendig und authentisch wirkt.

Unter Pseudonym geschrieben

Gary, 1914 in Russland geboren und im Zweiten Weltkrieg als Pilot im Einsatz, hat seinen Roman unter dem Pseudonym Émile Ajar geschrieben und damit einen Skandal ausgelöst: Denn für dieses Werk erhielt er ein zweites Mal den renommierten Prix de Goncourt, den ein Schriftsteller nur einmal erhalten kann. Bereits 1956 wurde Gary für „Les racines du ciel“ („Die Wurzeln des Himmels“) geehrt. Erst nach seinem Tod wurde bekannt, dass Ajar sein Pseudonym war, allerdings nur eines von vielen.  Sein Tod offenbart auch die Tragik im Leben des Schriftstellers, der am 2. Dezember 1980 freiwillig aus dem Leben geschieden war; ein Jahr nachdem seine ehemalige Frau, die amerikanische Schauspielerin Jean Seberg, leblos in einem Auto aufgefunden wurde. Die Todesumstände sind bis heute nicht geklärt. Neben seinen vielfältigen Werken, darunter Erzählungen und Theaterstücke, aber auch Filmen, ist der berührende und  herzerwärmende weil zutiefst menschliche Roman „Du hast das Leben vor dir“ noch immer und weiterhin ein Vermächtnis,  das davon erzählt, dass das Zusammenleben von Menschen verschiedener Hautfarben, Religionen und Identitäten sowie Toleranz und Güte keine Utopie sind. Und darin liegt gerade in der heutigen Zeit sehr viel Hoffnung.


Romain Gary: „Du hast das Leben vor dir“, erschienen in der Edition Blau im Rotpunktverlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Christoph Roeber; 248 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay