Andrej Kurkow – „Graue Bienen“

„Grau kann auch strahlend sein! Du weißt nicht viel vom Grau! Ich kann wohl zwanzig Schattierungen von Grau unterscheiden.“ 

Seit Februar 2014 wütet im Osten der Ukraine der Krieg. Die Armee des Landes, russische Truppen sowie Separatisten kämpfen gegeneinander. Die einen für den Erhalt der Ukraine in ihren jetzigen Grenzen, die anderen für die Abspaltung der Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Mittendrin: die Zivilbevölkerung. Während der Krieg kaum auf das Interesse der breiten europäischen Öffentlichkeit stößt, scheint das Thema in der Literatur angekommen zu sein. Nach Serhij Zhadans Roman „Internat“ (Suhrkamp) widmet sich das neue Werk des auch hierzulande bekannten ukrainischen Schriftstellers Andrej Kurkow mit dem Titel „Graue Bienen“ dem Geschehen in Osteuropa, konkret in der Donbass-Region.    

Verbindung Mensch und Biene

Kurkow hat seit seinen früheren Romanen wie „Picknick auf dem Eis“ und „Pinguine frieren nicht“ in Deutschland eine begeisterte Leserschaft, zu der ich mich ebenfalls zähle. Zwar steht „Jimi Hendrix live in Lemberg“ noch ungelesen im Regal, doch seinen neuesten Streich wollte ich unbedingt kennenlernen. Weil mir den eingangs erwähnten Roman „Internat“ sehr gefallen hat und weil ich das Thema Bienen noch immer spannend finde, obwohl es derzeit gefühlt ein Überangebot an Büchern dazu gibt. Dabei geht es in Kurkows Buch nicht so sehr um Fragen und Probleme des Naturschutzes. Vielmehr zeigt er die besondere Verbindung sowie die Unterschiede zwischen Mensch und Biene auf – mit dem Ukraine-Konflikt, der indes auch in die friedlichen Regionen hineinreicht, als bedrohliche Kulisse.

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Im Mittelpunkt des Geschehens steht Sergej, seines Zeichens Bienenzüchter, der einst als Sicherheitsinspektor im Bergbau tätig war und nun als Invalide mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Er und sein Kindheitsfeind Paschka sind die einzig verbliebenen Bewohner des kleinen Dorfes mit dem langen Namen Malaja Starogradowka. Der Ort liegt in der grauen Zone, zwischen den beiden Fronten. Die restlichen Einwohner sind bereits gestorben oder haben die Flucht ergriffen. Die Kirche ist zerstört, einzige Häuser sind Ruinen. Im Dorf hat sich ein Scharfschütze eingerichtet. Es gibt kaum Tage oder Nächte ohne Artilleriefeuer. Die beiden verbliebenen Männer haben keinen Strom. Einst verfeindet, kommen sie mittlerweile gut miteinander aus. Sie teilen den Wodka und die wenigen Lebensmittel, die Sergej unter Lebensgefahr aus einem Nachbarort holt, Paschka indes dank seiner guten Beziehung zur russischen Armee erhält. Der Imker hat sich hingegen mit einem ukrainischen Soldaten angefreundet. In den langen und einsamen Winternächten schweifen seine Gedanken in die Vergangenheit, erfüllen ihn die Erinnerungen an seine Ex-Frau und die gemeinsame Tochter trotz früherer Konflikte mit einer gewissen inneren Wärme. Auch die Hingabe zu den Bienen gibt seinem mehr als bescheidenen Dasein einen Sinn.

„So fiel sein Lebenssinn mit seiner Arbeit zusammen, und Lebenssinn gab es hierbei mehr als Arbeit. Die Hauptarbeit erledigten die Bienen, und sie fragten ihn nicht um Rat, was sie wie machen sollten. Weder um Rat noch um Erlaubnis.“

Als der Frühling kommt, holt Sergej sein grünes Auto der Marke Schiguli aus dem Winterschlaf. Er begibt sich samt seinen Bienenstöcken auf eine Reise, sollen doch seine Bienen in Frieden ausschwärmen können. Paschka lässt er schweren Herzens zurück. Steht im ersten Teil des Romans das einfache Leben im Dorf und die dramatischen Auswirkungen des Krieges auf den Alltag der Bewohner im Mittelpunkt, wird der nachfolgende Teil zu einem Roadtrip – mit sowohl guten als auch dramatischen Erfahrungen an den einzelnen Stationen. Sergej muss mehrere Checkpoints und den Grenzübergang passieren. Er erlebt die Tücken der Bürokratie sowie feindselige Polizisten und Grenzsoldaten. Er lernt die Hilfe und Zuneigung der Verkäuferin Galja kennen, aber auch Hass und Missgunst und das Gefühl, als Eindringling zu gelten. Schließlich gelangt er auf die Krim, zur Familie des tartarischen Imkers Achtem, den er vor vielen Jahren als damals junger Mann auf einem Bienenzüchter-Kongress kennengelernt hatte und der von der Polizei verschleppt wurde und nunmehr als vermisst gilt.

