Romain Gary „Die Jagd nach dem Blau“

„Im Leben bleiben die Dinge selten heil.“

Sie tragen große Namen: DON QUICHOTE und MONTAIGNE. Manche heißen auch „nur“ WELTFRIEDEN und DICKERCHEN. Über die Grenzen seines Dorfes in der Normandie hinaus ist Ambroise Fleury, ein einfacher Landbriefträger, bekannt für seine selbst gebauten prächtigen Papier-Drachen. Für ihn wird sogar später ein Museum eingerichtet, das von seiner besonderen Leidenschaft erzählt. Über sein Leben berichtet auch sein Neffe Ludo. Im Roman „Die Jagd nach dem Blau“, dem letzten Buch des französischen Schriftstellers Romain Gary (1914 – 1980), ist er Ich-Erzähler und zugleich Held einer berührenden Geschichte über Geradlinigkeit, Hoffnung und eine große Liebe in einer düsteren Zeit.

Faszination für Papier-Drachen

Vor einiger Zeit las ich mit sehr viel Begeisterung Garys Roman „Du hast das Leben vor Dir“, mit dem der Franzose 1975 einen Skandal ausgelöst hat. Denn unter dem Pseudonym Émile Ajar verfasst, erhielt sein Schöpfer ein zweites Mal den renommierten Prix de Goncourt, den ein Autor nur einmal erhalten kann. Bereits 1956 wurde der namhafte Schriftsteller für „Les racines du ciel“ („Die Wurzeln des Himmels“) geehrt. „Die Jagd nach dem Blau“ ist sein letzter zu Lebzeiten erschienener Roman, der den Leser in die 30er- und 40er-Jahre und damit in die Vorkriegszeit und die späteren Jahre deutscher Besatzung nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führt. Ludo wächst bei seinem Onkel auf, seine Eltern sind bereits verstorben. Von klein auf lebt er mit seinem Vormund die Faszination für die Papier-Drachen. Zudem vereinen Onkel und Neffe noch eine weitere familieneigene Besonderheit: Sie leiden unter „Gedächtnisüberschuss“, alles Vergangene oder auch Zahlen können sie sich besonders gut merken. 

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Diese Eigenschaft ist für Ludo die letzte Verbindung zu seiner großen Liebe Lila, einer jungen Polin, die mit ihrer Familie – der Vater ist glückloser Spekulant, die Mutter eine Schauspielerin – in der Nähe des Dorfes einen Sommerdomizil besitzen. Schon seit der Kindheit sind Ludo und Lila untrennbar, selbst über Jahre hinweg. Als der Krieg ausbricht, Ludo nach einem längeren Aufenthalt in Polen nach Frankreich zurückkehrt, muss er Lila zurücklassen, trennen sich ihre Wege erneut. Ihr Cousin Hans, der ebenfalls in Lila verliebt ist und somit zu einem Rivalen Ludos wird, dient als Offizier in der Wehrmacht. Ludo, der kriegsuntauglich erklärt und als geistig gestört angesehen wird, hat sich indes der Résistance angeschlossen. Dank seines brillanten Gedächtnisses nimmt er eine besondere Rolle ein. Die Widerstandsgruppe  gibt kriegsentscheidende Informationen an die Alliierten weiter, rettet abgestürzte Piloten und bringt sie über die Grenze nach Spanien und ist auch im Waffenschmuggel recht aktiv.

„Es schmerzt zu sehen, wie unser JEAN-JAQUES ROSSEAU oder unser MONTAIGNE sich zu ebener Erde entlangschleppen; es ist hart, sie kriechen zu sehen. Eines  Tages werden sie wieder frei und ungehindert hoch in den Himmel steigen und zur Jagd nach dem Blau aufbrechen dürfen. Sie werden uns dann wieder Selbstvertrauen geben können und uns auf Neue irreführen dürfen.“

Dabei entwirft Gary keine schablonenhaften Schwarz-Weiß-Figuren, unterscheidet nicht zwischen den guten Franzosen und den bösen Nazis. So empfängt der Chef des Gourmet-Lokals „Clos Joli“, Marcelline Duprat, trotz der heftigen Kritik aus dem Dorf tagtäglich Wehrmachtsoffiziere in seiner im Umkreis berühmten Gaststube und gibt einem General sogar Kochunterricht; eine im Übrigen ganz besondere Szene. Allerdings sieht er sich damit als Verteidiger der französischen Küche und meint, so den Ruf des Landes hochhalten zu können. Madame Julie, eine einstige Puffmutter, die Ludo einst in Paris kennengelernt hat, wird ebenfalls eine wichtige Rolle einnehmen. Sie erinnert sehr an die Figur der Madame Rosa im Roman „Du hast das Leben vor dir“, jener Jüdin, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat und ebenfalls als Prostituierte tätig war. Gary scheint eine Vorliebe für all jene Menschen besessen haben, die nicht zur guten Gesellschaft gehören und aus eher einfachen Verhältnissen, wie Ludo und sein Onkel, stammen.

Über Hoffnung und Menschlichkeit

Sie haben zwar kein Geld, kein Vermögen aber sie haben vor allem Herz und Leidenschaft, das ihr Handeln stets begleitet und prägt. Ludo bleibt trotz stetiger Zweifel Lila treu, Ambroise, sein ganzes Leben lang Pazifist, hat seine ganz eigene Art, sich gegen die Besatzer zu stellen. Immer wieder sind beide der Gefahr ausgesetzt, verhaftet oder getötet zu werden. Viele ihrer Gefährten, sogar junge Menschen, ereilt dieses traurige Schicksal. Auch Ambroise wird eines Tages verhaftet und deportiert. Doch zwischen den schrecklichen Ereignissen und der Düsternis jener Zeit, die bei allen für seelische Schäden sorgen, lässt Gary immer wieder Humor und eine unbändige Kraft aufleuchten. Manchmal nimmt er seine eigenen Landsleute aufs Korn, ohne indes sie verlachen zu wollen.

Dabei war sein eigenes Leben nicht minder von Katastrophen beherrscht: Gary, 1914 als Roman Kacew in Russland geboren, kam als Jugendlicher nach Frankreich. Er diente im Zweiten Weltkrieg als Pilot in der französischen Luftwaffe. Am 2. Dezember 1980 schied er freiwillig aus dem Leben; ein Jahr nachdem seine ehemalige Frau, die amerikanische Schauspielerin Jean Seberg, leblos in einem Auto aufgefunden wurde. Die Todesumstände sind bis heute nicht geklärt. Er hinterlässt ein vielfältiges und preisgekröntes Werk, das Erzählungen, Theaterstücke und Romane, aber auch Filme umfasst. Dieser letzte Roman aus seiner Feder verzaubert und berührt – mit seinen unvergesslichen Helden, seiner Weisheit und seiner wichtigen Botschaft über die Bedeutung von Menschlichkeit, Haltung, Hoffnung und der Jagd nach dem Blau. Ein Buch, das kräftig nachhallt und sich einschreibt in Herz und Kopf.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Bücherkaffee“.


Romain Gary: „Die Jagd nach dem Blau“, erschienen im Rotpunktverlag (Edition Blau), aus dem Französischen von Jeanne Pachnicke; 376 Seiten, 24 Euro

Bild von Laura Hickman auf Pixabay

 

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