Hanne Ørstavik „So wahr wie ich wirklich bin“

„Woher kommt es, woher kommen die Dinge, die man tut.“

Manche Autoren sind in ihren Heimatländern hochangesehen und werden mit bedeutenden Preisen gewürdigt. In anderen Ländern erscheinen ihre Werke – wenn überhaupt – nur sporadisch in der jeweiligen Übersetzung, es sei denn, sie sind auch dort Bestseller. Hanne Ørstavik, 1969 in der Finnmark geboren, gehört in Norwegen zu den bedeutenden Autorinnen. 2004 erhielt sie den renommierten Brageprisen, drei Jahre später den Preis des großen norwegischen Verlages Aschehoug. Nach ihrem Roman „Liebe“ veröffentlichte der Karl Rauch Verlag, der vor allem für die Herausgabe des Klassikers „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry bekannt ist, nun mit „So wahr wie ich wirklich bin“ einen zweiten Roman der Skandinavierin, die es auch hierzulande endlich zu entdecken gilt.

Die Tür ist verschlossen

Stellt die Norwegerin in „Liebe“ eine Beziehung zwischen Mutter und Sohn in das Zentrum des Geschehens, sind es Mutter und Tochter über die in „So wahr wie ich wirklich bin“ berichtet wird. Johanne studiert in Oslo Psychologie. Sie lebt bei ihrer Mutter, die im Kulturministerium arbeitet und ausgebildete Lehrerin ist. Eines Tages lernt die junge und sehr religiöse Frau in der Mensa der Universität Ivar kennen. Beide werden ein Paar, planen gemeinsam für einige Wochen in die USA zu reisen. Doch am Tag der Abreise, an dem sich Johanne und Ivar auf dem Flughafen verabredet haben, ist die Tür von Johannes Zimmer verschlossen. Sie kann nicht raus, ist eingesperrt.

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Der Auftakt des schmalen Romans erinnert ein wenig an ein berühmtes Buch Franz Kafkas. Eine plötzliche und bizarre Veränderung entgegen der Erwartung des Protagonisten bildet den Einstieg. Das ist in „Die Verwandlung“ so, als Gregor Samsa nicht als Mann, sondern als Käfer erwacht, das ist auch in dem Roman der Norwegerin der Fall. Johanne ist eingeschlossen, sie kann am frühen Morgen nach dem Erwachen nicht aus dem Zimmer. In ihrem Bewusstsein vermischen sich Gedanken und Erinnerungen mit Vorstellungen, wie es dazu kommen konnte. Vor ihrem geistigen Auge auch immer: Ivar, ihre ersten und weiteren Begegnungen sowie die wachsenden Gefühle zu dem Musiker, der in der Mensa jobbt. Zudem werden teils furchterregende und alptraumhafte Gewaltszenen als kurze Sequenzen beschrieben, gibt es des Weiteren Einblicke in Bereiche der Psychologie, mit denen sich Johanne während ihres Studiums beschäftigt. Das Innerste wird nach außen gekehrt.

„Wenn etwas davongeweht werden kann, innerhalb so kurzer Zeit verschwinden kann, war es dann nicht einfach nichts? Kann ich das, was war, an dem messen, was jetzt ist? Was ist jetzt? Warum erinnere ich mich am deutlichsten an ganz banale Dinge (…).“

Es ist erstaunlich, wie es Ørstavik vermag, diese unterschiedlichen Gedanken zu verdichten und viele Themen anzusprechen, obwohl der Umfang des Buches sehr gering ist. Diese zeitlichen und thematischen Ebenen gehen nahtlos über und erinnern an die Überblend-Effekte im Film. Trotz dieser intensiven und oft auch intimen Einblicke in das Seelenleben der Frau und ihre Verbindung zu anderen Menschen – zu ihrer Mutter, zu Ivar und ihrer Freundin, der Theologiestudentin Karin – lässt die Autorin einige Fragen offen. Was ist mit dem Vater der jungen Frau? Erzählt wird nur von einer Verbindung der Mutter zu einem verheirateten Mann, Mutter und Tochter leben allein in einer sehr engen Wohnung. Was hat es auf sich mit den erdrückenden Gewaltszenen? Die Mutter warnt ihre Tochter vor der Falschheit der Männer. Es liegt am Leser selbst, Antworten zu finden oder diese Lücken auch einfach leer zu lassen.

Band einer thematischen Trilogie

„So sehr wie ich wirklich bin“, bereits 1999 mit dem Originaltitel „Like sant som jeg er virkelig“ in Norwegen erschienen, ist der zweite Band einer thematischen Trilogie. Den Auftakt bildet der Band „Liebe“ („Kjærlighet“, 1997), der letzte Teil trägt im Original den Titel „Tiden den tar“ (2000). Ørstavik ist bekannt für ihre minimale, verknappte und klare Sprache. Wer psychologisch aufgeladene und spezielle Romane mag, wird in der Norwegerin eine Meisterin und in ihren Werken Schätze entdecken. Am Ende des Romans, der gut und gerne als multimediales Solostück auf die Bühne gebracht werden könnte, wird deutlich, dass dieses verschlossene Zimmer als eine Art Gefängnis nichts mit einem wundersamen Ereignis zu tun hat, sondern etwas Menschengemachtes ist. Es ist ein Schluss, der erschüttert und nachdenken lässt über Bindungen zwischen Menschen und Handlungsmotive.

Eine weitere Besprechung gibt es bereits auf dem Blog „literaturleuchtet“.


Hanne Ørstavik: „So wahr wie ich wirklich bin“, erschienen im Karl Rauch Verlag, in der Übersetzung aus  dem Norwegischen von Irina Hron; 192 Seiten, 20 Euro

Foto: pixabay

2 Gedanken zu „Hanne Ørstavik „So wahr wie ich wirklich bin““

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