Von der Willkür der Machthabenden

Kurkow verbindet in seinem Roman zwei brisante und aktuelle Themen: den Ostukraine-Konflikt und die Drangsalierung der Krim-Tartaren. Sowohl Sergej als auch Achtems Familie wollen in Frieden leben. Ihr Alltag an zwei verschiedenen Orten wird indes durch Gewalt und Zerstörung aufgrund der politischen Verhältnisse und der Willkür der Machthabenden geprägt. Trotz dieser sehr ernsten Problematik und dem schweren Los der Bevölkerung trifft Kurkow einen speziellen ironischen Ton, der an einen Schelmenroman denken lässt. Manche Szenen erscheinen überaus skurril. Wie die vergangenen Dorf-Besuche des Ex-Gouverneurs, der auf Sergejs Bienenstöcken schläft und ihm zum Dank ob der Erholung wertvolle Schuhe schenkt. Oder als der Imker kurzerhand die Straßen in seinem Dorf umbenennt, später die Post in die leeren Haushalte austrägt. Andere Passagen wie beispielsweise Sergejs Träume wirken hingegen surreal. Immer ist das Geschehen jedoch von einer tiefen Menschlichkeit getragen. Kurkow zeigt viel Sympathie für seine Helden. Einige Protagonisten beweisen in einer Lebenswelt aus Hass und Gewalt eine große Empathie für die Sorgen und Nöte der anderen und Hilfsbereitschaft: Der Imker deckt einen toten Soldaten mit Schnee zu, um ihn etwas Würde zu geben. Die beiden Frauen, die Sergej trifft, unterstützen sein Tun tatkräftig. Er macht sich wiederum für Achtem und dessen Sohn bei den Behörden stark. Per SMS erkundigt sich der Bienenfreund zudem nach dem Wohl des ukrainischen Soldaten.

Stilistisch hätten dem Roman ein paar Streichungen von redundanten Stellen gut getan. Zudem könnte der eine oder andere mit dem Ende hadern, denn Kurkow entscheidet sich für die meiner Meinung nach denkbar schlechteste weil uninteressanteste Option, obwohl Sergej mehrere Möglichkeiten offen stehen. Trotz alledem ist „Graue Bienen“ – die Farbe zielt nicht nur auf den Namen der Zone ab, sondern wird im letzten Part in einer bizarr anmutenden Traumsequenz  wieder aufgenommen – ein eindrucksvolles, berührendes und nachdenklich stimmendes Buch über das Leben der einfachen Menschen inmitten zerstörerischer Konflikte sowie über das enge Verhältnis zwischen Mensch und Insekt, die beide ein besonderes Verhalten verbindet: Sowohl die Bienen als auch einige Vertreter unserer Art sind gegenüber Fremden feindlich eingestellt.


Andrej Kurkow. „Graue Bienen“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing; 448 Seiten, 24 Euro

Foto: su mx auf Pixabay

2 Gedanken zu „Andrej Kurkow – „Graue Bienen““

  1. Das Buch klingt sehr interessant. Habe den Autor gestern auf 3sat gesehen. Weißt Du, ob es das Buch irgendwo in Deutschland auf Russisch gibt. Ich würde es evtl. gerne einer Bekannten aus Kasachstan schenken.
    Grüße aus Tübingen
    Norbert

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    1. Vielen Dank, Norbert, für deinen Kommentar hier zu diesem Beitrag und zu meinen Über-mich-Ausführungen. Ich weiß leider nicht, ob dieses Buch m Original hier in Deutschland erhältlich ist, aber ich kenne das von norwegischer Literatur, dass es Unternehmen gibt, die sich auf den Import fremdsprachiger Literatur spezialisiert haben, oder Du fragst direkt in einer guten Buchhandlung in deiner Stadt nach. Ich hoffe, ich konnte dir etwas helfen. Ansonsten kenne ich auch jemanden, den ich fragen könnte. Viele Grüße nach Tübingen

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